Baukunst - FLUX München: Das Pinakothek-Experiment als Modell für den öffentlichen Raum
Temporäre Installation erprobt neues Museumskonzept an der Pinakothek der Moderne ©Depositphotos_107348134_S

FLUX München: Das Pinakothek-Experiment als Modell für den öffentlichen Raum

22.02.2026
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Claudia Grimm

FLUX: Experiment am Kunstareal

Der „Dritte Ort“ an der Pinakothek der Moderne — zwischen Partizipation, Stadtpolitik und temporärer Architektur

Zwischen Kieswüste und Kulturwunder

Eine Schotterfläche als Parkplatz — das war der unspektakuläre Status quo südlich der Pinakothek der Moderne entlang der Gabelsbergerstraße. Diese sogenannte Kieswüste war Münchner Stadtplanern und Museumsmachern gleichermassen seit Jahren ein Dorn im Auge. Nun soll sich das ändern: Mit FLUX entsteht ab Ende Juni 2025 für fünf Jahre ein „Dritter Ort“, dessen leuchtend bunter Entwurf von der britischen Künstlerin und Designerin Morag Myerscough stammt — und der Diskussionen weit über das Münchner Kunstareal hinaus auslöst.

Das Konzept des „Dritten Ortes“ geht auf den amerikanischen Stadtsoziologen Ray Oldenburg zurück, der damit in seinem 1989 erschienenen Werk „The Great Good Place“ Räume jenseits von Wohnung und Arbeitsplatz beschrieb. Bibliotheken, Cafés, Marktplätze: Orte, die durch niedrigschwelligen Zugang sozialen Zusammenhalt stiften. Dass ein Münchner Kunstareal nun dieses Konzept für sich beansprucht, ist kein Zufall — es spiegelt einen breiteren Paradigmenwechsel in der deutschen Museumswelt wider.

Morag Myerscough: Mehr als bunte Kulisse

Die Künstlerin, deren Vorfahren im Zirkus auftraten und die in einem Londoner Arbeiterviertel aufwuchs, ist in München kein unbeschriebenes Blatt. Ihr „Stadion der Träume“ — die farbenfrohe Bühnenkonstruktion für die Fußball-Europameisterschaft 2024 beim alten Gasteig — wurde schnell zum Publikumsliebling. Myerscough setzt konsequent auf geometrische Muster, gesättigte Farben und partizipative Prozesse: Ihre Entwürfe entstehen in Gemeinschaft mit den jeweiligen Communities vor Ort.

Für FLUX setzte sie sich in einem geladenen Wettbewerb gegen 17 weitere Künstlerinnen und Künstler durch. Die Jury, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern der vier Pinakotheken-Museen und der Stiftung Pinakothek der Moderne, wählte einstimmig — und wie Projektleiterin Eva Tillig bestätigt, bewusst „den mutigsten, interessantesten und buntesten Entwurf“. Ob Mut allein ausreicht, um eine Kiesbrache zur urbanen Lebenswelt zu machen, ist eine andere Frage.

Architektonisch ist FLUX eine zweigeschossige, begehbare Skulptur, die den Wintergarten der Pinakothek der Moderne mit dem Außenbereich verbindet. Holz und recycelbare Materialien dominieren den Bau — ein nachhaltigkeitsorientierter Ansatz, der zum partizipativen Ethos der Künstlerin passt. Ein „Tree House“ im Cafébereich bietet Witterungsschutz, der „Kitchen Garden“ bedient Myerscoughs Gartenliebe, ein „Bandstand“-Pavillon fungiert als Bühne für Konzerte und Lesungen. Gastronomie und öffentliche Toiletten ergänzen das Angebot — und das alles unabhängig von den Museumsöffnungszeiten, sieben Tage die Woche.

Finanzierung: Stiftungskultur und Leo Kirchs Erbe

Die Gesamtkosten des Projekts werden mit 1,5 Millionen Euro angegeben. Getragen wird FLUX von den vier Museen des Hauses sowie der Stiftung Pinakothek der Moderne, die das Projekt anlässlich ihres 30. Gründungsjubiläums realisiert. Als Hauptförderer hat man die Thomas Kirch Stiftung sowie die Kirch Stiftung gewonnen — beides Einrichtungen in Erinnerung an den Münchner Medienunternehmer Leo Kirch und seine Frau Ruth. Stiftungsratsvorsitzender Reinhard Scolik formuliert die Erwartungshaltung klar: Man hoffe, Menschen anzusprechen, „die erst an Kunst herangeführt werden müssen“.

Diese Aussage ist aufschlussreich. Sie bestätigt, was Kritikerinnen und Kritiker temporärer Kulturprojekte häufig bemängeln: die implizite Annahme, Hochkultur sei per se nicht zugänglich und bedürfe einer Art Lockmittel. Ob ein bunter Pavillon tatsächlich neue Publikumsschichten in die Museen führt oder vor allem das bestehende Kunstareal-Publikum bereichert, wird sich erst nach den fünf Jahren zeigen. Die Stiftung baut eine eigene Betriebsgesellschaft für FLUX auf — ein Zeichen, dass man das Experiment ernstnimmt, aber auch, dass die Betriebskosten dauerhaft gesichert sein müssen.

