
Berlins historische Mitte: Zwischen Stadtreparatur und Kostenexplosion
Der Architektenwettbewerb für den Molkenmarkt ist entschieden. Die prämierten Entwürfe versprechen eine behutsame Stadtreparatur, doch die Baukosten übersteigen den Rahmen deutlich. Ein Projekt, das nach dreißig Jahren Planung noch immer zwischen Anspruch und Wirklichkeit schwankt.
Der Molkenmarkt ist Berlins ältester Platz und zugleich sein größtes Planungsparadox. Mehr als dreißig Jahre nach den ersten Überlegungen zur Neubebauung des historischen Stadtkerns liegt nun das Ergebnis des ersten Realisierungswettbewerbs vor. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen präsentierte Mitte November 2025 gemeinsam mit der Wohnungsbaugesellschaft Berlin Mitte (WBM) die Siegerentwürfe für Block B/1. Der Juryvorsitzende Vittorio Magnago Lampugnani lobte die Qualität der eingereichten Arbeiten, doch bereits jetzt zeigt sich: Das Projekt droht an den eigenen Ambitionen zu scheitern.
Dreifache Zerstörung, endlose Planung
Der Molkenmarkt trägt die Narben des 20. Jahrhunderts wie kein anderer Ort in Berlin. Zunächst ließen die Nationalsozialisten Teile der mittelalterlichen Altstadt abreißen, um dort ihr Gauforum zu errichten. Alliierte Bomber setzten das Zerstörungswerk fort, bevor die Verkehrsplaner der DDR schließlich eine achtspurige Durchgangsstraße über das Areal legten. Was übrig blieb, war eine trostlose Asphaltfläche inmitten der historischen Keimzelle der Stadt.
Die Chance zur Neugestaltung dieses besonderen Ortes beschäftigt die Berliner Stadtplanung seit der Wiedervereinigung. Seit 2016 gibt es einen festgesetzten Bebauungsplan, der den neuen Verlauf der Grunerstraße und eine geplante Bebauung auf fünf Blöcken definiert. Dennoch: In derselben Zeit, so kommentierte Dankwart Guratzsch in der Welt, habe Karl Friedrich Schinkel vor 200 Jahren sein gesamtes Lebenswerk geschaffen. Die Kritik trifft einen wunden Punkt.
Ein Wettbewerb, drei Lose, vier Sieger
Der Realisierungswettbewerb für Block B/1 umfasste drei Planungsbereiche zwischen Grunerstraße, Molkenmarkt und Jüdenstraße. Nach neunwöchiger Bearbeitungszeit reichten die Teams im September ihre Arbeiten ein: zehn Entwürfe für Los 1 und Los 2, neun für das prominente Ecklos 3. Die Jury unter Lampugnanis Vorsitz empfahl die Erstplatzierten einstimmig zur Realisierung.
Für Los 1, direkt gegenüber dem Roten Rathaus, setzte sich die Arbeitsgemeinschaft aus Hild und K (München), Happel Cornelisse Verhoeven (Rotterdam) und Modersohn & Freiesleben (Berlin) durch. Los 2 erhielt zwei erste Preise: Duplex Architekten (Hamburg) mit Gort Scott (London) und Kim Nalleweg Architekten (Berlin) sowie blrm Architektinnen und Architekten (Hamburg). Das städtebaulich prominente Los 3 an der Ecke Grunerstraße gewann die Berliner Arbeitsgemeinschaft Eckert Negwer Suselbeek mit Baumeister und Dietzsch.
Die Entwürfe folgen dem Gestaltungshandbuch, das Christoph Mäckler aus Frankfurt erarbeitet hat. Es definiert konservative Regeln für Dachneigung, zulässige Materialien und Fensteranteile. Eine klassische Blockrandbebauung mit mittelgroßen Parzellen soll ein abwechslungsreiches, aber stimmiges Erscheinungsbild ermöglichen. Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt beschrieb den erhofften Effekt: Man nähere sich dieser Ecke und denke, hier sei man an einem der Gründungsorte Berlins angekommen. Der Raumkörper sei wieder da, nicht so wie vor dem Krieg, aber als Versprechen, sich der Geschichte der Stadt zuzuwenden.
