Baukunst - Mahnmal St. Nikolai Hamburg: MIMA Architektur gewinnt Wettbewerb für behutsame Neuordnung des Gedenkorts
St Nikolaus in Hamburg © Depositphotos_226471340_S

Mahnmal St. Nikolai Hamburg: MIMA Architektur gewinnt Wettbewerb für behutsame Neuordnung des Gedenkorts

14.12.2025
 / 
 / 
Claudia Grimm

Zwischen Transparenz und Gedenken: Die Neuordnung des Mahnmals St. Nikolai

Der 147 Meter hohe Turm der ehemaligen Hauptkirche St. Nikolai ragt noch immer als stummer Zeuge über die Hamburger Altstadt. Was einst den alliierten Bomberpiloten als Orientierungspunkt beim Anflug auf die Hansestadt diente, ist heute Hamburgs zentraler Erinnerungsort an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Im Sommer 1943 verwandelte die „Operation Gomorrha“ weite Teile der Stadt in ein Flammenmeer, das mindestens 34.000 Menschen das Leben kostete. Die neugotische Kirche brannte aus, nur ihr markanter Turm blieb stehen.

Mehr als acht Jahrzehnte später steht das Mahnmal vor einer architektonischen Neuausrichtung. Mitte Oktober 2025 entschied die Jury eines offenen Realisierungswettbewerbs über die Zukunft des Gedenkorts. Aus 25 Einreichungen ging das 2022 gegründete Hamburger Büro MIMA Architektur gemeinsam mit GDLA Landschaftsarchitektur aus Heidelberg als Sieger hervor. Das Bauvolumen beträgt 5,1 Millionen Euro, finanziert durch das Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“, die Stadt Hamburg sowie die Stiftung Mahnmal St. Nikolai als Ausloberin des Verfahrens.

Funktionale Defizite als Ausgangspunkt

Die Aufgabenstellung resultierte aus konkreten funktionalen Problemen: Der bisherige Museumszugang im Kellergewölbe war schwer auffindbar, die beiden Kassenbereiche räumlich voneinander getrennt, ungenutzte Kellerbereiche brachlagen, und eine barrierefreie Erschließung fehlte weitgehend. Hinzu kam der Wunsch, den Gedenkort stärker mit dem umliegenden Stadtraum zu verbinden und für Bildungsarbeit zu aktivieren.

Der Siegerentwurf von Martin Kemp und seinem Team beantwortet diese Anforderungen mit einem Pavillon an der Nordkante des Kirchenplateaus. Das Gebäude nimmt in seiner Position die Linien des ehemaligen Querschiffs auf und schafft damit einen subtilen Bezug zur historischen Raumstruktur. Im gläsernen Erdgeschoss bündelt der Bau Museumszugang, Kasse und Shop. Ein Lift verbindet erstmals barrierefrei Straßenniveau, Kirchenplateau und Gewölbekeller miteinander.

Architektonische Haltung zwischen Behauptung und Rücksicht

Die gestalterische Qualität des Entwurfs liegt in seinem Umgang mit dem Spannungsfeld zwischen notwendiger Präsenz und gebotener Zurückhaltung. Die Verfasserinnen und Verfasser formulieren ihre Leitidee poetisch: „Wie ein Kleid legt sich eine transluzente Fassade um das Gebäude. Sie filtert Licht, erzeugt Schattenbilder und steht sinnbildlich für eine Erinnerung, die spürbar, aber nicht greifbar ist.“ Die feine Holzständerkonstruktion der oberen Geschosse ermöglicht flexible Räume für Bildung und Begegnung, während das gläserne Erdgeschoss Blickbeziehungen zwischen Ruine und Stadt herstellt.

Das Preisgericht lobte die „stille Präsenz, die gleichermaßen Zurückhaltung und Selbstverständlichkeit ausstrahlt“. Der Pavillon überzeuge durch eine Balance zwischen Temporalität und Permanenz. Tatsächlich ist der Neubau ohne Beeinträchtigung der denkmalwerten Substanz rückbaubar konzipiert. Diese Reversibilität darf als bewusste Geste verstanden werden: Der Eingriff versteht sich als Bauwerk seiner Zeit, das künftigen Generationen Handlungsspielräume belässt.

Intervention im Untergrund

Besondere Beachtung verdient die Aktivierung der Gewölbekeller. Vier freistehende, gläserne Haus-in-Haus-Strukturen sollen die historischen Räume für Ausstellungen, Seminare und Workshops nutzbar machen, ohne in die salzgeschädigte historische Substanz einzugreifen. Diese bauliche Unabhängigkeit der Einbauten ist denkmalpflegerisch konsequent gedacht. Licht fällt durch die transparenten Kuben in die Tiefe und verleiht den jahrhundertealten Gewölben eine neue atmosphärische Qualität.

Auch die Freiraumgestaltung von GDLA trägt zur Aufwertung bei. Ein geschlossener Grüngürtel soll das Mahnmal künftig rahmen, der Chorbereich wird begrünt und als Ort des stillen Verweilens neu gestaltet. Vertikale Interventionen markieren die ehemaligen Säulenstandorte und verankern die historische Raumstruktur sichtbar im Stadtraum.

Kritische Würdigung

Die Qualität des Entwurfs liegt in seiner Fähigkeit, funktionale Anforderungen und atmosphärische Sensibilität zu verbinden. MIMA Architektur, bislang vor allem durch nachhaltige Minimalhäuser und Ferienarchitektur bekannt, beweist mit diesem Wettbewerbserfolg seine Kompetenz im Umgang mit komplexen städtebaulichen und erinnerungskulturellen Aufgaben.

Ob der Pavillon in der Realisierung seine „überraschende Anmut und Leichtigkeit“ behaupten kann, bleibt abzuwarten. Die Umsetzung ist bis Ende 2028 vorgesehen. Dann soll St. Nikolai noch stärker als bisher ein Ort sein, der Geschichte bewahrt, Bildung ermöglicht und zur Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart einlädt.

Nele Fahnenbruck, Geschäftsführerin der Stiftung Mahnmal St. Nikolai, brachte es auf den Punkt: „Der Entwurf lässt die offene Wunde der Stadt sichtbar und erfahrbar bleiben und ergänzt sie um eine architektonische Geste, die sowohl planerisch überzeugt als auch identitätsstiftend ist.“ Den zweiten Preis erhielten Winking Froh Architekten mit Arbos Landscape, den dritten Springer Architekten mit Vogt Landschaftsarchitekten.