
Wie die Windkraft Simonsfeld AG in Ernstbrunn neue Maßstäbe für nachhaltiges Bauen setzt
Im Weinviertel, wo sich Windräder wie moderne Mühlen über sanfte Hügel erheben, entstand ein Gebäude, das mehr ist als nur eine Firmenzentrale. Die Erweiterung der Windkraft Simonsfeld AG in Ernstbrunn demonstriert, wie regionale Baukultur und höchste Nachhaltigkeitsstandards eine symbiotische Verbindung eingehen können. Mit 1000 von 1000 möglichen Punkten beim Klimaaktiv-Gold-Standard setzt das Projekt neue Maßstäbe – nicht nur für Niederösterreich.
Lehm aus der Baugrube: Regionale Ressourcen neu gedacht
Was andere Bauherren als Aushub entsorgen, verwandelte das Team um juri troy architects in einen zentralen Baustoff. Der gewonnene Stampflehm prägt nicht nur die Ästhetik des Erweiterungsbaus, sondern verkörpert eine radikal regionale Herangehensweise an nachhaltiges Bauen. Diese Entscheidung steht exemplarisch für eine neue Generation von Projekten, die lokale Ressourcen nicht als Limitierung, sondern als gestalterische Chance begreifen.
Die Verwendung des vor Ort gewonnenen Lehms reduziert Transportwege auf ein Minimum und schafft gleichzeitig ein Raumklima, das seinesgleichen sucht. Die hygroskopischen Eigenschaften des Materials regulieren die Luftfeuchtigkeit natürlich und tragen zur außergewöhnlichen Behaglichkeit bei, die das Gebäude auszeichnet.
Niederösterreichische Baukultur im Wandel
Das Projekt fügt sich nahtlos in die aktuelle Transformation der niederösterreichischen Baulandschaft ein. Während das Bundesland traditionell für seine Einfamilienhaussiedlungen bekannt war, zeigen Projekte wie die Windkraft-Zentrale einen Paradigmenwechsel. Die Landesbauordnung Niederösterreich, die in den vergangenen Jahren mehrfach novelliert wurde, schafft zunehmend Raum für innovative Ansätze im gewerblichen Bereich.
Besonders bemerkenswert ist die Integration des Bestandsgebäudes. Anstatt tabula rasa zu machen, entwickelten die Architekten eine Strategie des Weiterbauens, die sowohl ökonomisch als auch ökologisch überzeugt. Das neu geschaffene Atrium wird zum sozialen Herzstück und verbindet Alt und Neu zu einer räumlichen Einheit.
Green Jobs brauchen grüne Architektur
Die Windkraft Simonsfeld AG gehört zu jenen niederösterreichischen Unternehmen, die die Energiewende aktiv vorantreiben. Mit über 80 Windkraftanlagen produziert das Unternehmen sauberen Strom für rund 160.000 Haushalte. Dass ausgerechnet ein solcher Pionier der Erneuerbaren Energien auch bei der eigenen Firmenzentrale kompromisslos auf Nachhaltigkeit setzt, sendet ein starkes Signal.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter profitieren von einem Arbeitsumfeld, das die Unternehmenswerte nicht nur predigt, sondern räumlich erfahrbar macht. Tageslichtdurchflutete Arbeitsplätze, natürliche Materialien und ein ausgeklügeltes Lüftungskonzept schaffen Bedingungen, die weit über die gesetzlichen Mindeststandards hinausgehen.
Regionale Netzwerke als Erfolgsfaktor
Die Realisierung des Projekts zeigt exemplarisch die Stärke regionaler Netzwerke in Niederösterreich. Die Zusammenarbeit zwischen dem Projektentwickler M.O.O.CON GmbH, den Architekten und lokalen Handwerksbetrieben funktionierte reibungslos. Besonders bei der Verarbeitung des Stampflehms war regionales Know-how gefragt – eine Expertise, die in Niederösterreich durch Initiativen wie das Netzwerk Lehm kontinuierlich ausgebaut wird.
