Baukunst - Madrid im März
Retiro Park © Baukunst.art

Madrid im März

27.03.2026
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Stuart Rupert

baukunst.art  • REISEBERICHT / STÄDTE  •  März 2026


Schichten einer Hauptstadt

Stuart Stadler, Architekt, Herausgeber Baukunst.art

Madrid baut seit dem späten 19. Jahrhundert an einem architektonischen Selbstbild, das zwischen imperialer Repräsentation und stiller Avantgarde schwankt. Wer die Stadt im März besucht, trifft sie in einem Zustand, der selten wird: ohne Hochsommerhitze, ohne Menschenmassen, mit einem Licht, das die Fassaden freundlich streift und den Blick schärft für das, was abseits der erwartbaren Routen wartet.

Was steckt hinter der verschlossenen Fassade in der Calle Marqués de Riscal?

Die eigentliche Entdeckung der Reise wartet unscheinbar in der Calle del Marqués de Riscal, wenige Blocks nördlich des Paseo de la Castellana. Der Frontón Beti Jai, 1894 von Joaquín Rucoba errichtet, gehört zu den letzten erhaltenen Pelota-Frontons Europas aus dem 19. Jahrhundert. Rucoba, der auch für die Madrider Markthalle San Miguel verantwortlich zeichnet, entwarf das Gebäude in einem stilistischen Spannungsfeld, das Neugotik und Mudéjar miteinander verknüpft. Die Backsteinfassade ist reich ornamentiert, die Zinnenkrone verleiht dem Bau etwas Wehrhaftes, das in merkwürdigem Kontrast zur Leichtigkeit des Ballsports steht, der darin einst gespielt wurde.

Baukunst - Madrid im März

Frontón Beti Jai © Baukunst.art

Jahrzehntelang stand das Gebäude leer, wurde zeitweise zur Notunterkunft, verfiel und war mehrfach vom Abriss bedroht. Aktivistinnen und Aktivisten sowie Denkmalpflegerinnen und Denkmalpfleger kämpften für den Erhalt. Heute ist der Frontón teilsaniert und als Kulturort zugänglich. Die Spannung zwischen dem mühsam bewahrten historischen Bestand und der improvisierten Gegenwart ist spürbar: Scaffolding, rohe Einbauten, ein vorsichtiges Ertasten des Möglichen. Kein perfekt restauriertes Denkmal, sondern ein Gebäude, das noch verhandelt, was es werden will. Genau darin liegt sein besonderer Reiz. Die Rettungsgeschichte des Frontón steht exemplarisch für den Umgang Madrids mit seiner gründerzeitlichen Bausubstanz: spät, zäh, aber am Ende beharrlich.

Wie verankert man ein Museum unter dem königlichen Palast?

 

Unterhalb des Plaza de la Armería, zwischen dem Palacio Real und der Almudena-Kathedrale, öffnete im Juni 2024 die Galería de las Colecciones Reales. Das Museum, entworfen von Emilio Tuñón und dem 2012 verstorbenen Luis Moreno Mansilla (Mansilla Tuñón Arquitectos), deren Partnerschaft zu den prägenden der spanischen Architektur der vergangenen Jahrzehnte zählt, ist zum überwiegenden Teil im Untergrund angelegt. Die Entscheidung, das Gebäude in die Topografie einzugraben, ist keine Verlegenheitslösung, sondern ein architektonisches Argument: Der königliche Palast soll in seiner historischen Dominanz unangetastet bleiben, das Museum versteht sich als Unterbau, nicht als Konkurrenz.

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Galería de las Colecciones Reales © Baukunst.art

Die Ausstellungsräume sind großzügig geschnitten, Oberlichter und präzise gesetzte Öffnungen führen Tageslicht in die Tiefe. Die Sammlung umfasst Kutschen, Tapisserien, Gemälde und historisches Mobiliar aus dem spanischen Königshaus. Was architektonisch überzeugt, ist die Konsequenz der topografischen Strategie: Der Weg durch mehrere Ebenen ins Innere wird zur eigenständigen räumlichen Erfahrung. Ein Bau, der belegt, dass Zurücknahme keine architektonische Schwäche ist, sondern eine Haltung.

