Baukunst - Grazer Krankenhauskapelle gewinnt World Interior of the Year 2025: Wie Fraktale heilen können
Grazer Minikapelle wird Weltspitze_ Fractal Chapel, LKH Graz, INNOCAD Architektur ©Paul Ott

Grazer Krankenhauskapelle gewinnt World Interior of the Year 2025: Wie Fraktale heilen können

24.01.2026
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Claudia Grimm

Fraktal Kapelle Graz: Wenn Wissenschaft den Sakralraum betritt

Es ist eine Nachricht, die zunächst irritiert: Der beste Innenraum der Welt 2025 misst gerade einmal 35 Quadratmeter, befindet sich im Erdgeschoss eines steirischen Krankenhauses und dient als evangelische Kapelle. Die Fractal Chapel, offiziell Lukaskapelle genannt, gewann im November 2025 beim World Architecture Festival in Miami den Titel World Interior of the Year. Ein Grazer Architekturbüro hat damit ein international beachtetes Zeichen gesetzt, das weit über die Steiermark hinausstrahlt.

Das Grazer Büro INNOCAD unter der Leitung von Martin Lesjak und Peter Schwaiger realisierte mit diesem Projekt etwas Ungewöhnliches: einen Sakralraum, dessen Gestaltung auf neurowissenschaftlicher Forschung basiert. In Zusammenarbeit mit dem Produktdesignstudio 13&9 Design und dem Physikprofessor Richard Taylor von der University of Oregon entstand ein Raum, der nicht nur spirituelle, sondern auch physiologische Wirkung entfalten soll.

Die Wissenschaft hinter dem Entwurf

Fraktale Muster bilden das Herzstück des Gestaltungskonzepts. Diese selbstähnlichen Strukturen, wie sie in der Natur bei Bäumen, Wolken und Küstenlinien vorkommen, wurden von Taylors Team systematisch erforscht. Seine Studien begannen bereits in den 1980er Jahren mit NASA Experimenten zur Stressreduktion bei Astronautinnen und Astronauten in isolierten Umgebungen. Die Ergebnisse zeigen: Der Blick auf spezifische fraktale Muster kann das Stressniveau um bis zu 60 Prozent senken.

Für die Grazer Kapelle entwickelte das transdisziplinäre Team eigens ein Computerprogramm, das künstlerische Gestaltung mit quantitativer wissenschaftlicher Analyse verbindet. Die erzeugten Muster wurden in psychologischen Experimenten getestet und optimiert. Die Resultate wurden in einer Sonderausgabe zum biophilen Design in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychology publiziert.

Inszenierung zwischen Liturgie und Therapie

Der Eingangsbereich der Kapelle ist bewusst niedrig gehalten. Wer ihn durchschreitet, betritt einen acht Meter hohen Raum mit raumhoher Glasfassade. Diese religiöse Szenografie folgt klassischen Prinzipien des Sakralbaus: Kompression und Entfaltung erzeugen ein Gefühl der Transzendenz. Spiralförmig gewundene, perforierte Wandpaneele umhüllen den Raum. Sie verbergen Sakristei, Medientechnik und Gebäudetechnik und lassen zugleich natürliches und künstliches Licht filtern.

Das Spiel aus Licht und Schatten verändert sich im Tagesverlauf und unterstützt den zirkadianen Rhythmus. Die Beleuchtung wurde von XAL auf Basis eines DALI Systems realisiert und ermöglicht verschiedene Szenarien für Gottesdienst, Gebet und Reinigung. Die Materialpalette beschränkt sich auf Holz: Boden, Decke, Sitzbänke und Altar tragen zu einer erdigen, warmen Atmosphäre bei.

Ein Altar erzählt Geschichten

Im Zentrum der Kapelle steht ein Altar des Grazer Bildhauers Manfred Erjautz. Der Otto Mauer Preisträger schuf ihn aus dem umgedrehten Wurzelstock eines jahrhundertealten Walnussbaums, gekrönt von einem dezenten bronzenen Kreuz. Das Material stammt von einem ehemaligen Friedhof, der heute als Kindergartenspielplatz dient. Erjautz, bekannt für seine subtilen Auseinandersetzungen mit Vergänglichkeit und Transformation, verdichtet in diesem Objekt die Themen von Leben, Tod und Wandel.

