
Trump Regierung will weltberühmtes Klimaforschungszentrum NCAR in Colorado schließen
In Boulder, Colorado, thront auf einer Hochebene ein Gebäude, das sich nicht vor der Natur verbeugt, sondern mit ihr in Dialog tritt. Das Mesa Laboratory des National Center for Atmospheric Research (NCAR) verkörpert seit 1967 jene seltene Symbiose aus wissenschaftlicher Ambition und architektonischer Brillanz, die nur wenigen Bauwerken gelingt. Sein Schöpfer: der chinesisch amerikanische Architekt Ieoh Ming Pei, der später mit der Glaspyramide des Louvre Weltruhm erlangen sollte.
Nun droht diesem architektonischen Meisterwerk das Aus. Mitte Dezember 2025 verkündete Russell Vought, Direktor des Weißen Hauses für Management und Haushalt, über die Plattform X die Zerschlagung des NCAR. Die Begründung liest sich wie ein Pamphlet aus einer anderen Zeit: Das Zentrum sei „eine der größten Quellen für Klima Alarmismus im Land”. Eine Formulierung, die nahezu wörtlich dem umstrittenen Projekt 2025 entstammt, dessen Mitautor Vought ist.
Pei’s Rosebud am Fuße der Rocky Mountains
Als I.M. Pei 1961 den Auftrag für das NCAR erhielt, war er noch kein international gefeierter Star. Er hatte sich mit urbanen Großprojekten einen Namen gemacht, doch die Aufgabe, ein Forschungslabor in die Wildnis Colorados zu setzen, stellte ihn vor völlig neue Herausforderungen. Pei fuhr von Albuquerque nach Boulder und besuchte auf seinem Weg die Cliff Dwellings der Ancestral Puebloans in Mesa Verde. Diese archaischen Felsenbehausungen wurden zur Inspiration für eines seiner persönlichsten Werke.
„Man kann mit der Größe der Rocky Mountains nicht konkurrieren”, erklärte Pei in seiner Einweihungsrede 1967. „Also versuchten wir, ein Gebäude zu schaffen, das keine konventionelle Maßstäblichkeit besitzt, wie jene monolithischen Strukturen der Klippenbewohner.” Der Architekt Leonard Segel, der Pei in den 1990er Jahren in seinem New Yorker Büro besuchte, berichtet, dass dort ein Modell des Mesa Laboratory prominent ausgestellt war. Das NCAR war, so Segel, „der Rosebud seiner Karriere”.
Die fünf Türme des Komplexes, ausgeführt in einem Beton, dessen Zuschlagstoff lokalen Sandstein enthält, spiegeln die rötlichen Töne der berühmten Flatirons wider. Pei ließ den Beton durch „Bush Hammering” aufrauen, eine Technik, die ihm jene raue Textur verleiht, die an gewachsenen Fels erinnert. Die charakteristischen „Crow’s Nests”, nur über Wendeltreppen erreichbare Büros auf den Dächern, boten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Orte der Kontemplation mit Blick über Boulder bis zu den schneebedeckten Gipfeln.
Die politische Dimension der Zerstörung
Die Ankündigung, NCAR zu zerschlagen, kam für die Wissenschaftsgemeinde wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Bei der Jahrestagung der American Geophysical Union in New Orleans verbreitete sich die Nachricht in Windeseile. Antonio Busalacchi, Präsident der University Corporation for Atmospheric Research (UCAR), die das NCAR verwaltet, sprach von einem Versuch, „die Freiheit wissenschaftlichen Denkens zu unterdrücken”.
Doch hinter dem ideologischen Vorwand verbirgt sich möglicherweise ein profanerer Beweggrund. Demokratische Abgeordnete aus Colorado vermuten Vergeltung. Gouverneur Jared Polis hatte sich geweigert, die ehemalige Wahlbeamtin Tina Peters aus dem Staatsgefängnis zu entlassen, obwohl Trump ihr eine Bundesbegnadigung ausgesprochen hatte. Peters verbüßt eine neunjährige Haftstrafe wegen illegaler Manipulation von Wahlmaschinen nach der Präsidentschaftswahl 2020. Da sie wegen eines Staatsdelikts verurteilt wurde, hat Trumps Begnadigung keine rechtliche Wirkung.
„Dies ist eindeutig sowohl vom Wunsch getrieben, Klimawissenschaftsprogramme im ganzen Land auszuhöhlen, als auch von dem Verlangen, Colorado speziell zu bestrafen”, erklärte der Abgeordnete Joe Neguse.
Das architektonische Erbe auf der Kippe
Die Klimawissenschaftlerin Kim Cobb von der Brown University formulierte es drastisch: „NCAR ist buchstäblich unser globales Mutterschiff. Jeder, der im Bereich Klima und Wetter arbeitet, ist durch seine Türen gegangen.” Katharine Hayhoe von der Texas Tech University fügte hinzu, dass die Zerschlagung des NCAR „wie ein Vorschlaghammer auf den Schlussstein ist, der unser wissenschaftliches Verständnis des Planeten zusammenhält”.
Aus architektonischer Sicht wiegt der drohende Verlust nicht minder schwer. Das Mesa Laboratory erhielt 1997 den AIA Colorado 25 Year Award und gilt als eines der bedeutendsten Bauwerke der modernen Bewegung in den Vereinigten Staaten. Anders als Peis Werke in Denver, die der Stadtentwicklung zum Opfer fielen oder bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurden, steht das NCAR bis heute unversehrt auf seiner Hochebene.
Wissenschaft kennt keine Parteizugehörigkeit
Die Ironie der Geschichte liegt in der Verwechslung von Wetter und Klima, die der Administration offenbar unterläuft. Vought kündigte an, „wichtige Aktivitäten wie Wetterforschung” würden an andere Einrichtungen verlagert. Doch wie der Klimaexperte Daniel Swain betont: „Die Wissenschaft hat zunehmend gezeigt, dass es keine saubere Trennung zwischen Wetter und Klima gibt. Es ist dieselbe Atmosphäre.”
Selbst Ryan Maue, der unter Trumps erster Amtszeit kurzzeitig eine führende Position bei der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) innehatte, kritisierte den Schritt scharf: „Wenn Sie glauben, dass KI und numerische Wettervorhersage für unsere Wirtschaft und nationale Sicherheit wichtig sind, dann ist NCAR in Boulder wahrscheinlich unsere beste Chance, global wettbewerbsfähig zu bleiben.”
Ein Fazit in Beton gegossen
I.M. Pei schuf mit dem Mesa Laboratory ein Gebäude, das die Demut des Menschen vor der Natur verkörpert und gleichzeitig den Anspruch formuliert, diese Natur zu verstehen. „Man dominiert sie nicht, man gesellt sich zu ihr”, lautete sein Credo. Fast sechzig Jahre später steht dieses Manifest der Aufklärung auf dem Spiel, nicht durch Naturgewalten, sondern durch politischen Vandalismus.
Die rötlichen Betontürme werden auch dann noch stehen, wenn die gegenwärtige Administration Geschichte sein wird. Die Frage ist nur, ob in ihnen noch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten werden, die unser Klima erforschen, oder ob sie als leere Hüllen zurückbleiben, Mahnmale einer Zeit, in der Ideologie über Vernunft siegte.
Die Atmosphäre, so Swain, besitzt keinen Wählerausweis. Sie registriert nur die Fakten. Und diese Fakten zu ignorieren, ist letztlich gefährlicher als jeder Sturm, den NCAR je vorhergesagt hat.

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