Baukunst - Hamburgs Bornplatzsynagoge: Wiederaufbau als Akt der Stadtreparatur und des kollektiven Gedächtnisses
Hamburgs Synagogenwiederaufbau als gesellschaftlicher Auftrag © © Büro Schulz und Schulz Architekten mit Haberland Architekten und POLA Landschaftsarchitekten

Hamburgs Bornplatzsynagoge: Wiederaufbau als Akt der Stadtreparatur und des kollektiven Gedächtnisses

23.02.2026
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Claudia Grimm

Eine Leerstelle hört auf zu schweigen

Am Joseph-Carlebach-Platz im Hamburger Grindelviertel erzählen dunkle Granitsteine seit Jahrzehnten von einem Verbrechen. Dort, wo einst die Bornplatzsynagoge stand, das größte jüdische Gotteshaus Norddeutschlands mit 1.200 Plätzen, gibt es nur noch Pflaster und Schweigen. 1908 eingeweiht, 1938 in der Reichspogromnacht geschändet und geplündert, 1939 auf Befehl der Nationalsozialisten abgerissen. Nun soll diese schmerzende Leerstelle Geschichte werden.

Mitte September 2025 stellte die Stiftung Bornplatzsynagoge gemeinsam mit dem Hamburger Senat den Siegerentwurf des Architekturwettbewerbs vor: Das Büro Schulz und Schulz aus Leipzig, ergänzt durch Haberland Architekten aus Berlin und POLA Landschaftsarchitekten, überzeugte eine 27-köpfige Jury einstimmig. Die Botschaft ist eindeutig: Hamburg baut, was die Nationalsozialisten zerstört haben.

Rekonstruktion mit Haltung: Backstein, Neoromanik und eine gläserne Kuppel

Der Entwurf orientiert sich eng am historischen Original. Rund 40 Meter hoch, in neoromanischem Stil, aus Backstein gefertigt, mit historischen Ziegeln aus der Bauzeit der alten Synagoge. Wer nur flüchtig hinschaut, sieht das Gebäude von 1908 wiedererstehen. Wer genauer hinsieht, entdeckt den eigentlichen architektonischen Kommentar: die gläserne Kuppel.

Wo das Original eine massive Steinkuppel hatte, setzt der neue Entwurf auf Transparenz. Daniel Scheffer, Vorsitzender der Stiftung Bornplatzsynagoge, nannte die gläserne Kuppel einen ‚Superlativ‘, der für Offenheit stehe. Andererseits ermöglicht die historisierte Fassade, so Scheffer, die ‚Verbindung zur Vergangenheit, zu unseren Vorfahren, zu unserer Geschichte‘. Dieser Doppelcharakter ist kein Widerspruch, sondern das eigentliche Kunststück des Entwurfs: Erinnerung und Zukunft in einem einzigen Gebäude.

Um die Hauptsynagoge herum sind vier weitgehend nüchtern gehaltene Nebengebäude geplant. Sie werden die Gemeindeverwaltung, Wohnungen, eine kleine Bibliothek, ein Café sowie eine Reformsynagoge für das liberale Judentum beherbergen. Oberbaudirektor Franz-Josef Höing lobte die ‚feingliedrige, differenzierte‘ Architektur, die ‚an die Materialität und Maßstäblichkeit der Nachbarschaft‘ anknüpfe. Eine Stadtreparatur, nannte er das, und der Begriff trifft es gut.

Offenheit als politisches Programm: keine Zäune

Wer am Tag der Präsentationsveranstaltung in der Joseph-Carlebach-Schule an den Granitsteinmarkierungen vorbeikam, musste zuvor Polizisten mit Maschinenpistolen passieren, Sicherheitsschleusen durchqueren und einen hohen Metallzaun überwinden. Diese Realität jüdischen Lebens in Deutschland im Jahr 2025 könnte kaum deutlicher mit dem Anspruch des geplanten Neubaus kollidieren: Die Bornplatzsynagoge soll ohne Zäune auskommen.