Regionale Verankerung und ökumenische Offenheit

Die Lukaskapelle hat eine lange Geschichte am LKH Universitätsklinikum Graz. Bereits 1912 richtete das evangelische Presbyterium einen Betraum im damaligen Krankenhausneubau ein. 1987 entstand eine eigene Lukaskapelle nach Plänen von Werner Hollomey, die jedoch 2012 dem Neubau des Chirurgiekomplexes weichen musste. Den 2011 ausgelobten Ideenwettbewerb der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft KAGes konnte INNOCAD für sich entscheiden.

Der evangelische Seelsorger Christian Graf formulierte die Intention hinter dem Projekt prägnant: Die Kapelle solle in der komplexen, digitalisierten Welt ein Gegenangebot schaffen, einen Ort, an dem sich Menschen geerdet, geborgen und verbunden fühlen können. Die katholische Krankenhausseelsorge war eng in die Planung eingebunden und leistete sowohl ideelle als auch finanzielle Beiträge. Diese ökumenische Zusammenarbeit spiegelt das Miteinander der Konfessionen am größten Krankenhaus der Steiermark.

Kritische Würdigung

Die internationale Anerkennung der Fraktal Kapelle wirft Fragen auf, die über das Projekt hinausreichen. Ist es ein Zeichen architektonischer Bescheidenheit oder kultureller Erschöpfung, wenn der beste Innenraum der Welt aus einem Rückzugsort im Krankenhausbetrieb besteht? Die Antwort liegt vermutlich in der Zeitdiagnose: Nach Jahren der spektakulären Gesten sucht die internationale Architekturszene offenbar nach Räumen, die dem Menschen dienen, statt ihn zu beeindrucken.

Das Grazer Projekt demonstriert, wie regionale Akteure internationale Standards setzen können. INNOCAD, 1999 gegründet und fest in der steirischen Architekturszene verankert, zeigt, dass Weltklasse nicht zwingend aus den Metropolen kommen muss. Die Zusammenarbeit mit lokalen Künstlerinnen und Künstlern wie Manfred Erjautz und internationalen Wissenschaftlern wie Richard Taylor bildet ein Modell für transdisziplinäre Projektentwicklung, das über die Grenzen Österreichs hinaus Beachtung verdient.

Allerdings bleibt die Frage offen, inwieweit die wissenschaftlich fundierten Gestaltungsprinzipien tatsächlich im Klinikalltag wirken. Die 60 Prozent Stressreduktion durch fraktale Muster stammen aus Laborstudien. Ob Patientinnen und Patienten, Angehörige und Pflegepersonal im realen Krankenhauskontext ähnliche Effekte erleben, wäre systematisch zu evaluieren. Dass das medizinische Personal die Kapelle bereits als Rückzugsort in akuten Belastungssituationen nutzt, deutet immerhin auf eine positive Resonanz hin.

Übertragbarkeit und Modellcharakter

Die Fraktal Kapelle könnte zum Modell für eine heilungsorientierte Architektur werden, die über den Sakralraum hinausreicht. Die Erkenntnisse zur stressreduzierenden Wirkung fraktaler Muster lassen sich auf Wartebereiche, Pflegestationen oder Rehabilitationszentren übertragen. 13&9 Design hat bereits Bodenbelagskollektionen für gewerbliche Räume entwickelt, die auf denselben Prinzipien basieren.

Für den österreichischen Krankenhausbau, der oft zwischen funktionaler Nüchternheit und oberflächlicher Freundlichkeit schwankt, liefert das Grazer Projekt einen wichtigen Impuls. Es zeigt, dass evidenzbasierte Gestaltung und atmosphärische Qualität keine Gegensätze sind. Die relativ geringen Kosten einer solchen Intervention machen sie auch für öffentliche Träger attraktiv.

Die am 20. Mai 2025 eröffnete Lukaskapelle steht allen offen, unabhängig von Konfession oder Weltanschauung. Sie ist ein Ort der Stille im Betrieb eines Großklinikums geworden. Dass dieser bescheidene Raum nun internationale Aufmerksamkeit erfährt, mag überraschen. Es könnte aber auch als Zeichen gelesen werden, dass die Architektur ihre eigentliche Aufgabe wiederentdeckt: Räume zu schaffen, die dem Menschen guttun.