Baukunst - Mainzer Mediathek am Gutenbergplatz: Wie Haushaltszwang ein Kulturhaus neu erfindet
Wie ein geplatzter Haushalt eine Kleinkunstbühne obdachlos machte © Faerber Architekten Mainz

Mainzer Mediathek am Gutenbergplatz: Wie Haushaltszwang ein Kulturhaus neu erfindet

23.02.2026
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Claudia Grimm

Wenn die Kasse klingt, schweigen die Musen

Mainz ändert seine Kulturpläne: Aus dem ambitionierten Kulturhaus wird eine Mediathek. Das ist weniger schlecht, als es klingt.

Das Ende eines großen Plans

Mainz hatte Großes vor. Im Herzen der Altstadt, auf dem ehemaligen Karstadt-Areal an der Ludwigsstraße, sollte ein neues Kulturhaus entstehen, das der Stadt endlich das geben würde, was sie seit Jahren vermisste: einen zentralen Ort für Kleinkunst, Kino und städtisches Leben unter einem Dach. Die Kleinkunstbühne Unterhaus und das Studiokino Ciné Mayence waren gesetzt, die Kosten veranschlagt, die Begeisterung groß. Dann platzte Ende 2024 der Mainzer Haushalt, und mit ihm der Traum vom großen Kulturhaus. Rund 48 Millionen Euro, die Bürgermeister Günter Beck für das Vorhaben vorgesehen hatte, mussten gestrichen werden.

Was blieb, war ein Rohbau an der Ecke Fuststraße und Gutenbergplatz, entworfen vom Mainzer Büro Faerber Architekten, der nun nach einer neuen Bestimmung suchte. Diese Bestimmung hat die Stadt im Dezember 2025 gefunden: Die Anna-Seghers-Bücherei, seit gut 40 Jahren in einem Anbau der Bonifaziustürme am Hauptbahnhof untergebracht, soll ins Zentrum der Gutenbergstadt umziehen. Aus dem Kulturhaus wird eine Mediathek. Oder, wie Oberbürgermeister Nino Haase (parteilos) schwärmte: ein Ort, der Medienbildung dorthin bringt, wo sie hingehört.

Architektonisches Erbe und neue Nutzung

Der Bau selbst ist bereits fertig und kann für sich sprechen. Faerber Architekten haben an der Ecke Fuststraße und Gutenbergplatz einen Neubau geschaffen, der bewusst Maßstab und Charakter der Mainzer Altstadt aufnimmt, ohne in historisierendem Kleinmut zu versinken. Die Jury des vorangegangenen Wettbewerbs lobte die skulpturale Ausarbeitung der Fassaden mit ihren schrägen Elementen als neues Merkmal, das sich gut in die städtebauliche Umgebung einfüge. Das Gebäude bietet Raum für Wohnungen im Obergeschoss, Einzelhandel im Erdgeschoss sowie die künftigen Kulturnutzungen in den Mitteletagen.

Genau diese Mischung aus Wohnen, Handel und öffentlicher Nutzung entspricht zeitgemäßen Vorstellungen von urbanem Leben. Dass das Philharmonische Staatsorchester Mainz ebenfalls einzieht, mit neuen Proberäumen und einem Kammermusiksaal gegenüber dem Staatstheater, verleiht dem Gebäude eine institutionelle Tiefe, die über die bloße Bibliotheksnutzung hinausgeht. Hier entsteht kein monofunktionaler Kulturbunker, sondern ein gemischter Stadtbaustein, der verschiedene Nutzergruppen und Rhythmen zusammenführt.

Bibliotheken als demokratische Räume

Wer die Entscheidung für eine Mediathek nur als Rückzug aus dem Kulturvorhaben wertet, unterschätzt, was öffentliche Bibliotheken leisten. Sie gehören zu den meistbesuchten kulturellen Einrichtungen in Deutschland, und das nicht zufällig: frei zugänglich, frei von Konsumzwang, für alle Altersgruppen und sozialen Schichten offen. Die bisherige Anna-Seghers-Bücherei an den Bonifaziustürmen zählt täglich rund 750 Besucherinnen und Besucher und organisiert jährlich etwa 400 Veranstaltungen, ein Pensum, das viele selbstbewusste Kulturhäuser vor Neid erblassen ließe.

