
Hannover schafft neue Hochbaugesellschaft: 1,5 Milliarden Euro für Schulen und Unterkünfte
Wenn Strukturen an ihre Grenzen stossen
Rund tausend öffentliche Gebäude muss die Landeshauptstadt Hannover derzeit bewirtschaften, unterhalten, sanieren und bei Bedarf durch Neubauten ersetzen. Schulen, Kindertagesstätten, Feuerwachen, Obdachlosenunterkünfte und Verwaltungsgebäude – die Liste ist lang, der Zustand vieler Liegenschaften besorgniserregend, und die vorhandenen Kapazitäten des städtischen Gebäudemanagements sind seit Jahren an der Belastungsgrenze. Die Stadt Hannover zieht nun strukturelle Konsequenzen: Noch im Sommer 2026 soll die hanova KOMMUNAL GmbH als neue Tochtergesellschaft gegründet werden, die einen Teil der drängendsten Hochbauprojekte übernimmt.
Die Initiative dafür kommt nicht aus dem Nichts. Der Anstoß, so erklärt die Stadtverwaltung, seien die in Aussicht gestellten zusätzlichen Bundesmittel aus dem Sondervermögen Infrastruktur sowie zu erwartende Investitionszuschüsse aus dem Jahresüberschuss 2024 des Landes Niedersachsen. Wer Geld bekommt, braucht auch Kapazitäten, es auszugeben – und genau daran haperte es bislang.
Ein Investitionspaket von historischem Ausmass
Der konkret hinterlegte Bedarf für Gebäudeprojekte in den nächsten zehn Jahren beläuft sich nach Angaben der Stadt auf mindestens 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro – und ähnliches wird für die darauffolgende Dekade erwartet. Derzeit fließen jährlich rund 120 bis 130 Millionen Euro in städtische Gebäude, dazu kommen über 20 Millionen Euro für laufenden Unterhalt und Bewirtschaftung. Das klingt nach viel, reicht aber bei weitem nicht aus, um den aufgelaufenen Sanierungsstau aufzulösen.
Kämmerer und Erster Stadtrat Dr. Axel von der Ohe bringt es auf den Punkt: Man stehe vor einer „gewaltigen Modernisierungsaufgabe, die wir mit den Instrumenten von heute nicht stemmen könnten“. Die neue Hochbaugesellschaft sei ein „starker Partner neben dem städtischen Gebäudemanagement“, mit dem der Output der Landeshauptstadt deutlich erhöht werden solle. Stadtbaurat Thomas Vielhaber ergänzt, die hanova KOMMUNAL GmbH werde vor allem beim Abbau von Auftragsspitzen eine sinnvolle Unterstützung sein.
Schulsanierungen im Fokus: Roderbruch, Vahrenheide, Kathe-Kollwitz
Als erste Projekte für die neue Gesellschaft sind bereits konkrete Maßnahmen benannt: Die Komplettsanierungen der IGS Roderbruch und der IGS Vahrenheide sowie die Neustrukturierung und Sanierung der Gebäude des Gymnasiums Käthe-Kollwitz-Schule und der Realschule Gerhart-Hauptmann-Schule. Allein die drei Schulsanierungen sollen rund 510 Millionen Euro kosten – eine Summe, die selbst erfahrene Kommunalplanerinnen und Kommunalplaner ins Staunen versetzt. Hinzu kommen Neubau und Sanierung von Unterkünften für Geflüchtete mit einem Volumen von circa 150 Millionen Euro.
Die neue Gesellschaft soll darüber hinaus die laufende Bauunterhaltung städtischer Obdachlosen- und Geflüchtetenunterkünfte übernehmen – ein Bereich, der im öffentlichen Diskurs selten Aufmerksamkeit bekommt, im Alltag städtischen Handelns jedoch eine erhebliche Rolle spielt.
