
Traum und Tat: Das neue Niederländische Fotomuseum in Rotterdam
Vom Kaffeespeicher zum Kulturhaus
Es gibt Projekte, bei denen alles stimmt: der Ort, der Zeitpunkt, die Haltung. Das nieuwe Nederlands Fotomuseum im Rotterdamer Pakhuis Santos ist eines davon. Am 7. Februar 2026 öffnete das nationale Fotografiemuseum der Niederlande seine Türen in einem denkmalgeschützten Kaffeespeicher aus den Jahren 1901 und 1902, der am Rijnhaven im Stadtteil Katendrecht liegt. Die Architekten J.P. Stok und J.J. Kanters entwarfen seinerzeit einen Zweckbau in reduziertem Beaux-Arts-Stil, mit Sockel, Mittelbau und einer Attika-Brüstung, die längst nicht mehr existiert. Was geblieben ist: eine bemerkenswert robuste Stahlkonstruktion, gusseiserne Stützen im engen Raster von viereinhalb bis fünf Metern und eine Backsteinfassade von ungeheurer Integrität.
Nun beherbergt das Haus auf knapp 9.800 Quadratmetern Nutzfläche rund 6,5 Millionen Objekte: Negative, Dias, Abzüge, Glasplatten, historische Fotoalben und Kameras. Eine der größten fotografischen Sammlungen der Welt findet hier ihr neues Zuhause. Und das in einer Umbauzeit von weniger als drei Jahren.
Ein Büroleerstand als Glücksfall
Was den Planungsprozess so bemerkenswert macht, ist seine Entstehungsgeschichte. Die Hamburger Architekten Renner Hainke Wirth Zirn und das Rotterdamer Büro WDJ Architecten hatten das Santos-Gebäude ursprünglich ab 2016 für das Designlabel Stilwerk umgebaut. Als Stilwerk-Geschäftsführer Alexander Garbe 2023 das Projekt aufgrund veränderter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen aufgab, war der Umbau bereits weitgehend abgeschlossen. Das Fotomuseum erwarb daraufhin das Gebäude und beauftragte dieselben Architektinnen mit der Anpassung vom Shop-in-Shop-Konzept zum vollwertigen Museumsbetrieb.
Co-Architektin Karin Wolf von WDJ erklärt den Vorgang nüchtern: Die Grundherausforderungen wie Durchlässigkeit und Besucherzirkulation seien bereits gelöst gewesen. Die Öffnung der Böden und Decken zu einem Atrium war vollbracht, die flexible Umnutzung der bereits geschaffenen Räume als Bibliothek, Ausstellungsflächen, Depots und Werkstätten habe sich weitgehend aus dem ursprünglichen Konzept ergeben. Niederländischer Planungspragmatismus in Reinkultur, könnte man sagen, wenn man nicht ahnen würde, wieviel Improvisationsgeschick und Entscheidungsfreude dahintersteckt.
Architektonische Eingriffe mit Tiefe
Der eigentliche Charme des Umbaus liegt im präzisen Umgang mit dem historischen Bestand. Der raue Charme der Industriearchitektur ist konsequent erhalten geblieben: freiliegende Backsteinwände, braun neu beschichtete Stahlstützen, schwere eisenbeschlagene Holztüren vor den Speicherluken. Im Erdgeschoss erinnert ein verglastes Holzbüro für den Hallenmeister an die ursprüngliche Nutzung; im ersten Stock wurde die historische Katzentür in der alten Holztür belassen, was der Wärmedämmung zwar nicht förderlich ist, dem Besucher aber auf charmante Weise vor Augen führt, womit man es hier eigentlich zu tun hat.
Dem sechsgeschossigen Altbau wurde eine zeitgenössische Krone aufgesetzt: zwei neue Etagen mit einer Fassade aus goldfarbenem, perforiertem Aluminium, deren Dreiecksstruktur das Licht filtert und im Stadtraum eine markante Fernwirkung erzielt. Hier sind ein Restaurant mit umlaufender Terrasse und 16 Short-Stay-Apartments untergebracht, die künftig auch als Stipendiatenresidenzen für Fotokünstlerinnen und Medienwissenschaftler dienen sollen. Diese Kombination aus Museumsprogramm, Gastronomie und Wohnen ist kein Zufall, sondern Konzept: Das Haus soll kein abgeschlossener Kulturtempel sein, sondern ein offener Stadtbaustein.
Klimatechnik trifft Industriecharme
Besonders anspruchsvoll war die Integration moderner Konservierungstechnik in den Altbau. Rund 6,3 Millionen Negative und Dias werden nun bei vier Grad Celsius und 35 Prozent Luftfeuchtigkeit gelagert; für die halbe Million Abzüge gilt eine Luftfeuchtigkeit von 40 Prozent als ideal. Schwarzweißfotos benötigen zwölf Grad, Farbabzüge ebenfalls vier Grad. Dass diese Klimakammern geschickt in den Santos-Bau integriert wurden, gilt als eine der planerischen Leistungen des Projekts. Die Glaswände zum Atrium sind wie digitale Fotorahmen bespielt und ermöglichen durch eingelassene Sichtfenster Einblicke in die vollgefüllten Archivregale und Labortische. Das sogenannte offene Depot ist kein Marketing-Gimmick, sondern ein konsequenter museologischer Entschluss: Konservierung als öffentliche Aufgabe.
