
Der Mann hinter dem Meister
Wer das Chilehaus in Hamburg betrachtet, jene ziegelsteinerne Ikone des Backsteinexpressionismus, denkt an Fritz Höger. Doch hinter diesem Namen verbirgt sich eine Geschichte der Verdrängung und des Vergessens. Von 1927 bis 1933 arbeitete Ossip Klarwein als Chefarchitekt in Högers Büro und zeichnete für einige der bedeutendsten Entwürfe verantwortlich, die unter dem Namen seines Arbeitgebers Weltruhm erlangten.
Das Ernst Barlach Haus im Hamburger Jenischpark widmet diesem bislang weitgehend unbekannten Architekten nun die erste monografische Ausstellung. Bis zum 8. Februar 2026 zeichnet die Schau das Leben und Wirken eines Mannes nach, dessen Karriere zwei Kontinente und zwei grundverschiedene politische Systeme umspannte.
Vom Warschauer Bürgertum zum Hamburger Backstein
Ossip Klarwein kam 1893 in Warschau zur Welt, als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie. Die antisemitischen Pogrome von 1905 zwangen die Familie zur Flucht nach Hessen. Der junge Klarwein besuchte die Kunstgewerbeschule in Mainz und wurde ab 1921 Meisterschüler bei Hans Poelzig in Berlin, einem der einflussreichsten deutschen Architekten jener Zeit.
1926 trat er in das Büro Fritz Högers ein und stieg rasch zum Chefarchitekten auf. Das Verhältnis zwischen den beiden Männern war von gegenseitigem Respekt geprägt. Höger bezeichnete Klarwein als einen der Allerbesten seiner Mitarbeiter, einen, der kaum durch drei andere zu ersetzen sei. In einem Brief vom März 1933 notierte Höger, Klarwein habe sich ausgezeichnet eingearbeitet und absolut in seinem Geist gefügt.
Diese Worte klingen heute bitter, denn ausgerechnet Höger, der früh mit den Nationalsozialisten sympathisierte und bereits 1932 der NSDAP beitrat, hatte seinen jüdischen Mitarbeiter Ende 1932 zur Bereinigung seiner Belegschaft entlassen.
Das Kraftwerk Gottes und die Burg am Meer
Die Zusammenarbeit zwischen Höger und Klarwein hinterließ bleibende architektonische Zeugnisse. Das Rathaus in Wilhelmshaven Rüstringen, im Volksmund Burg am Meer genannt, entstand zwischen 1926 und 1929. Der wuchtige Backsteinbau mit seinem expressionistischen Treppenhaus demonstriert jene Verbindung von nordischer Monumentalität und handwerklicher Raffinesse, die das Büro Höger auszeichnete.
Noch spektakulärer geriet die evangelische Kirche am Hohenzollernplatz in Berlin. Der 1933 eingeweihte Bau wirkt wie ein monumentales Industriedenkmal mit separatem Campanile, was ihm den Spitznamen Kraftwerk Gottes eintrug. Wie intensive Forschungen seit 2022 ergaben, stammt der Entwurf zu dieser Kirche von Ossip Klarwein. Sein späterer Freund, der Architekt Yehudah Lavie, bestätigte in einem Interview, dass diese Kirche tatsächlich ein Werk Klarweins war. Höger hatte den Plan unter seinem eigenen Namen eingereicht.
Diese Praxis war damals nicht ungewöhnlich. Als Angestellter wurden Klarweins Entwürfe stets unter Högers Namen veröffentlicht. Die Frage, wie entscheidend der Anteil eines beteiligten Architekten bei komplexen Projekten letztlich war, beschäftigt die Forschung bis heute.
Neuanfang in Palästina
Im November 1933 gelang es Klarwein, Hamburg zu verlassen. Mit seiner nichtjüdischen Frau Elsa, einer Opernsängerin, und seinem Sohn Matthias ließ er sich in Haifa im britischen Mandatsgebiet Palästina nieder. Anders als viele andere Emigranten war er von Beginn an gut beschäftigt. Er plante Häuser für andere Einwanderer, oft anspruchsvolle Villen am Karmel.
Von Ossip Klarwein sind trotz teils schwieriger Lebensumstände insgesamt 126 Vorhaben belegt, darunter 63 gebaute Architekturen. Er errichtete Einfamilienhäuser und Gedenkstätten, Geschäftshäuser und Universitätsgebäude. Das monumentale Dagon Getreidesilo im Hafen von Haifa, zwischen 1952 und 1971 erbaut, steht in besonderer Weise für seine Handschrift. Hier schuf er aus reiner Zweckarchitektur durch Betonornamente eine expressive Stadtkrone. In den 1950er Jahren war es das höchste Gebäude Israels.