Tochter der Tochter: Die Konstruktion im Detail
Organisatorisch soll die hanova KOMMUNAL GmbH als 100-prozentige Tochter der Landeshauptstadt Hannover unter dem Dach des kommunalen Immobilienunternehmens hanova tätig werden. Mit einem Stammkapital von 25.000 Euro und einer Kapitalrücklage von 5 Millionen Euro zur Liquiditätssicherung fällt die Anfangsausstattung zunächst bescheiden aus – angesichts eines Investitionsvolumens im Milliardenbereich eine bemerkenswert schlanke Startfinanzierung.
Als Organe der Gesellschaft sind eine Geschäftsführung, ein sechsköpfiger Aufsichtsrat sowie eine Gesellschafterversammlung vorgesehen. Der Stadtrat muss den Plänen noch zustimmen; die Beschlussvorlage wurde bereits in die zuständigen Ratsgremien eingebracht. Oberbürgermeister Belit Onay hat die Vorteile des Modells bei der Pressekonferenz am 19. Januar 2026 im Neuen Rathaus hervorgehoben: Eine externe Baugesellschaft könne nicht nur zusätzliche Kapazitäten schaffen, sondern im Projektablauf zu schlankeren und schnelleren Prozessen führen.
Modell mit Zukunft – oder Lehrstunde in Risikoverlagerung?
Die Gründung städtischer Tochtergesellschaften für den Hochbau ist kein neues Phänomen. Andere Großstädte haben ähnliche Wege gewählt, mit wechselndem Erfolg. Das Versprechen lautet stets: mehr Flexibilität, schnellere Vergabe, schlankere Strukturen außerhalb des starren Tarifgefüges und der Vergabeordnungen des öffentlichen Dienstes. Die Realität zeigt jedoch, dass ausgelagerte Gesellschaften eigene Bürokratien entwickeln, Koordinationskosten entstehen und demokratische Kontrolle schwieriger wird.
Im Fall der hanova KOMMUNAL GmbH stellt sich die Frage nach dem Fachpersonal. Der bundesweite Mangel an qualifizierten Baufachleuten, Projektleiterinnen und Projektleitern sowie Bauleiterinnen und Bauleitern macht auch vor Hannover nicht halt. Wer diese Gesellschaft mit kompetenten Köpfen füllen soll, bleibt zunächst offen. Zudem ist zu bedenken, dass Vergabepflichten für öffentliche Auftraggeber auch für ausgelagerte Gesellschaften gelten – die erhoffte Beschleunigung könnte sich in der Praxis als begrenzt erweisen.
Dennoch ist der Schritt nachvollziehbar. Bei einem Investitionsvolumen dieser Größenordnung wäre es fahrlässig, auf strukturelle Reformen zu verzichten. Die niedersächsische Landeshauptstadt steht mit ihren Problemen nicht allein; der kommunale Investitionsstau in Deutschland ist ein bundesweites Phänomen, das politische Ungeduld erzeugt und pragmatische Lösungen erfordert. Ob das Modell der hanova KOMMUNAL GmbH als Blaupause für andere niedersächsische Kommunen taugt, wird die Praxis zeigen. Hannover übernimmt mit diesem Schritt eine Vorreiterrolle – mit allen Chancen und Risiken, die das bedeutet.
Fazit: Der Mut zur strukturellen Erneuerung
Hannover baut – und es tut dies nicht leise. Mit der geplanten hanova KOMMUNAL GmbH setzt die Landeshauptstadt auf institutionelle Innovation statt auf bloßes Geldausgeben. Ob tausend Gebäude, Milliardenpakete oder Schulsanierungen im dreistelligen Millionenbereich: Die Dimension der Aufgabe verlangt neue Antworten. Jetzt liegt es am Stadtrat, am zukünftigen Management der Gesellschaft und am politischen Willen aller Beteiligten, aus dieser strukturellen Weichenstellung einen echten Quantensprung für die Baukultur und Infrastruktur Hannovers zu machen.

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