Fundación Giner de los Ríos: Bildungsideal in gebauter Form

In der Calle del Príncipe de Vergara liegt das Gebäude der Institución Libre de Enseñanza, jener 1876 gegründeten Reformschule, die das spanische Bildungsdenken des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt hat. Die Architektinnen und Architekten Cristina Díaz Moreno und Efrén García Grinda (Amid.Cero9) haben das Ensemble behutsam instandgesetzt und für die Fundación Giner de los Ríos nutzbar gemacht.

Madrid im März: Drei architektonische Entdeckungen, ein unschlagbares Fahrradnetz und das beste Reiseklima Europas im Frühling.

Institución Libre de Enseñanza © Baukunst.art

Der Eingriff ist präzise kalibriert: Das Neue tritt hinter das Historische zurück, ohne sich unsichtbar zu machen. Materialwahl und Detaillierung zeigen einen Umgang mit dem Bestand, der Respekt und eigenständige Haltung gleichermaßen formuliert. Ein Ort, der die Verbindung von Bildungsideal und räumlicher Qualität als Programm begreift.

Tisch und Sattel: Madrid jenseits der Architektur

Zwischen den Besichtigungen behauptet sich Madrid als Gastronomiestadt mit bemerkenswerter Ernsthaftigkeit.

Baukunst - Madrid im März

Restaurant Tramo – konsequente Reduktion auf das Wesentliche © Baukunst.art

Das Restaurant Tramo in der Avenida del General Martínez Campos 42 steht für eine Küche, die sich als bewusster Gegenentwurf zu Überfluss und Beliebigkeit versteht: natürliche Zutaten, ein projektbewusstes Denken (Eigenbezeichnung: proyectos conscientes), konsequente Reduktion auf das Wesentliche.

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Das argentinische Fleischrestaurant Charrúa – Baukunst.art

Das argentinische Fleischrestaurant Charrúa hält, was sein Name verspricht: Qualität ohne Umwege, handwerkliche Präzision am Grill.

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Sushi-Bar Akiro © Baukunst.art

Die Sushi-Bar Akiro bietet eine japanische Küche auf einem Niveau, das für eine europäische Hauptstadt außerhalb Londons oder Paris selten ist.

Die Fortbewegung durch die Stadt ist eine eigene Erfahrung. Das elektrische Leihfahrradsystem Madrids gehört zu den überzeugendsten, die eine europäische Hauptstadt derzeit bietet.

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Bici – ein überzeugendes Konzept Baukunst.art

Das Verhältnis von Kosten, Verfügbarkeit und Netzabdeckung liegt spürbar über dem, was andere Städte gewohnt sind. Hinzu kommt ein U-Bahnnetz, das nicht nur dicht und pünktlich ist, sondern auch historisch aufschlussreich: Die ersten Madrider Untergrundbahnen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit britischer Technik gebaut, was den bis heute geltenden Linksverkehr in den Tunneln erklärt. Eine kleine Anomalie, die im Fahren nachvollziehbar und fast vertraut wird.

Warum ist März der richtige Monat für Madrid?

Madrid im März ist eine Empfehlung ohne Vorbehalt. Die Temperaturen erlauben ausgedehnte Spaziergänge, das Licht ist klar und lang, die Stadt gehört noch denen, die sie bewohnen. Die architektonischen Funde dieser Reise lagen nicht hinter großen Eintrittskassen: eine halbsanierte Sportstätte aus dem 19. Jahrhundert, die zwischen Vergangenheit und offener Zukunft pendelt; ein unterirdisches Museum, das Bescheidenheit als konzeptionelle Strategie wählt; ein Bildungsgebäude, das seine Reformideale in beständiger Materialität verankert hat. Madrid zeigt, wer sucht. Und der März gibt dafür die besten Bedingungen.

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