Kosten außer Kontrolle
Die architektonische Qualität hat ihren Preis. Die prognostizierten Baukosten liegen bei durchschnittlich 4800 Euro pro Quadratmeter und damit 23 Prozent über den von der WBM angesetzten 3850 Euro. Dabei sollte die Hälfte der rund 100 Wohnungen mietpreisgedämpft entstehen, für Menschen mit Wohnberechtigungsschein. In der Überarbeitung der Entwürfe müssen nun gestalterische Wünsche und finanzielle Möglichkeiten zur Deckung gebracht werden.
Der Landesrechnungshof kritisierte die Planungen im November 2025 als zu langwierig, zu aufwendig und zu teuer. Die zahlreichen Planungs- und Beteiligungsprozesse haben bislang fünf Millionen Euro verschlungen, ohne dass eine einzige Wohnung gebaut worden wäre. Die Initiative Offene Mitte Berlin fordert entsprechend, die Siegerentwürfe so anzupassen, dass die Kostenvorgaben eingehalten werden. Der Molkenmarkt dürfe kein teures Luxusquartier werden, mahnte auch der grüne Wohnungsbauexperte Julian Schwarze.
Zwischen Rekonstruktion und Moderne
Das Projekt spiegelt einen grundlegenden Konflikt in der deutschen Architektur wider. Auf der einen Seite steht die Stiftung Mitte Berlin, die eine weitgehende Wiederherstellung des historischen, kleinteiligen Stadtbilds befürwortet. Auf der anderen Seite stehen die Befürworter einer durchgrünten Ansammlung modernistischer Solitäre als ökologisch-soziales Musterquartier. Kahlfeldt und ihr Vorgesetzter, Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler (SPD), suchten mit dem Rahmenplan einen Mittelweg.
Der Tagesspiegel titelte provokant: ‚Zurück in die 90er‘. Tatsächlich erinnern manche Entwürfe an die historisierende Architektur der Friedrichstraße oder die Plattenbauten des Nikolaiviertels, das die DDR zu den 750 Jahr Feiern 1987 wiederaufbauen ließ. Kritiker auf Fachportalen beschrieben Los 1 als einen Gewerbebau, der auch in Marzahn stehen könnte. Die Frage bleibt: Ist das würdig für die Berliner Mitte?
Ein Paradies für Archäologinnen und Archäologen
Während die Architekturdebatten toben, haben die Ausgrabungen 700.000 Fundstücke zutage gefördert. Von jahrhundertealten Holzbohlenwegen über Kämme und Tonkrüge bis zu einer Socke aus dem 15. Jahrhundert. Die Funde werden im diesen Sommer eröffneten Petri Berlin präsentiert, einem archäologischen Museum, das der Münchner Architekt Florian Nagler über die Ausgrabungsstätte der mittelalterlichen Petrikirche gesetzt hat.
Das Museum ist das Beste, was Alt Cölln in den letzten Jahren passiert ist. Wenige Stufen führen hinab, und man steht fast tausend Jahre tiefer in der Geschichte. Die Petrikirche, in ihrer letzten Fassung nach dem Krieg einplaniert und unter dem Bürgersteig vergessen, ist wieder sichtbar. In der betont unsentimentalen Stadt Berlin ein seltener Moment gerührten Interesses an der eigenen Vorgeschichte.
Fazit: Der lange Weg zur Mitte
Der Molkenmarkt bleibt ein Konfliktfeld. Die prämierten Entwürfe zeigen, dass eine hochwertige Stadtreparatur möglich ist, die weder in nostalgischer Rekonstruktion noch in gesichtsloser Investorenarchitektur mündet. Doch zwischen Architekturmodell und gebautem Haus liegt ein weiter Weg. Viel hängt davon ab, inwieweit die Wettbewerbsideen in den ausgeführten Bauten Niederschlag finden, wie Matthias Alexander in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schrieb.
Die eigentliche Bewährungsprobe steht noch bevor: Können die Entwürfe so überarbeitet werden, dass sie wirtschaftlich tragbar sind, ohne ihre gestalterische Qualität zu verlieren? Oder verschiebt sich die Gestaltung in Richtung billigen Massenwohnungsbau, wie es Kritiker befürchten? Eine Ausstellung der Wettbewerbsentwürfe ist für Januar 2026 geplant. Dann wird sich zeigen, ob der ‚Berliner Unwille‘ von allen Seiten kommt, oder ob es dem Senat gelingt, die Mitte tatsächlich zu einem Versöhnungsort zu machen.

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