Baukunst - Frankfurt (Oder) und sein Literaturmuseum: Wenn Architektur Geschichte erzählt
Kleist Museum 1982_©Stiftung Kleist

Frankfurt (Oder) und sein Literaturmuseum: Wenn Architektur Geschichte erzählt

23.01.2026
 / 
 / 
Claudia Grimm

Vom Zopfstil zum Dolomit Kubus: Das Kleist Museum als architektonisches Gesamtkunstwerk

Frankfurt an der Oder trägt seit 1998 den Zusatz Kleiststadt im Namen. Diese Selbstbezeichnung ist mehr als städtisches Marketing, sie ist ein Bekenntnis zu einem kulturellen Erbe, das in der ehemaligen Garnisonschule an der Faberstraße seinen sichtbaren Ausdruck findet. Das Kleist Museum, einziges seiner Art weltweit, präsentiert sich heute als bemerkenswertes Doppelensemble: ein spätbarocker Bau aus dem 18. Jahrhundert im Dialog mit einem zeitgenössischen Erweiterungsbau von 2013. Die aktuelle Sonderausstellung „Zerbrochne Harmonien. Kleist und die Musik” fügt diesem architektonischen Gespräch eine weitere Ebene hinzu.

Ein Baudenkmal mit bewegter Geschichte

Die Geschichte des historischen Gebäudes beginnt 1777, im Geburtsjahr Heinrich von Kleists. Der Berliner Baumeister Martin Friedrich Knoblauch entwarf die Garnisonschule im Auftrag des Herzogs Leopold von Braunschweig. Der zweigeschossige, siebenachsige Bau mit seinem charakteristischen Mansardwalmdach gehört stilistisch dem sogenannten Zopfstil an, der letzten Phase des Spätbarocks. Die abgerundeten Gebäudeecken, flankiert von Kolossalpilastern, und die als Ansichten konzipierten Fassaden zeugen von architektonischem Anspruch auch bei einem funktionalen Bildungsbau.

Das Gebäude überlebte die Jahrhunderte, während Kleists ursprüngliches Geburtshaus den Bomben des Zweiten Weltkriegs zum Opfer fiel. Nach verschiedenen Stationen der Kleist Sammlung in der Stadt fand das 1969 gegründete Museum in der ehemaligen Schule eine dauerhafte Bleibe. Dass ausgerechnet ein Bau aus Kleists Geburtsjahr zur Heimstatt seines Andenkens wurde, mag Zufall sein, verleiht dem Ort jedoch eine zusätzliche symbolische Dimension.

Der Neubau: Selbstbewusste Zurückhaltung

Die Fülle der Sammlungsbestände und die wachsenden Aufgaben der Forschungseinrichtung machten einen Erweiterungsbau unumgänglich. Das Offenburger Büro Lehmann Architekten gewann 2010 den Wettbewerb mit einem Entwurf, der die Jury überzeugte, obwohl, oder gerade weil, er einen deutlichen Kontrast zum Altbau setzt.

Der dreigeschossige Neubau, 2013 nach einer Bauzeit von etwa zwei Jahren eröffnet, versteht sich als Stadtbaustein. Er fügt sich in die Flucht der Faberstraße ein und nimmt die Höhe des benachbarten Mansarddaches auf. Dort endet die formale Verwandtschaft. Während der Barockbau mit Kolossalpilastern, Gesimsen und Fensterrundbögen arbeitet, präsentiert sich der Erweiterungsbau als strenger Kubus mit einer Fassade aus Wachenzeller Dolomit. Die geschosshohen Natursteinplatten, 52 Zentimeter breit und bis zu 3,10 Meter hoch, umschließen den Stahlbetonbau wie eine raue Haut.

Die Architekten begründeten ihre Materialwahl mit Kleists Naturverbundenheit. Der poröse, raue Stein soll an die Schweizer Landschaft erinnern, in der der Dichter 1802 sein bürgerliches Leben hinter sich lassen wollte. Ob diese Assoziation bei den Besucherinnen und Besuchern ankommt, bleibt offen. Unstrittig ist jedoch, dass die Fassade eine eigenwillige Textur in die weitgehend verputzte Umgebung bringt.

Räumliche Dramaturgie zwischen Alt und Neu

Eine gläserne Fuge verbindet die beiden Baukörper auf zwei Ebenen, ohne ihre Eigenständigkeit aufzuheben. Der Haupteingang liegt nun im Neubau, ein tiefer Einschnitt in der Fassade markiert ihn als einzige plastische Betonung der sonst flächigen Wand. Von hier aus erschließen sich die 2.316 Quadratmeter Bruttogeschossfläche des Erweiterungsbaus: Museumspädagogik und Veranstaltungsräume im Erdgeschoss, die Dauerausstellung zum Werk Kleists im ersten Obergeschoss, Bibliothek und Verwaltung darüber, klimatisierte Depots im Kellergeschoss.

Die Dauerausstellung „Rätsel. Kämpfe. Brüche.” nutzt beide Gebäude und macht den Wechsel zwischen ihnen zum Teil der Besuchserfahrung. Das Leben des Dichters wird im Altbau erzählt, sein Werk im Neubau. Ein bewusst uneben gestalteter Fußboden im Ausstellungsraum zum Werk schafft eine körperliche Irritation, die an die Brüche in Kleists Texten erinnern soll. Solche sensualistischen Eingriffe unterscheiden das Museum von konventionelleren Literaturausstellungen.

