
Scharouns Meisterwerk vor der Jahrhundertsanierung: Was die Grundinstandsetzung der Neuen Staatsbibliothek Berlin wirklich bedeutet
Das Bücherschiff läuft auf Grund
Es fangen Eimer Regenwasser auf. Die Fernheizungszentrale havarierte. Zehntausende Bücher mussten aus den Tiefgeschossmagazinen geräumt werden. Wer in diesen Bildern nur den normalen Verschleiß eines vielgenutzten Gebäudes sieht, unterschätzt die Lage grundlegend: Die Neue Staatsbibliothek am Berliner Kulturforum, Haus Potsdamer Straße, steht vor ihrer größten Herausforderung seit ihrer Eröffnung im Jahr 1979. Ab 2030 wird Hans Scharouns goldenes Bücherschiff für mindestens elf Jahre vollständig geschlossen.
Die Zahlen allein lassen erahnen, was hier auf dem Spiel steht. 114.000 Quadratmeter Brutto-Grundfläche, 5,4 Millionen auszulagernde Bücher und Medien, 650 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die eine neue Heimat brauchen, bis zu 3.000 Besucherinnen und Besucher täglich, die künftig anderswo forschen sollen. Und ein Kostenrahmen von 1,1 Milliarden Euro, für den der Bund weitere 350 Millionen als Risikopuffer bereitstellt. Dass diese Dimension des Projekts auch die neue Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Marion Ackermann, bei einer Führung im Februar 2026 offensichtlich überraschte, sagt einiges über die Kommunikationskultur dieser Kulturinstitution aus.
Architektur als Versprechen – und als Hypothek
Wer den Bau verstehen will, muss zurück zu seinen Anfängen. Seit 1964 plante Hans Scharoun, der geniale Eigensinnige der deutschen Nachkriegsarchitektur, einen Bibliothekstyp, den es so noch nicht gab. Keine stille Bücherverwaltungsanstalt, kein Tempel der Ordnung, sondern einen sozialen Resonanzraum: lang gestreckte Lesesäle als Bildungslandschaften mit Terrassen und Balkonen, riesige Foyers als Begegnungsorte, eine Wandelhalle, die allein der Kontemplation dient. Das Bücherschiff, wie der Bau liebevoll heißt, war seinem Zeitalter architektonisch weit voraus.
Nach Scharouns Tod 1972 vollendete sein langjähriger Mitarbeiter Edgar Wisniewski den Bau, der 1978 fertiggestellt und 2005 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Das gleiche Gebäude, das Wim Wenders in „Der Himmel über Berlin“ zur filmischen Traumlandschaft erhob, steht nun vor einer technischen Realität, die wenig romantisch ist: Alle Leitungen – Wasser, Heizung, Elektrik – wurden als ein einziges System für den Gesamtbau konzipiert. Teilsanierungen sind daher bauphysikalisch ausgeschlossen. Die Nachkriegsmoderne plante für sich und allenfalls die folgende Generation, nicht für die Ewigkeit.
Logistik als eigene Disziplin
Ab 2026 beginnen vorbereitende Maßnahmen. 2027 steht die Schadstoffsanierung des Bücherturms auf dem Programm, der mehr als die Hälfte des Buchbestands beherbergt. Ab 2030 folgt die Hauptbaumaßnahme. Die Fertigstellung ist für 2041 geplant, die Außenanlagen sollen bis 2042 abgeschlossen sein. Das bedeutet: Die Bauzeit von elf Jahren entspricht nahezu der ursprünglichen Errichtungszeit.
5,4 Millionen Bücher und Medien werden auf vier Ausweichstandorte verteilt: auf bestehende Magazine im Berliner Westhafen und in Friedrichshagen, auf die Staatsbibliothek Unter den Linden sowie auf einen Interimsbau, der an der Tiergartenstraße entstehen soll. Dieser Ersatzneubau, entworfen ebenfalls von gmp Architekten, wird auf rund 16.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche Büros, Lesesaal und Platz für über 50.000 Bände bieten. Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt betonte ausdrücklich, dass dieser Bau kein temporäres Provisorium sein soll: Nach der Staatsbibliothek sollen dort weitere Einrichtungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz während ihrer eigenen Sanierungen Unterschlupf finden. Die finale Architektur wird in einem Realisierungswettbewerb ermittelt.