Diese Vernetzung spiegelt einen größeren Trend wider: Niederösterreich positioniert sich zunehmend als Kompetenzregion für nachhaltiges Bauen. Die Unterstützung durch Landesförderungen und die aktive Rolle der Energieberatung NÖ schaffen ein Umfeld, in dem ambitionierte Projekte gedeihen können.
Weinviertel als Laboratorium der Energiewende
Das Weinviertel, traditionell geprägt von Landwirtschaft und Weinbau, wandelt sich zur Modellregion für erneuerbare Energien. Die Windkraft spielt dabei eine zentrale Rolle – nicht nur als Energielieferant, sondern auch als Wirtschaftsfaktor. Die architektonische Qualität der Simonsfeld-Zentrale zeigt, dass dieser Wandel auch baukulturellen Mehrwert schaffen kann.
Die regionale Verankerung des Projekts geht über die Materialwahl hinaus. Das Gebäude reagiert auf die klimatischen Bedingungen des Weinviertels mit seinen heißen Sommern und kalten Wintern. Die massive Stampflehmbauweise wirkt als thermischer Puffer und reduziert den Energiebedarf für Heizung und Kühlung erheblich.
Gleichzeitig fordert das Projekt traditionelle Vorstellungen von Weinviertler Baukultur heraus. Zwischen den für die Region typischen Vierkanthöfen und Kellergassen wirkt die selbstbewusste Öko-Architektur wie ein Statement. Diese architektonische Positionierung ist durchaus gewollt: Als Unternehmen, das die Energiewende vorantreibt, will die Windkraft Simonsfeld auch baulich Zeichen setzen. Dass dies nicht überall auf ungeteilte Zustimmung stößt, liegt in der Natur solcher Transformationsprozesse.
Vorbild mit Strahlkraft – aber nicht ohne Diskussion
Die Auszeichnung in der Kategorie Gewerbe unterstreicht die Vorbildfunktion des Projekts. Während in vielen Regionen Österreichs noch über die Vereinbarkeit von Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit diskutiert wird, liefert Ernstbrunn den praktischen Beweis. Die Investition in höchste ökologische Standards zahlt sich über den gesamten Lebenszyklus aus – sowohl in der Betriebskostenbilanz als auch in der Mitarbeiterzufriedenheit.
Doch wie bei jedem ambitionierten Bauprojekt gibt es auch hier Licht und Schatten. Nicht alle Beobachter sind von der architektonischen Lösung restlos überzeugt. Die radikale Materialwahl und die kompromisslose Nachhaltigkeitsstrategie polarisieren durchaus. Manche Kritiker sehen in der demonstrativen Öko-Architektur eine zu starke Selbstinszenierung, andere vermissen eine subtilere Integration in den dörflichen Kontext von Ernstbrunn. Diese Diskussion ist jedoch Teil eines wichtigen Dialogs über die Zukunft des Bauens – gerade im ländlichen Raum.
Für die niederösterreichische Architekturszene markiert das Projekt trotz oder gerade wegen dieser Kontroversen einen wichtigen Meilenstein. Es zeigt, dass regionale Identität und internationale Standards keine Gegensätze sein müssen. Die konsequente Verwendung lokaler Ressourcen, gepaart mit innovativer Planung, schafft eine Architektur, die sowohl verwurzelt als auch zukunftsweisend ist – und genau deshalb zur Diskussion anregt.
Ausblick: Niederösterreich baut um
Die Windkraft Simonsfeld AG hat mit ihrer Firmenzentrale einen neuen Standard gesetzt. Für andere Unternehmen in der Region wird es schwer, hinter dieses Niveau zurückzufallen. Das ist auch gut so: Niederösterreich braucht mehr Projekte dieser Qualität, um seine ambitionierten Klimaziele zu erreichen.
Die Landesregierung hat erkannt, dass nachhaltiges Bauen ein Standortfaktor ist. Mit gezielten Förderungen und einer progressiven Bauordnung schafft sie Rahmenbedingungen, die Leuchtturmprojekte ermöglichen. Die Herausforderung besteht nun darin, diese Exzellenz in die Breite zu tragen – von Ernstbrunn ins gesamte Bundesland.

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