Am neuen Standort soll die Bibliothek über 1000 Quadratmeter mehr Fläche verfügen. Eine Kinder- und Jugendmediathek, gemütliche Leseecken, moderne Arbeitsplätze, ein Maker Space für digitale und interaktive Formate sowie ein Saal für Lesungen und Workshops sind geplant. Kulturdezernentin Marianne Grosse (SPD) betonte, es entstehe ein neuer „dritter Ort“, ein Begriff aus der Stadtsoziologie für jene Räume, die weder Wohnung noch Arbeitsplatz sind, aber das Rückgrat sozialer Begegnung bilden. Wenn das gelingt, wäre die Mediathek am Gutenbergplatz mehr als ein Ersatz für das gescheiterte Kulturhaus: Sie wäre ein eigenständiges Stadtangebot, das Mainz langfristig stärker prägen könnte.

Finanzen: Teuer, aber kalkuliert

Ganz billig kommt der Verzicht auf das ursprüngliche Kulturhaus nicht. Der Kauf von Teilen des Erbbaurechts am Gebäude Fuststraße 2 von der Gemünden-Molitor-Gruppe kostet rund 20,75 Millionen Euro, hinzu kommen 2,47 Millionen Euro für Büroflächen im zweiten Obergeschoss sowie bis zu 3 Millionen Euro für die Innenausstattung. Zusammen nähert sich das Vorhaben der 30-Millionen-Euro-Marke. Finanziert werden soll es aus dem Sondervermögen „Rheinland-Pfalz-Plan für Bildung, Klima und Infrastruktur“, das Bund und Land mit insgesamt 167 Millionen Euro gefüllt haben. Die jährliche Haushaltbelastung für die Stadt steigt von rund 562.000 Euro auf rund 872.000 Euro, getilgt über 30 Jahre.

Vor 2027 dürften in dieser Angelegenheit keine nennenswerten Zahlungen fällig werden, der Innenausbau soll bereits in der ersten Jahreshälfte 2026 beginnen. Stadtrat und die zuständigen Fachausschüsse haben dem Vorhaben bereits im Dezember 2025 zugestimmt. Was fehlt, ist ein verbindlicher Eröffnungstermin, der über die Jahreszahl 2027 hinausgeht. Bauvorhaben dieser Komplexität haben eine ausgeprägte Neigung, ihren eigenen Zeitplan zu torpedieren.

Was von der ursprünglichen Vision bleibt

Die eigentlichen Verliererinnen und Verlierer dieser Geschichte sind das Unterhaus und das Ciné Mayence. Beide Institutionen hatten auf einen zentralen Neubau gehofft und müssen nun weiter in ihren angestammten, räumlich beengten Verhältnissen operieren. Dass die angespannte Haushaltslage der Stadt diesen Institutionen auf absehbare Zeit keine Alternative bieten wird, ist die stille Schattenseite des Dezemberbeschlusses.

Für die Architektur des Vorhabens stellt sich eine andere Frage: Hat Faerber Architekten einen Bau entworfen, der sich für eine Mediathek so gut eignet, wie er ursprünglich für ein Kulturhaus gedacht war? Die Grundrisse mit Unter-, Erd- und Obergeschoss sowie Büroflächen im zweiten Stock lassen sich für eine Bibliothek mit Verwaltungseinheit gut nutzen, Flexibilität war offensichtlich Teil des Entwurfsgedankens. Der Rohbau steht, die Nutzung hat sich geändert, und der Umbauaufwand hält sich in Grenzen.

Ein Modell für andere Kommunen

Mainz steht mit diesem Dilemma nicht allein. Überall in Deutschland stehen Stadtentwicklungsprojekte im Zeichen angespannter Haushalte, geschrumpfter Ambition und notwendiger Pragmatik. Die Antwort, die Mainz gefunden hat, ist keine heroische, aber eine solide: Ein öffentliches, niederschwelliges Kulturangebot im Zentrum, das architektonisch eingebettet ist in einen gemischten Stadtbaustein, ohne maximalen Aufwand zu betreiben.

Was das Mainzer Beispiel überregional interessant macht, ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen programmatischem Anspruch und baulicher Realität. Ein Kulturhaus, das nie gebaut wird, hilft niemandem. Eine Mediathek, die täglich 750 Menschen anzieht und einem neuen Gebäude im Herzen der Stadt Würde verleiht, ist besser als ein leerer Rohbau, der auf bessere Haushaltszeiten wartet. Manchmal ist die zweite Wahl die klügere.