Die Knesset als Krönung
Den Höhepunkt seiner Karriere erreichte Klarwein mit dem Entwurf für die Knesset, das israelische Parlamentsgebäude in Jerusalem. 1957 gewann er den Wettbewerb. Das Gebäude, vergleichbar mit zeitgleichen Repräsentationsbauten von Mies van der Rohe oder Walter Gropius, wurde wie ein moderner Tempel konzipiert: Betonsäulen tragen ein vorkragendes Dach und verleihen dem Bau jene demokratische Würde, die Israel als jungem Staat angemessen erschien.
Allerdings stand Klarwein bei seiner Rückkehr 1958 vor vollendeten Entwurfsänderungen. Es blieb nach weiteren Modifikationen von der äußeren Erscheinung des ursprünglichen Wettbewerbsentwurfs außer der Großform nicht mehr viel übrig. Der Bau wurde erst elf Jahre später in veränderter Form in Zusammenarbeit mit dem Architekten Dov Karmi vollendet.
Neben der Knesset schuf Klarwein die Grabanlage für Theodor Herzl, den Vordenker des israelischen Staates. 1959 wurde er in die französische Académie d’architecture gewählt. Er starb 1970 in Jerusalem.
Eine überfällige Würdigung
Die Ausstellung im Ernst Barlach Haus ist Teil der Jüdischen Kulturtage Hamburg 2025, die vom 4. November bis 14. Dezember stattfinden. Die von der Historikerin und Journalistin Jacqueline Hénard kuratierte Schau ist das Ergebnis eines dreijährigen deutsch israelischen Rechercheprojekts. Das Team von rund 100 Mitwirkenden, darunter Archivarinnen und Archivare, Architektinnen, Übersetzer und Grafikerinnen, sichtete Dokumente in Archiven mehrerer Länder.
Die Ausstellung versammelt dokumentarisches Bild und Filmmaterial, ergänzt um zeitgenössische Fotografien des israelischen Fotografen Eli Singalovski, der Klarweins Bauten in ihrem heutigen Zustand porträtiert hat. Studierende der Tel Aviv University produzierten kurze Dokumentarfilme über Klarweins wichtigste Bauten in Israel.
Ein begleitender Katalog mit Werkverzeichnis, erschienen im Verlag Kettler, bietet die erste umfassende Monografie über diesen Architekten. Der Museumsausgabe für 25 Euro stellt sich als unverzichtbares Referenzwerk heraus.
Zwischen Erinnerung und Aufarbeitung
Die Wiederentdeckung Ossip Klarweins fällt in eine Zeit, in der Fritz Högers ideologische Verstrickung mit dem Nationalsozialismus breiter diskutiert wird. Eine 2022 veröffentlichte Studie des Hamburger Historikers Thomas Großbölting belegt, wie stark Höger sein Reden und Denken der völkisch nordischen Ideologie angepasst hatte. Der Fritz Höger Preis wurde daraufhin in Erich Mendelsohn Preis für Backsteinarchitektur umbenannt, und in Hamburg trägt der Högerdamm seit 2023 neue Namen.
Vor dem langjährigen Wohnhaus von Klarweins jüngerer Schwester Bronislawa in der Berliner Motzstraße wurde im Juni 2025 ein Stolperstein verlegt. Sie lebte dort von 1931 bis zu ihrer Deportation nach Theresienstadt und Auschwitz im Jahr 1944. Ihre Existenz war den Nachkommen unbekannt und wurde erst im Rahmen der Recherchen zu ihrem Bruder Ossip entdeckt.
Die Geschichte Ossip Klarweins ist eine Geschichte von Talent und Verdrängung, von beruflicher Brillanz und erzwungener Emigration. Sie zeigt, wie der Nationalsozialismus nicht nur Menschen vernichtete, sondern auch kulturelles Gedächtnis auslöschte. Die Ausstellung im Ernst Barlach Haus leistet einen wichtigen Beitrag, dieses Gedächtnis wiederherzustellen.
Praktische Informationen
Ausstellung: Ossip Klarwein. Ein Architekt zwischen Hamburg und Haifa Ort: Ernst Barlach Haus, Jenischpark, Baron Voght Straße 50A, 22609 Hamburg Laufzeit: 16. November 2025 bis 8. Februar 2026 Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr (auch an Feiertagen montags geöffnet) Katalog: Verlag Kettler, Museumsausgabe 25 Euro, Buchhandelsausgabe 34 Euro Website: http://www.barlach-haus.de , http://www.klarwein.org

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