Sammlungsidentität und Ehrengalerie
Das Museum eröffnete mit drei Ausstellungen: der ständigen Ehrengalerie der niederländischen Fotografie, die 99 exemplarische Werke von Rineke Dijkstra, Anton Corbijn, Erwin Olaf, Violette Cornelius und anderen umfasst, sowie zwei Wechselausstellungen. Sammlung ist hier Identität: Kurator Martijn van den Broek, der die Sammlung seit der Museumsgründung 2003 leitet, betont, dass die rund 1.900 versammelten Fotografinnen und Fotografen und 155 vollständige Archive fast bis zur Anfangszeit der Fotografie in den Niederlanden zurückreichen. Der hundertste Platz in der Ehrengalerie bleibt bewusst leer: Das Publikum wählt per Abstimmung, welches Werk in den Kanon aufgenommen wird. Partizipation als kuratorisches Prinzip, nicht als PR-Maßnahme.
Finanzierung als Lehrbeispiel
Rund 38 Millionen Euro hat das Projekt gekostet. Den größten Teil steuerte die Rotterdamer Kulturstiftung Droom en Daad bei, was auf Deutsch schlicht Traum und Tat bedeutet. Das Projekt hat sich nicht verteuert, nicht verzögert und ist wunderschön geworden, wie es Architekt Sander Nelissen von WDJ in einem Anflug von aufrichtigem Unglauben selbst formuliert. Neben dieser privaten Förderung stehen staatliche und kommunale Mittel sowie eine Grundlage, die auf Hein Wertheimer zurückgeht: Der Amsterdamer Jurist brachte 1997 umgerechnet rund 22 Millionen Gulden in eine Stiftung ein, die explizit für die Gründung eines nationalen Fotomuseums bestimmt war. Eine einzelne Persönlichkeit, die Privatvermögen in die Pflicht öffentlicher Kultur nimmt: auch das Teil des niederländischen Modells.
Der unbequeme Vergleich mit Düsseldorf
Wer das Rotterdamer Ergebnis betrachtet, wird unweigerlich an das Deutsche Fotoinstitut in Düsseldorf erinnert. Seit rund acht Jahren wird über dieses Institut diskutiert, gestritten und verhandelt. 2019 sagten Bundestag und das Land Nordrhein-Westfalen je rund 40 Millionen Euro zu. 2023 wurde eine Gründungskommission berufen. Eröffnung: 2031, also zwölf Jahre nach den Finanzierungszusagen. Ob dieser Termin eingehalten wird, scheint angesichts des bisherigen Tempos fraglich. Einen konkreten Standort gibt es noch immer nicht.
Im Sommer 2023, just als die Gründungskommission in Deutschland tagte, erwarb das Nederlands Fotomuseum das Pakhuis Santos. Drei Jahre später steht das Museum. Dieser Zeitvergleich ist kein Zufall und keine Häme, sondern ein struktureller Befund: Die Niederlande verbinden Entscheidungsfreude mit institutioneller Klarheit. Man weiß, wer entscheidet, und man entscheidet tatsächlich. Ob es wirklich ein Wunder ist, wie der Architekt lächelnd andeutete, darf bezweifelt werden. Es ist, weit plausibler, das Ergebnis einer Planungskultur, in der Zeit als knappe Ressource begriffen wird.
Fazit: Modell mit Übertragbarkeitspotenzial
Das neue Nederlands Fotomuseum ist kein Ausnahmefall, der sich aus gþnstigem Zufall erklärt. Es ist das Produkt eines klar durchdachten Zusammenspiels aus privater Förderung, institutioneller Kooperation, pragmatischer Bestandsnutzung und schneller Entscheidungsfindung. Der Santos-Speicher steht jetzt als Gebäude da, das Denkmalschutz erfüllt, Lagerhaus-Atmosphäre bewahrt und modernste Museums- und Archivstandards integriert. Bevor das Deutsche Fotoinstitut konkrete Formen annimmt, wären ein, zwei Rotterdam-Besuche zur Inspiration der Verantwortlichen keine schlechte Maßnahme.
Besucherinformationen
- Adresse mit Stadtteil Katendrecht/Rijnhaven
- Öffnungszeiten Di–So, 11–17 Uhr
- Eintrittspreise (Erwachsene €17,50 / Jugendliche €10,00 / unter 18 kostenlos), inkl. Hinweis auf den freien Erdgeschosszugang
- Anreise per Metro (Station Rijnhaven, 2 Min.) und Auto (Q-Park)
- Gastronomie Santos Café und Restaurant ZES mit Panoramaterrasse
- Website nederlandsfotomuseum.nl

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