
baukunst.art |  REGIONALES | Kiel | April 2026
Der unterschätzte Schatz der Nachkriegsmoderne: Kiel holt sich sein Konzerthaus zurück
Das Konzerthaus am Kieler Schloss ist ein zwischen 1961 und 1965 nach Entwürfen des Hamburger Büros Sprotte und Neve errichteter Saalbau der Nachkriegsmoderne, der seit Januar 2026 nach einer sechsjährigen Sanierung durch gmp Architekten und bbp architekten wieder bespielt wird.
Die Wiedereröffnung am 10. Januar 2026 markiert einen Moment, den die Landeshauptstadt Kiel ihrem Kulturpublikum lange schuldig geblieben ist. Rund vier Jahre stand das Haus still, nachdem im Sommer 2021 der Spielbetrieb endete und im November desselben Jahres die Abbrucharbeiten begannen. 2.800 Tonnen Material wurden aus dem Gebäude ausgebaut, ehe die Förderbescheide Ende Februar 2023 eintrafen und ein regulärer Baubetrieb einsetzen konnte. Mit einem Festakt und dem 4. Philharmonischen Konzert am 11. Januar 2026 kehrte das Philharmonische Orchester Kiel in seine Heimspielstätte zurück. Die Arbeitsgemeinschaft aus gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner und bbp architekten aus Kiel plante und realisierte das Vorhaben zwischen 2019 und 2025.
Herbert Sprotte, ein Schüler von Hans Scharoun, brachte die Idee der Weinbergarchitektur zeitgleich mit seinem Lehrer an die Förde. Während Scharoun die Berliner Philharmonie entwarf, lösten Sprotte und Peter Neve in Kiel das klassische Parkett zugunsten gestaffelter Terrassen auf und ließen das Publikum die Bühne umschließen. Eine Bauform, die Deutschland bis dahin nicht kannte, entstand somit nicht in der Hauptstadt, sondern in Schleswig-Holstein. Die Konzerthalle bildet mit dem wieder aufgebauten Ostflügel und der aufgestelzten Historischen Landeshalle das Ensemble des Kieler Schlosses, das seit 2005 nach dem Denkmalschutzgesetz des Landes Schleswig-Holstein (DSchG SH) in seiner Gesamtheit unter Schutz steht, einschließlich der Nachkriegsbauten.
Wie bleibt Nachkriegsmoderne unter Denkmalschutz zeitgemäß?
Der Bestandsbau litt unter dem, was viele Kulturbauten der sechziger Jahre ereilt: nachträglich hinzugefügte Aufzüge und Einbauten, die die ursprüngliche Klarheit überlagerten; Überformungen, die funktional Sinn ergaben, ästhetisch aber die minimalistische Handschrift der Entwurfsverfasser verwischten. Björn Bergfeld, Geschäftsführender Gesellschafter bei bbp, nennt das Haus eine bislang unterschätzte Inkunabel der sechziger Jahre, deren Schlichtheit erst durch das Abräumen späterer Aufbauten wieder lesbar werde.
Die Planenden verfolgten daher einen Ansatz, den gmp als konzeptionelle Fortschreibung bezeichnet. Größtmöglicher Erhalt der Originalsubstanz, präzise Eingriffe in Technik und Akustik, Rekonstruktion der architektonischen Ordnung. Der außenliegende Aufzug vor der Südfassade wurde zurückgebaut und in das Foyer integriert. Die schweren Bronzegusstüren am Eingang entfielen zugunsten einer transparenteren Ausführung. Rund 70 Prozent der Natursteinplatten aus norwegischem Alta-Quarzit konnten wiederverwendet werden, eine Bilanz, die im Kontext grauer Emissionen und ressourcenschonender Sanierung bemerkenswert ist.
Die energetische Gesamterneuerung folgte den Anforderungen des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) und war zugleich Voraussetzung für den Erhalt der Fördermittel; Bund und Land hatten mit den Fördergebern Nachhaltigkeitsziele wie messbare Energieeinsparungen vertraglich vereinbart. Die Pfosten-Riegel-Glasfassade des Foyers wurde in filigranen Proportionen erneuert, eine neue Sonnenschutzverglasung verbessert den sommerlichen Wärmeschutz nach DIN 4108. Das charakteristische Kupferdach über dem Saal wurde originalgetreu rekonstruiert.
Im Inneren konzentrierten sich die Eingriffe auf das, was den Saal zum Konzertsaal macht. Zwölf höhenverstellbare Akustiksegel über der Bühne bündeln Schallreflexion, Beleuchtung und Bühnentechnik; sie verbessern vor allem die Hörbarkeit der Orchestermusikerinnen und Orchestermusiker untereinander, ein Punkt, den Generalmusikdirektor Benjamin Reiners als entscheidend für das gemeinsame Spiel beschreibt. Neue Hubpodeste ersetzen die manuelle Podesterie und erlauben den schnellen Umbau vom klassischen Konzert zur Kongressnutzung. Eine Corian-Wandverkleidung mit LED-Hinterleuchtung ergänzt die reduzierte Materialpalette aus Schwarzstahl und perforierten Flächen. Die Grundakustik des Saals, die schon vor der Sanierung einen guten Ruf genoss, blieb dabei erhalten.
