Baukunst - Museumsskandal in Berlin: Wie ein Möbelhändler den deutschen Kulturbetrieb vorführt
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Museumsskandal in Berlin: Wie ein Möbelhändler den deutschen Kulturbetrieb vorführt

17.09.2025
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Claudia Grimm

Berlin probt den Museumscoup: Horzons Deutsches Design Museum als regionale Provokation

Wenn die Hauptstadt sich selbst zum Museum macht

In der Berliner Uhlandstraße zwischen Kurfürstendamm und Kantstraße leuchten seit November 2024 übergroße Neonlettern: „Deutsches Design Museum“. Ein Titel, der Anspruch erhebt auf nationale Relevanz, während er gleichzeitig ein Augenzwinkern kaum verbergen kann. Rafael Horzon, Unternehmer, Autor und selbsterklärter Nicht-Künstler, hat hier auf 750 Quadratmetern das verwirklicht, was Berlin so meisterhaft beherrscht: die produktive Irritation zwischen Ernst und Ironie, zwischen Institution und Happening.

Die Eröffnungsausstellung trägt den bescheidenen Titel „Retrospektive Rafael Horzon: Das Gesamtwerk“. Der Museumsgründer zeigt ausschließlich eigene Arbeiten – vom legendären Stuhl 01 aus vier identischen Quadraten über Wanddekorationsobjekte aus buntem Plexiglas bis zu Lampen aus umfunktionierten Küchengeräten. Der weiche Teppichboden in den großzügigen Räumen vermittelt eine merkwürdige Mischung aus Showroom und Sakralraum. Im Museumsshop liegen Horzons Bücher neben eigens gestalteten T-Shirts. Bei der Eröffnung las Helene Hegemann, DJs legten auf, es gab Crémant und Gin-Tonic.

Die Hauptstadt-Provinz-Dialektik

Was hier geschieht, ist mehr als eine Einzelaktion eines exzentrischen Unternehmers. Es ist symptomatisch für die spezifische Berliner Museumslandschaft, die sich fundamental von anderen deutschen Metropolen unterscheidet. Während Frankfurt, München oder Stuttgart ihre Designmuseen als staatstragende Institutionen mit millionenschweren Etats betreiben, entstehen in Berlin kulturelle Räume aus einer anderen Logik heraus: schneller, frecher, selbstfinanziert.

Die Berliner Kulturpolitik, deren Senator Joe Chialo explizit auf privat finanzierte Kulturorte setzt, findet in Horzons Museum eine Blaupause für zukünftige Entwicklungen. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet in Charlottenburg, dem bürgerlichen Gegenpol zum hippen Mitte, diese Institution entsteht. Nach Jahren der Gentrifizierung in den östlichen Bezirken verlagert sich die kreative Energie wieder gen Westen – eine für Berlin typische Wanderbewegung kultureller Hotspots.

Bemerkenswert ist die regionale Verwurzelung: Horzon produziert seine Möbel zu hundert Prozent in Berlin, liefert zu neunzig Prozent innerhalb der Stadt aus. Seine „Neue Berliner Sachlichkeit“ ist nicht nur ästhetisches Programm, sondern auch wirtschaftliches Modell. Die Gläserne Fabrik in Wedding, die Showrooms in Mitte und Charlottenburg – es ist ein dezidiert lokales Imperium, das sich gleichzeitig nationale Bedeutung anmaßt.

Der Konflikt als Konzept

Die Namensgleichheit mit der seit 2011 existierenden Frankfurter „Stiftung Deutsches Design Museum“ ist kein Versehen, sondern kalkulierte Provokation. Während die Frankfurterinnen und Frankfurter mit ihrer Initiative „Entdecke Design“ pädagogische Bildungsarbeit leisten und ein historisches Fotoarchiv mit 40.000 Dokumenten pflegen, setzt Berlin auf radikale Subjektivität. Horzon ist Gründungsdirektor, Chefkurator und erster ausgestellter Designer in Personalunion.

Diese Konstellation wirft fundamentale Fragen auf: Wer darf ein nationales Museum gründen? Braucht es staatliche Legitimation oder genügt unternehmerische Chuzpe? Die Berliner Antwort ist eindeutig: Einfach machen. Diese Haltung, die Horzon in seinem „Manifest der Neuen Wirklichkeit“ theoretisch unterfüttert, steht exemplarisch für eine spezifisch hauptstädtische Herangehensweise an Institutionenbildung.

Regionale Netzwerke und ihre Bedeutung

Das Horzon-Museum funktioniert nur im spezifischen Berliner Kontext. Es ist eingebettet in ein Netzwerk aus Galeristen wie Johann König, Autorinnen wie Helene Hegemann, Schriftstellern wie Christian Kracht. Dieses Milieu, das zwischen Kunstbetrieb, Literatur und Unternehmertum oszilliert, gibt es so nur in Berlin. Es ist eine Szene, die sich selbst genug ist und gleichzeitig nationale Aufmerksamkeit generiert.

Die etablierte Berliner Museumslandschaft reagiert verhalten. Das Kunstgewerbemuseum am Kulturforum mit seiner umfassenden Designsammlung, das Werkbundarchiv – Museum der Dinge in der Leipziger Straße oder das temporäre Bauhaus-Archiv verfolgen andere, traditionellere Ansätze. Sie sammeln, bewahren, forschen nach etablierten museologischen Standards. Horzons Museum dagegen ist performativ, selbstreferenziell, gegenwärtig.

Die Berliner Sonderwege

Die Hauptstadt hat eine lange Tradition im Erfinden eigener kultureller Formate. Vom Designpanoptikum in Prenzlauer Berg über die zahllosen Projekträume bis zu temporären Ausstellungsformaten – Berlin kultiviert eine Parallelstruktur zur offiziellen Museumslandschaft. Diese Räume sind oft kurzlebig, immer experimentell, manchmal genial.

Horzons Museum reiht sich in diese Tradition ein, hebt sie aber auf eine neue Ebene. Durch die Anmaßung des Titels „Deutsches Design Museum“ beansprucht es einen Platz im kulturellen Kanon, den es sich selbst verleiht. Das Vitra Design Museum hat 2018 vier Horzon-Entwürfe für seine Sammlung angekauft – eine Art institutionelle Adelung, die der Unternehmer gleichzeitig begehrt und ironisiert.

Ausblick: Das Museum als Unternehmen

Für Juni 2025 kündigt Horzon bereits die nächste Ausstellung an: eine Retrospektive des Architekten Jürgen Mayer H. Ob diese tatsächlich stattfindet oder Teil der performativen Strategie ist, bleibt abzuwarten. Das Museum funktioniert nach der Logik des Start-ups: schnell, flexibel, mit ungewissem Ausgang.

Diese Form der Institutionenbildung könnte wegweisend sein für eine Stadt, deren öffentliche Kulturetats chronisch unterfinanziert sind. Wenn Museen zu Unternehmen werden und Unternehmer zu Museumsdirektoren, entstehen neue Formen kultureller Produktion. Ob diese nachhaltig sind oder nur ein weiteres Berliner Strohfeuer, wird sich zeigen.

Was bleibt, ist die produktive Verunsicherung: In einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Kunst, Design und Kommerz ohnehin verschwimmen, schafft Horzon Fakten. Sein Museum ist gleichzeitig Realsatire und ernst gemeinte Institution, Showroom und Tempel, Provokation und Proposal. Es ist, kurz gesagt, typisch Berlin: eine Stadt, die sich permanent neu erfindet und dabei ihre eigenen Regeln schreibt.