Die Sonderausstellung als Klangkörper

Bis zum 14. Juli 2026 widmet sich das Museum einer weniger bekannten Facette seines Hausdichters. „Zerbrochne Harmonien. Kleist und die Musik” nimmt ein Zitat von 1811 zum Ausgangspunkt: Kleist wollte sich ein Jahr lang mit nichts als der Musik beschäftigen und alles, was er über die Dichtkunst gedacht habe, auf Töne beziehen. Zu dieser Verwirklichung kam es nicht mehr.

Die von Dr. Adrian Schliebe kuratierte Ausstellung, gestaltet vom Hallenser Studio Neue Museen, präsentiert sowohl die Bedeutung der Musik für Kleist als auch seine musikalische Rezeptionsgeschichte. Der Fokus liegt auf drei Opernbearbeitungen seines Lustspiels „Der zerbrochne Krug”: Viktor Ullmanns Version von 1942, entstanden kurz vor seiner Deportation nach Theresienstadt; Zbyněk Vostřáks tschechische Adaption von 1962; und Fritz Geißlers DDR Vertonung von 1969. Dass gerade die Ullmann Oper, ein Werk im Angesicht der Vernichtung, den komischen Stoff mit Jazz Anleihen behandelt, gehört zu den verstörenden Entdeckungen der Schau.

Regionale Bedeutung, überregionale Ausstrahlung

Das Kleist Museum ist seit 2019 eine brandenburgische Landesstiftung unter Beteiligung des Bundes und der Stadt Frankfurt (Oder). Die jüngst abgeschlossene Sanierung des historischen Gebäudes mit einem Volumen von über zwei Millionen Euro demonstriert die Bereitschaft aller Ebenen, in diesen Kulturort zu investieren. Kulturstaatsministerin Claudia Roth bezeichnete das Projekt als Paradebeispiel für gelungenen Kulturföderalismus.

Für die Grenzstadt Frankfurt (Oder) ist das Museum mehr als eine Gedenkstätte. Es ist ein identitätsstiftender Ort in einer Region, die mit demografischem Wandel und wirtschaftlichem Strukturwandel kämpft. Die Lage direkt am Oder Neiße Radweg macht es zum touristischen Anlaufpunkt, die Kooperation mit der Europa Universität Viadrina verbindet es mit der akademischen Welt, die Bibliothek mit über 100.000 Bestandseinheiten zieht internationale Forschende an.

Ein gelungener Dialog?

Die Fassade des Neubaus war von Anfang an nicht unumstritten, wie zeitgenössische Berichte vermerken. Im Inneren jedoch überzeugt der lichtdurchflutete, funktionale Bau. Die Qualität der Architektur liegt weniger in spektakulären Gesten als in der klugen Zurückhaltung, die dem historischen Nachbarn den Respekt nicht verweigert, ohne ihm unterwürfig zu werden.

Dass nun eine Ausstellung über Musik in diesen Räumen stattfindet, fügt dem architektonischen Dialog eine akustische Dimension hinzu. Kleist selbst schrieb über die Gewalt der Musik und meinte damit ihre emotionale Kraft. Das Zusammenspiel von spätbarocker Ornamentik und zeitgenössischer Reduktion, von historischem Auftrag und gegenwärtiger Forschung macht das Kleist Museum zu einem Ort, an dem sich diese Kraft entfalten kann.

Besucherinformationen

Adresse: Stiftung Kleist Museum Faberstraße 6–7 15230 Frankfurt (Oder)

Kontakt: Tel.: +49 335 387 221 0 Fax: +49 335 387 221 90 E Mail: info@kleist-museum.de Web: www.kleist-museum.de

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 10:00–18:00 Uhr Montag: geschlossen (an gesetzlichen Feiertagen geöffnet) Einlass bis 15 Minuten vor Schließung Geschlossen: 1. Januar, 24., 25. und 31. Dezember

Eintrittspreise: Erwachsene: 7 € Ermäßigt: 4 € (Studierende, Erwerbslose, Mitglieder Museumsverband Brandenburg, Schwerbeschädigte ab GdB 50) Familienticket: 10 € (2 Erwachsene + Kinder unter 18 Jahren) Gruppen: 4 € pro Person (ab 11 Personen) Freier Eintritt: unter 18 Jährige, ICOM Mitglieder, Förderkreismitglieder, Begleitperson von Schwerbeschädigten

Museumssonntag: Jeder 3. Sonntag im Monat freier Eintritt für alle

Kombi Ticket Frankfurter Museen: 12 € (ermäßigt 9 €) Gültig für 3 Museen innerhalb von 72 Stunden: Kleist Museum, Museum Viadrina, Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst

Aktuelle Sonderausstellung: „Zerbrochne Harmonien. Kleist und die Musik” Bis 14. Juli 2026 Kurator: Dr. Adrian Schliebe Gestaltung: Studio Neue Museen, Halle (Saale)

Dauerausstellung: „Rätsel. Kämpfe. Brüche. Die Kleist Ausstellung”