Die akustische Planung folgte einer Doppelstrategie: Erhalt der bewährten Nachhallzeit für das klassische Repertoire bei gleichzeitiger Verbesserung der gegenseitigen Wahrnehmung des Ensembles auf der Bühne. Die terrassierte Weinberggeometrie, die den Raum seit 1965 prägt, bleibt unangetastet. Die LED-Hinterleuchtung der Corian-Paneele greift die ursprüngliche Idee des leuchtenden Saalkörpers auf, ohne die optische Zurückhaltung der sechziger Jahre zu verletzen. Für Kammermusik, Sinfoniekonzert, Chor, Theater und Unterhaltungsformate ergeben sich damit einstellbare Akustikzustände, die den Saal vom reinen Klassikhaus zum flexiblen Mehrzwecksaal weiterentwickeln, ohne seinen Charakter als ernsthaften Konzertraum zu verlieren.
Was bedeutet die Wiedereröffnung für Kiel und Schleswig-Holstein?
Die Landeshauptstadt Kiel hatte das denkmalgeschützte Schlossensemble 2018 erworben und damit eine kommunale Verantwortung übernommen, die ohne ein geordnetes Fördergerüst finanziell kaum tragbar gewesen wäre. Die vorläufige Gesamtkalkulation von rund 47 Millionen Euro deckten knapp zur Hälfte öffentliche Hände und Private ab. Rund 11 Millionen Euro steuerte der Bund bei, rund 10 Millionen Euro das Land Schleswig-Holstein, rund 2 Millionen Euro sammelte der Förderverein Konzertsaal am Kieler Schloss e. V. aus privaten Spenden, den Rest trägt die Stadt. Damit bestätigt sich ein Modell, das in der kulturellen Bauaufgabe der DACH-Region zunehmend Standard ist: kommunale Trägerschaft, kombiniert mit Bundes- und Landesförderung sowie bürgerschaftlichem Engagement über einen Förderverein.
Das Gebäude verfügt nun über rund 7.100 Quadratmeter Nettonutzfläche. Die zuvor vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) genutzten 1.200 Quadratmeter, die 2019 frei wurden, flossen in die Neuplanung ein und erlauben eine durchgängige Bespielung. Betreiber ist das Theater Kiel; Konzerthausdirektor Tobias Scharfenberger versteht das Haus als offenes Kulturzentrum, das vom Philharmonischen Orchester über das NDR Elbphilharmonie Orchester bis zu Samy Deluxe mit dem Mikis Takeover! Ensemble eine programmatische Bandbreite abbildet, die eine Stadt dieser Größenordnung braucht.
Der Fall Kiel zeigt exemplarisch, wo die Nachkriegsmoderne in Schleswig-Holstein denkmalpflegerisch angekommen ist. Das DSchG SH in der Fassung von 2015, das konstitutive Unterschutzstellung durch Eintragung in die Denkmalliste vorsieht, hat die Grundlage gelegt. Das Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein hatte die Unterschutzstellung 2005 vollzogen und die Sanierung fachlich begleitet. Die technische Erneuerung unter Anwendung von GEG und den Vorgaben der Landesbauordnung Schleswig-Holstein (LBO SH) zur Barrierefreiheit nach § 52 LBO SH zeigt, dass sich denkmalpflegerischer Anspruch und zeitgemäße Gebäudetechnik nicht ausschließen. Der Aufzug im Foyer, die durchgängig barrierefreien Zugänge und die neu geordneten Garderoben belegen das. Für andere Landeshauptstädte mit vergleichbaren Saalbauten der sechziger Jahre, von Saarbrücken bis Wiesbaden, ist das Kieler Beispiel eine präzise Referenz, wie sich ein solches Vorhaben planerisch und finanziell aufziehen lässt.
Bleibt der Prüfstein des Betriebs. Ob das Haus den Anspruch eines kulturellen Wohnzimmers für Kiel und die Region einlöst, wird sich nicht an den 1.400 Sitzplätzen oder den zwölf Akustiksegeln messen lassen, sondern an der Auslastung jenseits der Eröffnungseuphorie. Das internationale Tournee- und Vermietungsgeschäft arbeitet mit zwei Jahren Vorlauf, für das erste Halbjahr 2026 war diese Frist bei der noch offenen Eröffnung nicht einzuhalten. Der bereits ausverkaufte Saal am 11. Januar 2026 lässt dennoch vermuten, dass die Kielerinnen und Kieler ihrem Konzerthaus über die vier Jahre Baustelle hinweg gewogen geblieben sind.

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