Besondere Sensibilität verlangt der Umgang mit dem Ibero-Amerikanischen Institut, das als eigenständige SPK-Einrichtung im Seitenflügel untergebracht ist und einen eigenen Interimslesesaal an der Tiergartenstraße erhält. Bei einer auch nur zeitweiligen Schließung dieser weltberühmten Institution für lateinamerikanische und iberische Kulturüberlieferungen wären diplomatische Proteste aus Süd- und Mittelamerika, der Karibik, Spanien und Portugal sicher. Die Wissenschaftspolitik kennt hier keine Toleranzschwellen.
gmp erbt Scharouns Erbe
Die Aufgabe der denkmalgerechten Grundinstandsetzung liegt in den Händen von gmp Architekten (Gerkan, Marg und Partner), die sich 2019 in einem internationalen nichtoffenen Wettbewerb unter 14 renommierten Büros durchsetzten. Das Hamburger Büro überzeugte die Jury mit einem Ansatz, der Scharouns Ursprungsidee freilegen statt überlagern will. Nachkriegszeitliche Einbauten aus den 1980er und 1990er Jahren werden rückgebaut. Der Parkplatz vor dem Haupteingang weicht einer Grünfläche. Die bisher ungenutzten Außenterrassen, Scharouns „Decks“, werden erstmals zugänglich gemacht. Zugangskontrollen funktionieren künftig über in Bücherrücken eingesetzte RFID-Chips statt über Barrieren im Eingang.
Städtebaulich entsteht ein neuer Eingang am Marlene-Dietrich-Platz, der eine lange vermisste Verbindung zwischen Kulturforum und Potsdamer Platz herstellt. Eine Cafeteria mit rund 140 Plätzen ersetzt die legendäre, seit Jahren dornröschenhaft schlummernde Milchbar im hinteren Foyer. Unterschiedliche Arbeitszonen, Gruppenräume und informelle Lernbereiche ergänzen den klassischen Lesesaal. gmp-Architekt Stephan Schütz brachte es auf den Punkt: Das ursprüngliche Konzept Scharouns soll zurückgewonnen werden.
Denkmalschutz und energetische Moderne müssen dabei einen produktiven Dialog führen. Die Marmor- und Schieferplatten des Foyers gelten als eigenständiges Kunstwerk und müssen für die darunter liegenden Leitungen einzeln abgehoben und eingelagert werden. Die historischen Beleuchtungskörper, zwar wunderschön anzusehen, aber bisher nur mit erheblichem Aufwand zu reinigen, stellen das Restaurierungsteam vor eigene Herausforderungen. Ziel ist eine weitgehende energetische Autonomie des Gebäudes, mit allem, was die Technik des 21. Jahrhunderts heute erlaubt. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat offenbar aus den kostspieligen Planungsdesastern beim Pergamonmuseum gelernt.
Die unbeantwortete Frage
Und doch bleibt die wichtigste Frage offen: Wo forschen die Nutzerinnen und Nutzer während der elf Jahre? Rund 1.000 tägliche Arbeitsplätze müssen in einer Stadt ersetzt werden, deren wissenschaftliche und öffentliche Bibliotheken schon heute an ihren Kapazitätsgrenzen arbeiten. Marion Ackermann verwies auf die Foyers der Staatlichen Museen als mögliche Ausweichquartiere. Eine strukturelle Lösung ist das nicht.
Besonders schmerzlich wirkt in diesem Zusammenhang die Entscheidung des Berliner Senats, das ehemalige Kaufhaus Lafayette an der Friedrichstraße nicht als Standort für eine Berliner Zentralbibliothek zu erwerben, in der auch die Staatsbibliothek als Zwischennutzer hätte einziehen sollen. Diese politische Fehlerentscheidung, von der SPD im Berliner Senat durchgesetzt, hat eine strukturelle Lücke hinterlassen, die nun in aller Schärfe sichtbar wird. Die Chance, ein Generationsproblem mit einem Generationsprojekt zu lösen, wurde leichtfertig vergeben.
Scharouns Bücherschiff verdient seine Sanierung. 1,1 Milliarden Euro für einen der bedeutendsten Kulturbauten der deutschen Nachkriegsmoderne sind gut investiert, solange Planung, Denkmalschutz und Betrieb wirklich aus einem Guss gedacht werden. Was fehlt, ist die gleiche Weitsicht, die Scharoun bei seiner Bibliothek bewies: nicht nur für die eigene Generation bauen, sondern auch für jene, die noch kommen.

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