Stadtpolitik: Die Kieswüste als Experimentierfeld

Räumlich betrifft FLUX eine Fläche, die im Münchner Stadtgebrauch bisher als Parkplatz diente. Der Wochenmarkt an der Türkenstraße soll unverändernd bleiben — ein wichtiges Signal in einem Stadtquartier, das zwischen Gentrifizierungsdruck, Universitätsbetrieb und Museumstourismus balanciert. Die Maxvorstadt ist kein homogenes Milieu: Studierende, Anwohnerinnen und Anwohner, Kulturtouristinnen und Kulturtouristen sowie obdachlose Menschen nutzen das Kunstareal auf sehr unterschiedliche Weisen.

Dass FLUX als „Wohlfühlort ohne Konsumzwang“ konzipiert ist, klingt einladend — und steht gleichzeitig in einem gewissen Widerspruch zur Tatsache, dass gastronomische Angebote eingeplant sind. Die Frage, wie viel Konsum ein Ort verträgt, ohne seinen inklusiven Charakter zu verlieren, ist nicht trivial. Das Kollektiv „This Is Really Happening“ — bekannt durch Zwischennutzungsprojekte wie das Lovelace-Hotel, Sugar Mountain im alten Sendlinger Betonwerk und die Aktionen in der ehemaligen Paketposthalle an der Friedenheimer Brücke — begleitet FLUX programmatisch. Die Münchner Zwischennutzungsszene hat Erfahrung darin, Räume lebendig und zugänglich zu halten; dass man sie eingebunden hat, spricht für das Vorhaben.

Temporäre Architektur als Testlabor

Stiftungsvorstand Markus Michalke sieht FLUX nicht als Endpunkt, sondern als Anfang. Die Stiftung erwarb vor einigen Jahren vom Architekten der Pinakothek der Moderne, Stephan Braunfels, das Urheberrecht am zweiten Bauabschnitt auf dem Gelände der ehemaligen Türkenkaserne. Braunfels hatte dort ein Haus für die Graphische Sammlung geplant, das den Rotundenbau des Hauptgebäudes ergänzen sollte — ein Vorhaben, das steckenblieb. FLUX soll nun zeigen, „wie die Seele des Dritten Ortes weiterentwickelt werden kann“, bevor ein permanentes Gebäude folgt.

Dieser Ansatz — temporär bauen, um dauerhaft zu lernen — ist im internationalen Architekturkontext längst etabliert. Vom Serpentine Pavilion in London bis zu den temporären Pavillons der Biennale di Venezia: Das Experiment vor dem Permanenten ist ein anerkanntes Planungsinstrument. In der deutschen Museumswelt hingegen ist diese Denkweise noch vergleichsweise selten. FLUX könnte hier Modellcharakter entwickeln — vorausgesetzt, die Auswertung des fünfjährigen Betriebs erfolgt systematisch und öffentlich nachvollziehbar.

Denn genau hier liegt eine Lücke im bisherigen Kommunikationskonzept: Wie wird der Erfolg von FLUX gemessen? Besucherzahlen? Neue Museumsmitgliedschaften? Soziale Heterogenität der Nutzerinnen und Nutzer? Ohne klare Evaluationskriterien läuft das Experiment Gefahr, zur selbstbeweihräuchernden Geste zu werden. Stiftungsvorstand Michalkes zuversichtliches „Wir sind mutig“ klingt ermutigend, ersetzt aber kein Wirkungskonzept.

Ein Signal — und seine Grenzen

FLUX ist ein ermutigendes Signal: Die Pinakothek der Moderne und ihre Stiftung zeigen, dass ein großes Haus bereit ist, seine Grenzen physisch und konzeptuell zu verschieben. Die Wahl einer Künstlerin mit partizipativem Selbstverständnis statt eines konventionellen Architekturbüros ist mutig. Die Einbindung lokaler Zwischennutzungsakteure ist klug. Die Nachhaltigkeitsorientierung im Bau ist zeitgemäß.

Gleichzeitig bleibt die Frage, ob ein 1,5-Millionen-Euro-Projekt an einem der privilegiertesten Kunstorte Deutschlands wirklich jene Menschen erreicht, die „erst an Kunst herangeführt werden müssen“. Soziale Inklusion entsteht nicht allein durch bunte Farben und offene Türen. Sie erfordert aktive Vernetzungsarbeit mit dem Kiez, mit Schulen und sozialen Einrichtungen — und eine beharrliche Präsenz jenseits des Eröffnungswochenendes. Das partizipative Workshopformat, das wöchentlich angeboten werden soll, ist ein erster Schritt. Ob er genügt, werden die nächsten fünf Jahre zeigen.

Für die Architekturwelt bleibt FLUX vor allem eines: ein stadtpolitisches Experiment, das zeigt, wie viel Spielraum zwischen Parkplatz und Museumsbau steckt — wenn man bereit ist, ihn mutig zu nutzen.

Ort — Gabelsbergerstraße / Ecke Türkenstraße, München Eintritt — kostenlos, kein Konsumzwang, eigene Speisen erlaubt Öffnungszeiten — Außenbereich täglich; Gastronomie Di–So 10–22 Uhr; Innenbereich ab 29. April 2026Programm — Yoga, Workshops (Open4Making), Konzerte, DJ-Sets, Lesungen, Performances — alles kostenlosKontakt — hello@flux-munich.com / flux-munich.com Anreise — U-Bahn, Bus 100, Tram 27/28, kein öffentlicher Parkplatz Barrierefreiheit — Rampe, rollstuhlgerecht Laufzeit — 2025 bis ca. 2030