
Wenn der Sündenbock aus Bambus ist
Am 26. November 2025 verwandelte sich die Wohnanlage Wang Fuk Court im Hongkonger Bezirk Tai Po in ein Flammeninferno. Was als kleiner Brand an einem Gerüstnetz begann, erfasste binnen Stunden sieben von acht Hochhäusern und forderte mindestens 160 Menschenleben. Es ist die schlimmste Brandkatastrophe in der Geschichte der 7,5 Millionen Metropole seit 1948. Noch während die Feuerwehr löschte, hatte die von Peking eingesetzte Regierung bereits einen Schuldigen gefunden: die Bambusgerüste.
Verwaltungschef John Lee besuchte die Brandruinen und verkündete umgehend, Bambusgerüste müssten durch Metallkonstruktionen ersetzt werden. Das Bauentwicklungsbüro sprach von einem Fahrplan zur Abschaffung dieser Bautechnik. Die Ausbildung neuer Bambusgerüstbauer wurde eingestellt. Die Botschaft war unmissverständlich: Eine 2000 Jahre alte Handwerkstradition, seit 2017 als immaterielles Kulturerbe Hongkongs anerkannt, hatte ausgedient.
Die unbequemen Fakten
Doch wer die Ermittlungsergebnisse studiert, erkennt ein differenzierteres Bild. Die Hongkonger Sicherheitsbehörden stellten fest, dass sieben von zwanzig untersuchten Netzproben nicht den Flammschutzstandards entsprachen. Die grünen Kunststoffnetze, die das Gerüst umhüllten, stammten von einem festlandchinesischen Hersteller aus der Provinz Shandong und kosteten umgerechnet 30 Prozent weniger als zugelassenes Material. Der Bauingenieur und Aktivist Jason Poon dokumentierte in Videos, wie das Material schmolz und tropfte, genau so, wie es sich an der Fassade ereignet haben muss.
Hinzu kamen brennbare Styroporplatten, die sämtliche Fenster blockierten und als Brandbeschleuniger wirkten. Die Feueralarme? Monatelang deaktiviert, damit Arbeiter bequemer ein und aus gehen konnten. Acht Hochhäuser wurden entgegen dem Widerstand der Eigentümerinnen und Eigentümer gleichzeitig eingerüstet, was die Abstände zwischen den Gebäuden minimierte. Ein Brandschutzexperte bezeichnete die Konstruktion als Autobahn für die Flammen. Die Bambusstangen selbst? Ein Großteil blieb intakt.
Bambus: Material mit System
Aus baukonstruktiver Sicht besitzt Bambus bemerkenswerte Eigenschaften. Seine Außenschicht verfügt über eine natürliche Feuerresistenz, die erst bei starker Austrocknung nachlässt. In Hongkongs traditioneller Küche werden Reisgerichte in Bambusstäben über offenem Feuer zubereitet, ohne dass das Material verbrennt. Die Gerüstbauer, im lokalen Jargon Spinnen genannt, durchlaufen strenge Ausbildungen. Es existieren präzise Vorschriften zur Bambusdicke und zur Qualität der Nylonbänder.
Die praktischen Vorteile sind evident: Bambus ist kostengünstiger als Stahl, ein nachwachsender Rohstoff, leichter zu transportieren und in den engen Gassen Hongkongs flexibler einsetzbar. Bei einem Einsturz verletzt das Material weniger schwer als Stahlkonstruktionen. 2500 registrierte Bambusgerüstbauer verdienen in Hongkong ihren Lebensunterhalt mit diesem Handwerk, das 80 Prozent aller Gerüste in der Stadt ausmacht. Die Technik der Bambus Theatergerüste ist als immaterielles Kulturerbe anerkannt.
Systemversagen statt Materialfehler
Regina Ip, ehemalige Sicherheitsministerin Hongkongs und Beraterin des Verwaltungschefs, nannte die Fokussierung auf Bambus einen faulen Sündenbock, der von den eigentlichen Problemen ablenke. Ein handschriftlicher Zettel zwischen den Blumenbergen am Unglücksort brachte es auf den Punkt: Nicht das Bambusgerüst sollte überprüft werden, sondern das gesamte System.
