
Wenn Baukultur auf Boulevardjournalismus trifft: Die fatale Springer-Allianz der Bundesarchitektenkammer
Die Bundesarchitektenkammer verkauft ihre publizistische Seele an Axel Springer – ein Verrat an den Werten der Baukultur, der die Architektinnen und Architekten vor vollendete Tatsachen stellt.
Der Sündenfall der Standesvertretung
Nach vielen Jahrzehnten in der Architektur habe ich vieles erlebt – schlechte Entwürfe, fragwürdige Bauherrenentscheidungen, politische Fehlsteuerungen. Doch was die Bundesarchitektenkammer (BAK) nun plant, übertrifft alles: Das Deutsche Architektenblatt (DAB), unser Standesorgan, soll ab 2026 von einer Springer-Tochter produziert werden. Ein Verlag, dessen Flaggschiffe BILD und WELT täglich den Pressekodex mit Füßen treten, soll künftig mit unseren Zwangsbeiträgen finanziert werden.
Die Architekturjournalistin Ursula Baus hat es auf LinkedIn treffend formuliert: Nach 37 Jahren in der Architekturpublizistik sei dies eine „Einbuchtung des Berufs in den Fängen der Springer-Presse“. Dem ist nichts hinzuzufügen – außer vielleicht die Frage, wie es so weit kommen konnte.
Die Mär von der redaktionellen Unabhängigkeit
BAK-Präsidentin Andrea Gebhard und Bundesgeschäftsführer Tillman Prinz verteidigen die Entscheidung mit geradezu rührender Naivität. Man sichere sich die redaktionelle Unabhängigkeit, Springer liefere nur die „Infrastruktur, nicht Haltung“. Wer so argumentiert, hat entweder die Medienlandschaft der letzten Jahrzehnte verschlafen oder hofft, dass die Mitglieder es tun.
Jeder Euro, der an Axel Springer Corporate Solutions (ASCS) fließt, stärkt einen Konzern, der systematisch Desinformation betreibt, Minderheiten diskriminiert und rechtspopulistische Narrative befeuert. Es spielt keine Rolle, ob ASCS als eigenständige Tochter agiert – das Geld landet im gleichen Konzern, der mit der BILD-Zeitung täglich demokratische Grundwerte untergräbt.
Die Stellenausschreibung für die neue Redaktionsleitung spricht Bände: Ein „einschlägiges“ Studium genügt, Architekturexpertise ist nachrangig. Entwickelt werden soll primär die „Marke“, nicht der redaktionelle Inhalt. Die Redaktionsleitung kümmert sich um „Kunden“ und „Bedürfnisse des Marktes“. Befristet auf ein Jahr. Das klingt nicht nach Baukultur, sondern nach Business.
Der demokratische Skandal
Was mich besonders empört: Die Entscheidung wurde ohne jede Mitgliederbeteiligung getroffen. Zwangsmitglieder der Kammern werden vor vollendete Tatsachen gestellt. Erst nach massiver Kritik äußert sich die BAK-Führung – und dann auch nur mit Durchhalteparolen und dem Verweis auf „lange interne Diskussionen“.
Architekt Christoph Manderscheid aus Tübingen bringt es auf den Punkt: „Ich will nicht, dass mit meinem Geld ein Verlag finanziell unterstützt wird, dessen sonstige Medien durchaus intensiv von Desinformation und Kampagnenjournalismus leben.“ Er ist durch die Kammermitgliedschaft zur Beitragszahlung verpflichtet – eine demokratische Mitsprache bei der Verwendung dieser Gelder? Fehlanzeige.
Die wirtschaftliche Ausrede
Die BAK argumentiert, die bisherige Kooperation mit der renommierten Handelsblatt Media Group sei „wirtschaftlich nicht mehr darstellbar“ gewesen. Ein bemerkenswerter Einwand, bedenkt man die Zwangsbeiträge aller Architektinnen und Architekten. Hat man ernsthaft alle Alternativen geprüft? Warum nicht eine Genossenschaft gründen, eine Stiftung beauftragen oder – radikal gedacht – ins digitale Zeitalter wechseln?
André Nagel von Drees und Sommer stellt die richtige Frage: „Wozu brauchen wir in einer digitalisierten Welt noch ein gedrucktes DAB?“ Bei vielen Kolleginnen und Kollegen landet das Heft ungelesen im Altpapier. Eine nachhaltige, digitale Lösung wäre nicht nur zeitgemäß, sondern könnte auch die vorgeschobenen wirtschaftlichen Zwänge auflösen.
Die Graadwies-Initiative: David gegen Goliath
Immerhin: Es regt sich Widerstand. Das norddeutsche Architekturbüro Graadwies hat eine Onlinepetition gestartet. „Die Meinungen, die der Axel-Springer-Verlag über seine Publikationen verbreitet, stehen diametral zu allen Werten, die wir Architektinnen und Architekten vertreten“, erklärt Architektin Leonie Kliemann. Eine mutige Initiative, die zeigt: Nicht alle lassen sich diese Entscheidung gefallen.
Die Petition fordert die sofortige Auflösung der Kooperation und eine transparente Neuausschreibung mit Fokus auf Unabhängigkeit, Baukultur und demokratische Werte. Knapp 300 Unterschriften sind ein Anfang – aber es braucht mehr. Viel mehr.
Die historische Lehre
Wolfgang Bachmann erinnert auf LinkedIn an ein historisches Beispiel: Als der Ullstein-Verlag und damit die Bauwelt zu Axel Springer gehörten, wollte die Redaktion unter Ulrich Conrads dies „nicht aushalten“. Man trennte sich rechtzeitig. „Vorbildlich!“, kommentiert Bachmann. Eine Haltung, die der heutigen BAK-Führung offenbar abgeht.
Fazit: Zeit für einen Aufstand der Anständigen
Nach 40 Jahren in diesem Beruf sage ich: Diese Entscheidung ist ein Verrat an allem, wofür Architektur stehen sollte – Verantwortung, Nachhaltigkeit, demokratische Teilhabe, kulturelle Werte. Die BAK-Führung mag von „Aufbruch“ und „neuen Mediengewässern“ schwadronieren. In Wahrheit ist es ein Kotau vor einem Medienkonzern, der täglich beweist, dass ihm journalistische Ethik gleichgültig ist.
Der Vertrag ist noch nicht unterschrieben. Es ist Zeit für einen Aufstand der Anständigen in unserer Zunft. Unterzeichnet die Petition, schreibt an eure Länderkammern, verweigert die Kooperation. Wenn wir als Berufsstand für Baukultur stehen wollen, dürfen wir nicht zulassen, dass unser Standesorgan in die Hände eines Konzerns fällt, der Kultur systematisch zerstört.
Die Alternative? Es gibt viele: Genossenschaften, Stiftungen, universitäre Kooperationen, digitale Eigen-Plattformen. Was es braucht, ist der Mut, neue Wege zu gehen – und der Anstand, alte Fehler nicht zu wiederholen.
Hier geht es zur Onlinepetition

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