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Wien © Anton/Unsplash

Präzision statt Putz: Österreichs Antwort auf die Dämmstoff-Debatte

27.07.2025
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Ignatz Wrobel

Schöner als Styropor: Wiener Wohnbau entdeckt den Sichtbeton wieder

Wie ein Pilotprojekt in der Donaustadt neue Wege in der Fassadendämmung aufzeigt

Der Wiener Wohnbau steht vor einem Dilemma: Einerseits fordern Klimaziele und Energieeffizienz gedämmte Fassaden, andererseits sehnen sich Architektinnen und Bewohner nach authentischeren Oberflächen als dem allgegenwärtigen Wärmedämmverbundsystem. In der Berresgasse in Wien-Hirschstetten zeigt ein Pilotprojekt, dass es auch anders geht. Franz & Sue Architekten haben gemeinsam mit dem Bauträger Familienwohnbau einen neuen Plattenbau errichtet, der komplett auf die übliche Styropor-Verkleidung verzichtet.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Eine „ehrliche“ Sichtbetonfassade prägt die beiden Wohnbauten mit 113 Wohnungen und sieben Reihenhäusern im neuen Stadtquartier Berresgasse. Was auf den ersten Blick wie eine Rückkehr zu den Betonburgen der 1970er Jahre aussehen mag, ist in Wahrheit eine hochmoderne Bauweise, die Dämmung und Ästhetik vereint.

Die Magie der Betonsandwichelemente

Der Clou liegt in der Konstruktion: Statt vor Ort Styroporplatten auf die Fassade zu kleben und zu verputzen, wurden bei der niederösterreichischen Firma Trepka komplette Fassadenverbundelemente vorgefertigt. Diese Betonsandwichelemente vereinen tragende Funktion, Dämmung und fertige Oberfläche in einem Bauteil. Die Vorteile dieser Bauweise liegen auf der Hand: Die Vorfertigung im Werk ermöglicht eine Präzision und Qualität bei der Verarbeitung des Betons, die auf der Baustelle kaum zu erreichen wäre. Gleichzeitig verkürzt sich die Bauzeit erheblich, da die Elemente nur noch montiert werden müssen.

Für Franz & Sue Architekten war es nicht das erste Mal, dass sie mit dieser Technik arbeiteten. Bereits beim „Stadtelefanten“ im Sonnwendviertel sammelten sie Erfahrungen mit vorgefertigten Betonelementen. Die Umsetzung im geförderten Wohnbau stellte jedoch auch für die erfahrenen Planerinnen und Planer eine Premiere dar. Die Herausforderung bestand darin, die hohen Qualitätsanforderungen an Sichtbeton mit den strengen Kostenvorgaben des sozialen Wohnbaus zu vereinbaren.

Ein Novum für den sozialen Wohnbau

Tatsächlich handelt es sich bei dem Projekt in der Berresgasse um ein Novum im Wiener Sozialwohnbau. Während vorgefertigte Betonelemente im gehobenen Wohnbau oder bei Bürogebäuden durchaus üblich sind, galten sie für den geförderten Wohnbau lange als zu teuer. Die steigenden Anforderungen an die Dämmung und die gleichzeitig wachsende Kritik an den gestalterischen Einschränkungen durch Wärmedämmverbundsysteme haben jedoch zu einem Umdenken geführt.

Die Stadt Wien zeigt sich grundsätzlich offen für alternative Dämmsysteme, solange die strengen Energieeffizienzkriterien erfüllt werden. Die Wiener Bauordnung und die Förderrichtlinien für den sozialen Wohnbau lassen durchaus Spielraum für innovative Lösungen. Entscheidend ist, dass die geforderten U-Werte erreicht werden und die Wirtschaftlichkeit gewährleistet bleibt.

Regionale Wertschöpfung statt Billigimporte

Ein oft übersehener Aspekt der Betonsandwich-Bauweise ist die regionale Wertschöpfung. Während Styropor häufig aus osteuropäischen Ländern importiert wird, stammen die Betonelemente für die Berresgasse aus Niederösterreich. Die Firma Trepka produziert nur etwa eine Autostunde von Wien entfernt, was kurze Transportwege und eine enge Zusammenarbeit zwischen Planern und Produzenten ermöglicht.

Diese regionale Verankerung hat auch qualitative Vorteile: Die österreichischen Betonwerke verfügen über jahrzehntelange Erfahrung in der Herstellung von Sichtbetonelementen und können auf spezifische Anforderungen der Architekten eingehen. Die Nähe ermöglicht zudem Werksbesuche während der Produktion und eine laufende Qualitätskontrolle.

Herausforderungen und Grenzen

Bei aller Euphorie über die gelungene Alternative zum Styropor dürfen die Herausforderungen nicht verschwiegen werden. Die Planung von Gebäuden mit vorgefertigten Betonelementen erfordert ein hohes Maß an Präzision und Vorausschau. Änderungen während der Bauphase sind kaum möglich, da jedes Element individuell gefertigt wird. Dies setzt eine intensive Planungsphase und eine enge Abstimmung aller Beteiligten voraus.

Auch die Kosten sind ein kritischer Faktor. Während die reinen Materialkosten für Betonsandwichelemente höher liegen als für konventionelle Wärmedämmverbundsysteme, relativiert sich dies durch die kürzere Bauzeit und die geringeren Instandhaltungskosten. Sichtbeton altert in der Regel würdevoller als verputzte Styroporfassaden und muss seltener saniert werden.

Ein Blick in die Zukunft

Das Projekt in der Berresgasse könnte den Beginn einer Trendwende im Wiener Wohnbau markieren. Die Suche nach Alternativen zum allgegenwärtigen Styropor wird nicht nur von ästhetischen Überlegungen getrieben, sondern auch von ökologischen Bedenken. Die Entsorgung von Wärmedämmverbundsystemen stellt ein zunehmendes Problem dar, während Betonelemente deutlich einfacher recycelt werden können.

Gleichzeitig experimentieren Wiener Architekturbüros und Bauträger mit weiteren alternativen Dämmsystemen: Holzfaserdämmung, Mineralschaumplatten oder innovative Ziegelsysteme werden erprobt. Die Stadt Wien unterstützt diese Entwicklung durch Pilotprojekte und eine flexible Handhabung der Förderrichtlinien.

Die Renaissance des Sichtbetons im sozialen Wohnbau zeigt, dass Energieeffizienz und architektonische Qualität keine Gegensätze sein müssen. Es braucht allerdings mutige Bauträger, innovative Architektinnen und eine aufgeschlossene Verwaltung, um neue Wege zu beschreiten. Das Projekt in der Berresgasse beweist: Es lohnt sich, über den Tellerrand der Styroporplatte hinauszuschauen.