Dieses System umfasst eine Bauaufsicht, deren Richtlinien für feuerhemmende Netze keine Gesetzeskraft haben. Es umfasst Baufirmen, die bei 2300 nicht konformen Netzplatten etwa 115.000 Hongkong Dollar sparten, umgerechnet rund 15.000 US Dollar, etwa 100 Dollar pro Todesopfer. Es umfasst Behörden, die Beschwerden von Anwohnerinnen und Anwohnern über die Brandgefahr seit über einem Jahr ignorierten. Mittlerweile wurden 15 Personen wegen fahrlässiger Tötung verhaftet, darunter Berater, Auftragnehmer und Subunternehmer.
Identität unter Feuer
Die Bambusgerüste sind mehr als Bautechnik. Sie sind ein Symbol der Eigenständigkeit Hongkongs, ein Alleinstellungsmerkmal der Stadt, die sich als Sonderverwaltungszone vom chinesischen Festland unterscheidet. In Festlandchina wurden Bambusgerüste vor vier Jahren verboten, ein Schritt, der angesichts der chronischen Überproduktion von Stahl wenig überraschte. Bereits im Frühjahr 2025 hatte Hongkongs Regierung angekündigt, bei der Hälfte der öffentlichen Bauprojekte Metallgerüste zur Pflicht zu machen.
Viele Hongkonger sehen in der Abschaffungsdebatte eine weitere Angleichung an festlandchinesische Normen. Die Frage, ob ausländische Arbeitskräfte die einheimischen Gerüstbauer ersetzen sollen, steht im Raum. Das chinesische Baugewerbe steckt in einer Auftragskrise und würde eine neue Nachfrage nach Metallgerüsten willkommen heißen.
Wenn Trauer kriminalisiert wird
Der Student Miles Kwan startete eine Online Petition mit der Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung. Über 10.000 Menschen unterzeichneten binnen Stunden. Kwans Worte waren sachlich: Die Regierung solle Rechenschaft ablegen; sollte sie dies als heikel empfinden, wäre das eine maßlose Überreaktion. Stunden später wurde er verhaftet. Die Petition verschwand aus dem Netz. Der Vorwurf: versuchte Aufwiegelung im Zusammenhang mit dem Brand.
Ein Sprecher des von Peking eingesetzten Nationalen Sicherheitsbüros warnte: Jeder, der Hongkongs Regierung böswillig kritisiere und unter dem Deckmantel der Katastrophe Unruhe stiften wolle, werde streng bestraft. Das kurze Aufflackern einer zivilgesellschaftlichen Reaktion, Freiwillige, die Hilfsgüter sammelten, Menschen, die sich fragten warum, wurde erstickt.
Grenfell in Grün
Die Parallelen zum Grenfell Tower Brand 2017 in London sind unübersehbar. Dort war es brennbare Fassadenverkleidung, hier sind es brennbare Netze. Dort wie hier starben Menschen in sozialen Wohnbauten, weil Kostenersparnis vor Sicherheit ging. Dort wie hier hatten Bewohnerinnen und Bewohner gewarnt. Die grünen Netze von Wang Fuk entsprechen dem Cladding von Grenfell: Materialien, die aus Kostengründen gewählt wurden und Wohnungen in Zunder verwandelten.
In den Tagen nach der Katastrophe wurden überall in Hongkong die grünen Netze von Baugerüsten entfernt. Die Skelette der Bambuskonstruktionen standen nackt in der Stadt, ein stilles Eingeständnis, wie verbreitet die Verwendung von nicht konformem Material war. Die Behörden ordneten an, Netze an Hunderten von Baustellen zu prüfen, bevor sie wieder angebracht werden dürfen.
Ein Fazit, das schmerzt
Wang Fuk Court ist keine Bambuskatastrophe. Es ist eine Katastrophe mangelhafter Bauaufsicht, korrupter Praktiken und eines Systems, das Kritik nicht duldet. Die Bambusgerüste zum Sündenbock zu machen, ist bequem, denn es lenkt von der Frage ab, warum Brandschutzvorschriften nicht durchgesetzt wurden, warum Behörden Beschwerden ignorierten, warum Menschen sterben mussten, weil jemand 30 Prozent bei Netzen sparen wollte.
Die Abschaffung der Bambusgerüste wird keine Leben retten, wenn das System, das sie umgibt, korrupt bleibt. Ein Metallgerüst mit billigem Netz ist nicht sicherer als ein Bambusgerüst mit billigem Netz. Was Hongkong braucht, ist nicht weniger Tradition, sondern mehr Rechtsstaatlichkeit. Doch genau danach zu fragen, kann dort mittlerweile mit Gefängnis bestraft werden. Das ist die eigentliche Brandstiftung.

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