
Recycelter Backstein, öffentliche Terrassen, 900.000 Objekte: Helsinkis Museumsversprechen
Das neue Museum für Architektur und Design Finnlands (Museum of Architecture and Design, kurz: AD Museum) ist ein kulturpolitisches Projekt, das zeigt, wie eine Gesellschaft mit öffentlichen Geldern, urbanem Erbe und architektonischer Verantwortung umgehen kann.
Im September 2025 gab die Jury unter Vorsitz des früheren Leiters des Stadtplanungsamtes Helsinki, Mikko Aho, den Sieger eines der bemerkenswertesten Architekturwettbewerbe der jüngeren europäischen Geschichte bekannt: Das Büro JKMM Architects aus Helsinki gewann mit seinem Entwurf „Kumma“ den offenen, zweistufigen, anonymen internationalen Wettbewerb für das neue Museum für Architektur und Design an Helsinkis Südhafen. 624 Teams aus aller Welt hatten eingereicht, darunter starke Beiträge aus Italien, den USA, Frankreich und dem Vereinigten Königreich.
Was macht diesen Wettbewerb zum Vorbild für städtische Baukultur?
Die Antwort liegt weniger im Entwurf selbst als im Prozess. Der Wettbewerb wurde von der Immobiliengesellschaft AD Museum, einem Gemeinschaftsunternehmen der Stadt Helsinki und des finnischen Staates, gemeinsam mit der Stiftung für das finnische Museum für Architektur und Design und dem finnischen Architektenverband SAFA (Suomen Arkkitehtiliitto) organisiert. Schon diese Trägerstruktur signalisiert: Hier handelt nicht ein privater Investor, sondern ein kollektiv verantwortetes Gemeinwesen.
Noch ungewöhnlicher war die demokratische Einbindung der Öffentlichkeit. Alle fünf Shortlist-Entwürfe wurden anonym veröffentlicht, und bis Ende Januar 2025 war jede und jeder eingeladen, die Projekte online zu kommentieren. Ergänzend dazu führte KONE Finland für sämtliche 624 Beiträge eine People Flow Analysis durch, öffentliche Workshops mit Nutzerinnen und Nutzern flossen in die Bewertung ein. Transparenz als Planungsprinzip, nicht als PR-Massnahme.
Warum ist der Standort am Südhafen so bedeutsam?
Das neue Museum entsteht auf einem brachliegenden Dockareal direkt am Marktplatz (Kauppatori), in unmittelbarer Nachbarschaft zu Alvar Aaltos „Zuckerwürfel“ (dem Enso-Gutzeit-Gebäude von 1962), der lutherischen und der orthodoxen Kathedrale sowie dem Esplanade-Park. Der Standort liegt zudem innerhalb der UNESCO-Pufferzone der Seefestung Suomenlinna (Weltkulturerbe). Prominenter geht es kaum.
Die Entscheidung für diesen Ort ist eine stadtplanerische Aussage: Das Hafenareal soll vom Transitraum zum kulturellen Herzstück werden. Das AD Museum ist Initialzündung für eine umfassendere Regenerationsstrategie, die den Südhafen als fussgängerfreundliches, maritimes Stadtquartier neu denkt. Entstanden ist das Projekt aus der Zusammenführung zweier historisch bedeutender Institutionen: des 1952 gegründeten Museums für Finnische Architektur und des 1873 gegründeten Designmuseums Helsinki. Beide waren bislang in Altbauten untergebracht, die für zeitgemässe Museumszwecke nur bedingt geeignet waren.
Was unterscheidet den Siegerentwurf von anderen Projekten?
JKMM Architects setzen auf recycelten Backstein als primäres Fassadenmaterial, eine skulpturale Setzung mit einer starken urbanen Terrasse sowie eine Gebäudekubatur, die Öffentlichkeit buchstäblich einlädt: Freie Zugangsterrassen, eine Designbibliothek, flexible Ausstellungsgalerien und barrierefreie Begegnungsräume machen das Museum zu einem Ort, der zwischen Monumentalität und Annäherung vermittelt. Die Gesamtnutzfläche beträgt 10.050 Quadratmeter.
Samuli Miettinen, Gründungspartner und leitender Entwerfer bei JKMM Architects, formulierte den Anspruch klar: Die Realisierung des Museums solle zeigen, wie Neues verantwortungsbewusst und handwerklich solid gebaut werden kann. Architektur und Design seien tief menschlich, geboren aus Träumen und Sehnsüchten, und bekämen ihren Sinn in Orten gemeinschaftlichen Erlebens.
Zweiten Preis erhielten Cossement Cardoso (Portugal/Belgien) für „City, Sea and Sky“, den dritten Preis das Schweizer Büro Lopes Brenna für „Moby“. Auch ein finnisches Architektenkollektiv sowie das französische Büro Atelier Orda wurden ausgezeichnet.
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei diesem Vorhaben?
Nachhaltigkeit war keine nachträgliche Anforderung, sondern zentraler Bestandteil des Wettbewerbsprogramms. Die Stadt Helsinki hat sich verpflichtet, bis 2030 klimaneutral zu sein, in dasselbe Jahr, das für die Eröffnung des Museums geplant ist. JKMM Architects wurden ausdrücklich für ihre klimaintelligenzen Lösungen und ökologisch-soziale Responsivität gelobt. Die Verwendung von Recyclingmaterialien, insbesondere des wiederverwendeten Backsteins, ist dabei nicht bloss gestalterische Haltung, sondern ressourcenpolitisches Bekenntnis.
Die ökologische Ambition spiegelt eine breitere skandinavische Planungskultur wider, die Nachhaltigkeit nicht als Einschränkung, sondern als kreative Bedingung versteht. Das AD Museum soll laut Jury zum Massstab für künftige Museumsarchitektur in Europa werden, sowohl in Fragen der Resilienz als auch der sozialen Inklusion.
Was kann die deutschsprachige Architekturszene daraus lernen?
Der Vergleich ist provokant, aber berechtigt: In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind Verfahren dieser Grössenordnung häufig durch Intransparenz, eingeschränkte Teilnahmebedingungen oder mangelnde Öffentlichkeitsbeteiligung geprägt. Die Vergabe von Wettbewerben für kulturelle Infrastrukturbauten bleibt oft kleinen Zirkeln aus gelisteten Büros vorbehalten. Helsinki hat mit 624 anonymen Einreichungen aus aller Welt das Gegenteil demonstriert.
Besonders bemerkenswert ist die frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung: nicht als Alibi-Konsultation am Ende des Verfahrens, sondern als strukturelle Komponente der Entwurfsbewertung. Das entspricht dem, was die Bundesarchitektenkammer (BAK) in ihren Empfehlungen zur Qualitätssicherung im Wettbewerbswesen seit Jahren fordert, ohne dass es flächendeckend umgesetzt wird.
Das AD Museum wird ab 2027 gebaut und soll Ende 2030 eröffnen. Es wird über 900.000 Artefakte aus Architektur und Design beherbergen, von Arbeiten der Aaltos bis zu zeitgenössischen Positionen. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass dieser Wettbewerb nicht nur ein Bauwerk erzeugt, sondern eine Verfahrenskultur, die exportfähig ist.

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