
Kunsthalle Bremen: Wo Architektur Weltmassstab setzt
Ein Haus, das seine Risse zeigt – und stolz darauf ist
Wer die Wallanlagen in der Bremer Innenstadt entlangschlendert, stösst unweigerlich auf eine Sandsteinfassade mit einer eigentümlichen Narbenlandschaft. Die Kunsthalle Bremen trägt die Einschusslöcher des Zweiten Weltkriegs nicht etwa verschämt verputzt, sondern offen sichtbar – als bewusste denkmalpflegerische Entscheidung, Geschichte nicht zu übertünchen. Georg Skalecki, Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege in Bremen, bringt es auf den Punkt: An der Kunsthalle war es eine bewusste Entscheidung, Geschichte sichtbar zu lassen. Kein anderes Gebäude in Bremen trägt diese Spuren in vergleichbarer Dichte.
Diese Haltung sagt viel aus über das Selbstverständnis eines Hauses, das in Deutschland seinesgleichen sucht: Die Kunsthalle Bremen ist das einzige Museum mit einer umfangreichen Sammlung vom 14. bis 21. Jahrhundert, das bis heute in rein privater Trägerschaft betrieben wird. Der Kunstverein in Bremen, 1823 von kunstinteressierten Kaufleuten um Senator Hieronymus Klugkist gegründet, zählt heute rund 9.000 Mitglieder – und financiert das Haus ohne institutionelle staatliche Grundförderung. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist bürgerschaftlicher Eigensinn im besten Sinne.
1849 bis 2011: Eine Baugeschichte in Schichten
Das Gebäude selbst ist ein Zeitdokument in Schichten. Lüder Rutenberg baute 1847 bis 1849 ein betont schlichtes, funktionales Haus – die Länge entspricht der heutigen Eingangsfront. In den folgenden Jahrzehnten führte der wachsende Wohlstand Bremer Kaufleute zu Schenkungen und damit zum Bedarf an mehr Fläche. 1902 folgte eine neorenaissance Erweiterung nach Grundrissen von Albert Dunkel mit einer Fassade von Eduard Gildemeister – einheitlich in Sandstein, sorgfältig proportioniert, an die langen Sichtachsen der Wallanlagen angepasst.
Der Zweite Weltkrieg hinterliess tiefe Spuren: Eine Brandbombe zerstörte 1942 das Treppenhaus und sechs Säle im Obergeschoss, der Lichthof fiel 1943 in Schutt. Was blieb, war ein Gebäude, das sich in den folgenden Jahrzehnten mühsam regenerierte. Erst 1998 folgte eine umfassende Innenrenovierung, von 2009 bis 2011 dann der grösste Eingriff seit Jahrzehnten: das Berliner Büro Hufnagel Pütz Rafaelian baute zwei symmetrische kubische Seitenflügel an, riss den veralteten Anbau der 1980er-Jahre ab und verwandelte die Kunsthalle in eine Kreuzform.
Das Ergebnis ist ein architektonisches Kunststück zwischen Respekt und Eigenständigkeit. Die Architekten liessen die Aussenfassade des Altbaus zur Innenwand der neuen Flügel werden – ein Verfahren, das Baukunst und Baugeschichte gleichzeitig sichtbar macht. Säulen, Gesimse und Fassadenschmuck wurden an den Übergängen bewusst erhalten und durch raumhohe Fugen optisch getrennt. Neubau und Altbau bleiben unterscheidbar, ohne sich gegenseitig zu bekriegen. Karl Hufnagel beschreibt den Ansatz schlicht: Wir sind ein Stück in die Geschichte gegangen und haben symmetrisch angebaut.
Energetisch saniert, kuratorisch ambitioniert
Der Erweiterungsbau folgt einem energiesparenden Konzept: Erdwärmepumpen zur Beheizung, eine Photovoltaikanlage zur Stromerzeugung – für ein Kulturdenkmal dieser Grössenordnung keine Selbstverständlichkeit. Die Ausstellungsbereiche der neuen Flügel verzichten vollständig auf Tageslicht, beleuchtet wird über grossflächige Lichtfolienbänder an der Decke. Konservatorische Anforderungen und Ausstellungsqualität schliessen sich so nicht aus, sie bedingen einander.
Die Qualität des Gebäudes ist kein Selbstzweck. Sie ermöglicht kuratorische Ambition auf höchstem Niveau – und das zeigt die aktuelle Ausstellung ‚Alberto Giacometti – Das Maß der Welt‘ eindrücklich. Die Kunsthalle präsentiert bis zum 15. Februar 2026 eine Schau, die Kunstgeschichte nicht nur dokumentiert, sondern neu schreibt. Die Kuratorinnen und Kuratoren Eva Fischer-Hausdorf und Hugo Daniel von der Pariser Fondation Giacometti setzen den Künstler nicht mehr allein in den Kontext des Kriegstraumas und des Pariser Existenzialismus, sondern verankern sein Werk konsequent in seiner Herkunft aus dem Engadiner Bergell.
Dass ausgerechnet das brettebene Bremen diesen Ansatz überzeugend umsetzen kann, liegt an einer weitsichtigen Sammlungspolitik: Bereits in den 1950er-Jahren erwarb der damalige Direktor Günter Busch einen Block von Giacometti-Zeichnungen – darunter Landschaftsmotive, die dem von Menschendarstellungen fixierten Kunstbetrieb weitgehend unbekannt geblieben waren. Die Kunst des Sammelns als Form der Architektur des Wissens.
Modell für die Region: Was andere lernen können
Die Kunsthalle Bremen steht als regionales Modell für mindestens drei Prinzipien, die weit über den Stadtstaat hinaus Gültigkeit beanspruchen dürfen. Erstens: Bürgerschaftliches Engagement als Trägerschaft funktioniert – wenn es institutionell verankert ist und über Generationen gepflegt wird. Der Kunstverein mit seinen rund 9.000 Mitgliedern ist kein folkloristisches Kuriosum, sondern eine strukturelle Antwort auf die chronische Unterfinanzierung öffentlicher Kulturbetriebe.
Zweitens: Bauen im Bestand kann gelingen, wenn Architektinnen und Architekten sich ernsthaft mit der Baugeschichte auseinandersetzen, statt den Altbau als lästige Rahmenbedingung zu behandeln. Hufnagel Pütz Rafaelian haben mit dem Erweiterungsbau bewiesen, dass neue Kubatur und historische Substanz keine Gegensätze sein müssen – sondern gemeinsam eine Erzählung bilden können, die jeden Teil stärkt.
Drittens: Ausstellungspolitik als Forschung. Eine Kunsthalle, die sich traut, etablierte kunsthistorische Deutungen infrage zu stellen – wie es mit der Giacometti-Schau geschieht – braucht dafür auch die institutionelle Unabhängigkeit, die eine private Trägerschaft ermöglicht. Ohne die Leihgaben der Fondation Giacometti, die demnächst ein eigenes Museumsgebäude bezieht und danach deutlich zurückhaltender verleihen wird, wäre diese Ausstellung nicht möglich gewesen. Die Bremer haben die letzte Gelegenheit genutzt.
Was bleibt, ist ein nachdenkenswertes Beispiel: Ein Haus im Norden, das weder über üppige Landesmittel noch über eine millionenstarke Metropolkultur verfügt, setzt mit einem Gebäude aus dem Jahr 1849, behutsam erweitert und konsequent gepflegt, internationale Massstäbe. Das hat mit Architektur zu tun. Und noch mehr mit der Haltung, mit der man sie betreibt.

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