
Cyberbetrug bei öffentlichen Aufträgen: Wenn TED zur Falle wird
Die unsichtbare Bedrohung im digitalen Vergabeverfahren
Die Digitalisierung des öffentlichen Auftragswesens sollte eigentlich Transparenz schaffen und Prozesse vereinfachen. Doch genau diese Offenheit nutzen Cyberkriminelle nun systematisch aus. Die EU-Vergabeplattform TED (Tenders Electronic Daily), jahrzehntelang das Rückgrat der europaweiten Ausschreibungen, ist zum Werkzeug einer perfiden Betrugsmasche geworden. Das Bundeskriminalamt schlägt Alarm – und die Architekturbranche muss aufhorchen.
Anatomie eines digitalen Raubzugs
Die Methode ist so simpel wie effektiv: Automatisierte Programme durchkämmen die öffentlich zugänglichen TED-Datenbanken nach erfolgreichen Bietern und deren Auftraggebern. Mit diesen Informationen im Gepäck geben sich die Täterinnen und Täter per E-Mail als Behörden oder öffentliche Auftraggeber aus. Ihre Anfrage klingt vertraut: „Bitte übersenden Sie uns die noch offenen Rechnungen zum Projekt XY.“
Was folgt, ist digitale Falschmünzerei im großen Stil. Die Kriminellen manipulieren die erhaltenen Rechnungen minimal – ändern lediglich die Bankverbindung – und leiten sie an die echten Auftraggeber weiter. Diese überweisen pflichtbewusst, allerdings nicht an das beauftragte Architekturbüro, sondern direkt auf die Konten der Betrüger. Der Schaden wird oft erst Wochen später bemerkt, wenn Mahnungen eintrudeln oder die Liquidität ins Stocken gerät.
Warum gerade Architektinnen und Architekten?
Die Zielgruppe ist keineswegs zufällig gewählt. Planungsbüros vereinen mehrere Risikofaktoren: Sie jonglieren mit zahlreichen Projekten gleichzeitig, pflegen wechselnde Ansprechpartner in verschiedenen Behörden und stehen unter permanentem Termindruck. Die durchschnittliche Rechnungssumme bei öffentlichen Bauvorhaben macht sie zusätzlich attraktiv für Kriminelle – hier lohnt sich der Aufwand.
Hinzu kommt eine gewisse Gutgläubigkeit gegenüber öffentlichen Auftraggebern. Wer würde schon vermuten, dass sich hinter der E-Mail des Stadtbauamts ein Betrüger verbirgt? Diese Vertrauensseligkeit, gepaart mit der Komplexität moderner Bürostrukturen, schafft ideale Angriffsflächen.
Die berufspolitische Dimension: Mehr als nur IT-Sicherheit
Die Bundesarchitektenkammer bringt die Problematik auf den Punkt: Cybersicherheit ist längst keine reine IT-Angelegenheit mehr, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Seine Forderung, Schutzmaßnahmen verbindlich in die geplanten 500 Milliarden Euro für Infrastrukturinvestitionen zu integrieren, zeigt die Tragweite des Problems.
Die Kammern stehen vor einer Herausforderung: Wie schützt man eine Berufsgruppe, die traditionell in kleinen bis mittleren Strukturen organisiert ist, vor hochprofessioneller Cyberkriminalität? Die Antwort kann nicht allein in technischen Lösungen liegen. Es braucht eine koordinierte Strategie zwischen Kammern, Verbänden und der öffentlichen Hand.
Vergaberecht im digitalen Zeitalter: Eine Sollbruchstelle
Die aktuelle Betrugsmasche offenbart eine fundamentale Schwäche des digitalen Vergabewesens: Die Balance zwischen Transparenz und Sicherheit ist aus dem Gleichgewicht geraten. TED wurde konzipiert, um Korruption zu verhindern und faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen. Dass genau diese Offenheit nun zum Einfallstor für Kriminelle wird, ist bitter ironisch.
Die Bundesarchitektenkammer und andere Standesvertretungen müssen hier nachjustieren. Es gilt, auf EU-Ebene für Anpassungen zu kämpfen, die den Spagat zwischen notwendiger Transparenz und Datenschutz meistern. Möglicherweise braucht es gestaffelte Zugriffsrechte oder verschlüsselte Kommunikationskanäle zwischen Auftragnehmern und Auftraggebern.
Praktische Schutzmaßnahmen: Die Büroorganisation neu denken
Für Architekturbüros bedeutet die neue Bedrohungslage konkret: Interne Prozesse müssen überdacht werden. Die klassische Trennung zwischen kaufmännischer Abteilung und Projektleitung reicht nicht mehr aus. Es braucht klare Verifizierungsketten, bei denen Zahlungsänderungen grundsätzlich über alternative Kommunikationswege bestätigt werden.
Schulungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind unerlässlich. Jede Buchhalterin, jeder Projektleiter muss die Warnsignale kennen: ungewöhnliche E-Mail-Domains, minimale Rechtschreibfehler in offiziell wirkenden Schreiben, plötzliche Änderungen etablierter Kommunikationswege. Die Sensibilisierung muss regelmäßig erfolgen – Cyberkriminelle entwickeln ihre Methoden ständig weiter.
Die Verantwortung der öffentlichen Hand
Die öffentlichen Auftraggeber sind gleichfalls gefordert. Sie müssen sichere Kommunikationsstandards etablieren und diese konsequent einhalten. Denkbar wären digitale Signaturen für alle offiziellen Anfragen oder spezielle Portale für den Rechnungsaustausch. Die Investition in solche Systeme mag kurzfristig kostspielig erscheinen, doch der volkswirtschaftliche Schaden durch Betrug wiegt schwerer.
Ausblick: Resilienz als Standortfaktor
Die TED-Betrugsmasche ist nur die Spitze des Eisbergs. Mit fortschreitender Digitalisierung werden die Angriffsvektoren vielfältiger. Für die Architekturbranche bedeutet dies: Cybersicherheit muss zum integralen Bestandteil der Berufsausübung werden, ähnlich wie Haftpflichtversicherungen oder Fortbildungen.
Die Kammern und Verbände sind gefordert, hier Orientierung zu bieten. Musterverträge könnten Sicherheitsklauseln enthalten, Fortbildungen könnten verpflichtend werden, Zertifizierungen könnten bei Ausschreibungen Vorteile bringen. Der Berufsstand muss seine digitale Resilienz als Qualitätsmerkmal begreifen und kommunizieren.
Die aktuelle Warnung des BKA sollte als Weckruf verstanden werden. Nicht um in Panik zu verfallen, sondern um strukturiert und professionell zu reagieren. Denn eines ist sicher: Die nächste Angriffswelle kommt bestimmt – die Frage ist nur, wie gut die Branche darauf vorbereitet ist.

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