
Brüssels Milliarden Offensive: EU erklärt Wohnungskrise zum Demokratie Problem
Mit der Vorstellung des European Affordable Housing Plan am 16. Dezember 2025 in Straßburg hat die Europäische Kommission einen historischen Schritt gewagt. Erstmals in der Geschichte der Europäischen Union behandelt Brüssel das Thema Wohnen nicht nur als nationale Angelegenheit, sondern als gesamteuropäische Herausforderung. Dass Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Dezember 2025 mit Dan Jørgensen erstmals überhaupt einen Kommissar für Energie und Wohnen ernannte, unterstreicht den politischen Stellenwert des Themas. Der dänische Sozialdemokrat brachte es bei der Präsentation auf den Punkt: Wohnen sei kein Wirtschaftsgut, sondern ein Grundrecht.
Die Dringlichkeit des Handelns steht außer Frage. In den vergangenen zehn Jahren sind die Immobilienpreise EU weit um mehr als 60 Prozent gestiegen, die Mieten um über 20 Prozent. Millionen Europäerinnen und Europäer finden keine bezahlbare Wohnung mehr. In Deutschland gaben 2024 bereits 40 Prozent der Mieterhaushalte mehr als 30 Prozent ihres Nettoeinkommens für Wohnen aus. Die Krise betrifft längst nicht mehr nur einkommensschwache Haushalte: Auch die Mittelschicht, Studierende, Pflegekräfte und andere systemrelevante Berufsgruppen kämpfen mit explodierenden Wohnkosten. In Spanien, Portugal und den Niederlanden hat die Situation bereits zu Massenprotesten geführt.
Die Instrumente der Kommission
Der Plan setzt auf mehrere Hebel. Das Kernstück bildet die European Strategy for Housing Construction, die den Bausektor produktiver und innovativer machen soll. Bereits 43 Milliarden Euro hat die Kommission für Wohnungsbau mobilisiert. Eine neue Pan European Investment Platform, entwickelt gemeinsam mit der Europäischen Investitionsbank sowie nationalen und regionalen Förderbanken, soll zusätzliche Mittel erschließen. Besonders relevant für Deutschland: Die überarbeiteten EU Beihilferegeln erleichtern es Mitgliedstaaten künftig, nicht nur sozialen, sondern auch bezahlbaren Wohnungsbau für breitere Bevölkerungsschichten öffentlich zu fördern.
Darüber hinaus kündigt die Kommission eine neue Gesetzesinitiative zu Kurzzeitvermietungen an. Plattformen wie Airbnb haben in vielen europäischen Städten den Wohnungsmarkt zusätzlich unter Druck gesetzt. Barcelona, Amsterdam und Berlin haben bereits lokale Einschränkungen eingeführt, allerdings mit begrenztem Erfolg. Die neue Initiative soll Gebiete unter Wohnungsdruck gezielt entlasten. Außerdem will Brüssel gemeinsam mit nationalen und lokalen Behörden Planungs- und Genehmigungsverfahren vereinfachen, die das Wohnungsangebot bisher künstlich verknappen.
Das Neue Europäische Bauhaus als Qualitätsanker
Ein architektonisch besonders interessanter Aspekt des Plans ist die prominente Rolle des New European Bauhaus (NEB). Die von Ursula von der Leyen 2020 initiierte Bewegung für nachhaltige, schöne und inklusive Gestaltung wird nun systematisch in die Wohnungsbaupolitik integriert. Eine neue Mitteilung der Kommission sowie eine Empfehlung des Rates sollen das NEB als Motor für die ökologische Wende, Innovation und Bioökonomie stärken. Die NEB Academy wird Fachkräfte im Bausektor für nachhaltiges und kreislauforientiertes Bauen weiterbilden und Forschung in diesem Bereich fördern.
Für Architektinnen und Architekten bedeutet dies eine Chance: Das NEB verbindet Nachhaltigkeitsziele mit gestalterischem Anspruch und könnte verhindern, dass der Druck zur Kostensenkung auf Kosten der Baukultur geht. Allerdings bleibt abzuwarten, wie sich die Harmonisierungsbestrebungen auf regionale Bautraditionen auswirken. Die angekündigte Vereinfachung von Normen und Verfahren klingt verlockend, birgt aber auch das Risiko einer Nivellierung nach unten.
Zwischen europäischem Anspruch und nationalem Handeln
Zur Umsetzung des Plans wird eine Europäische Wohnungsbau Allianz gegründet, die Mitgliedstaaten, Städte, Regionen, EU Institutionen, Wohnungsanbieter und Verbände, Sozialpartner, Industrie und Zivilgesellschaft zusammenbringt. Ein Fortschrittsbericht ist noch in dieser Legislaturperiode vorgesehen, ein erster EU Wohnungsgipfel wurde für 2026 angekündigt. Teresa Ribera, Exekutiv Vizepräsidentin für den sauberen, gerechten und wettbewerbsfähigen Übergang, betonte bei der Vorstellung: Die Überarbeitung der Beihilferegeln mache es öffentlichen Stellen nun einfacher, in sozialen und bezahlbaren Wohnungsbau zu investieren.
Exekutiv Vizepräsident Stéphane Séjourné fügte hinzu, Europa treffe eine klare Entscheidung: vereinfachen, investieren und innovieren, um schneller, nachhaltiger und kostengünstiger zu bauen. Der fragmentierte Bausektor solle zu einem Motor für Wettbewerbsfähigkeit, sozialen Zusammenhalt und europäische Souveränität werden. Ein ambitioniertes Ziel, das in Deutschland auf eine Gemengelage aus 16 unterschiedlichen Landesbauordnungen, chronisch unterfinanzierten Kommunen und einem seit Jahren schrumpfenden Sozialwohnungsbestand trifft.
Ein Anfang, kein Ende
Der European Affordable Housing Plan markiert einen Paradigmenwechsel in der europäischen Politik. Dass Brüssel Wohnen endlich als gesamteuropäisches Thema anerkennt und einen eigenen Kommissar dafür ernennt, verdient Anerkennung. Die 43 Milliarden Euro können einen Unterschied machen, wenn sie klug eingesetzt werden. Die eigentliche Arbeit beginnt jedoch jetzt: in den nationalen Parlamenten, den kommunalen Bauämtern und den Planungsbüros. Der EU Plan kann Impulse setzen, Beihilferegeln lockern und Hindernisse abbauen. Wohnungen bauen müssen am Ende andere. Kommissar Jørgensen formulierte es drastisch: Wenn Europa diese Krise nicht löse, riskiere man ein Vakuum, das extremistische politische Kräfte füllen würden. Die Demokratie selbst stehe auf dem Spiel.

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