Allein im ersten Halbjahr 2025 wurden in Hamburg 48 antisemitische Straftaten registriert. Im Sommer wurde der Hamburger Antisemitismusbeauftragte Stefan Hensel in der Stadt attackiert. Im schleswig-holsteinischen Flensburg erteilte ein Ladenbesitzer Jüdinnen und Juden per Plakat ein ‚Hausverbot‘. Der Antisemitismus ist nah.

Dennoch hält die Jüdische Gemeinde Hamburg am Konzept ‚offen‘ fest. Als Vorbild dient das Jüdische Zentrum in München, das ebenfalls auf Zaunanlagen verzichtet. Stattdessen sind im Inneren Sicherheitsschleusen geplant. Philipp Stricharz, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, betonte, der Entwurf balanciere ‚Offenheit einerseits und notwendige Prävention andererseits‘. Das ist keine naive Haltung, sondern ein bewusster politischer Akt: Jüdisches Leben gehört in diese Stadt, nicht hinter Zäune.

Lange Vorgeschichte, offener Zeitplan

Die Pläne zum Wiederaufbau existieren seit Jahren. Senat, Bürgerschaft und Bund unterstützen das Vorhaben. Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit brachte die Haltung Hamburgs auf eine Formel: Die Antwort auf die Frage nach den Kosten könne ‚whatever it takes‘ lauten, ’natürlich mit Augenmaß‘. Konkrete Zahlen nennt niemand. Auch ein Baubeginn ist nicht datierbar.

Zunächst muss ein Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg abgerissen werden, der den südlichen Teil des Platzes begrenzt und heute noch von der Universität Hamburg genutzt wird. Dazu laufen Absprachen mit der Wissenschaftsbehörde, der Universität und dem Bezirk. Erst nach dem Bunkerabriss folgt die Fachplanung, dann die Ausschreibung. Der Bund hat seit 2020 bereits 13 Millionen Euro beigesteuert. Die eigentlichen Baukosten sind noch völlig offen.

Bei Ausgrabungen am Bornplatz wurden Fundstücke der alten Synagoge geborgen. Sie sollen künftig im Neubau ausgestellt werden, eine stille, materielle Klammer zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Was dieser Wiederaufbau über Architektur hinaus bedeutet

Die Bornplatzsynagoge ist kein Sonderfall innerhalb der deutschen Rekonstruktionsdebatte. Sie steht in einer Reihe mit dem Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche, der Frankfurter Altstadt oder des Berliner Stadtschlosses. Immer wieder streitet die Republik darüber, ob und wie man Verlorenes zurückbauen kann, ob Rekonstruktion Erinnerung schafft oder verharmlost.

Im Fall der Bornplatzsynagoge ist die Antwort der Bauherrschaft klar formuliert. Daniel Scheffer nennt den Wiederaufbau ‚den Sieg der Demokratie und des jüdischen Lebens vor der Barbarei der Nazis‘. Das ist eine große Behauptung für ein Gebäude, das noch nicht einmal im Grundriss steht. Aber es ist auch der einzige sinnvolle Maßstab für ein Projekt, das nicht bloß Lücken im Stadtbild schließt, sondern Lücken in der Stadtgesellschaft.

Die Architektur von Schulz und Schulz mit Haberland Architekten und POLA Landschaftsarchitekten liefert dafür den richtigen Rahmen: nicht bloß Kulisse der Erinnerung, sondern lebendiger Ort. Ein kleines Quartier soll entstehen, mit Café, Bibliothek, Wohnungen, Reformsynagoge. Eine Einladung, nicht nur an die Jüdische Gemeinde Hamburgs, sondern an die gesamte Stadtgesellschaft.

Ob dieser Anspruch in einigen Jahren eingelöst wird, hängt nicht allein von der Architektur ab. Die gläserne Kuppel mag für Transparenz stehen. Den Test auf Offenheit besteht Hamburg erst dann, wenn das Gebäude steht, die Zäune tatsächlich fehlen und das Leben dahinter höher geht als die Pflastersteine, die jetzt noch allein erzählen.