
Die Cloud hat eine Adresse und die liegt in Garching
Eine Ausstellung im Architekturmuseum der TUM macht sichtbar, was kaum jemand sehen will: Rechenzentren als prägende Bauaufgabe unserer Zeit.
Wenn Daten Boden berühren
Es gibt Ausstellungen, die man besucht, um Schönes zu sehen. Und es gibt Ausstellungen, die man besuchen sollte, weil sie einem unbequeme Wahrheiten zeigen. „City in the Cloud – Data on the Ground“, noch bis 8. März 2026 im Architekturmuseum der TUM in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen, gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Sie tut das mit bemerkenswerter räumlicher Präzision: Der Ausgangspunkt liegt nicht irgendwo in der Ferne, sondern 20 Kilometer nördlich des Ausstellungsorts, in Garching bei München. Dort befindet sich das Leibniz-Rechenzentrum (LRZ) der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, das als regionales Fallbeispiel einen zentralen Platz im kuratorischen Konzept einnimmt.
Das kuratorische Team rund um Cara Hähl-Pfeifer, Damjan Kokalevski und Andres Lepik hat eine Ausstellung entwickelt, die drei thematische Kapitel entfaltet: „Elementar“ legt die physischen Grundlagen der digitalen Infrastruktur frei, „Räumlich“ wendet sich den konkreten Orten der Datenverarbeitung zu, und „Zeitlich“ fragt, welche Daten wir bewahren, löschen oder vergessen wollen. In der Summe ergibt sich ein Argument, das in seiner Konsequenz unangenehm ist: Die Cloud ist kein Ort jenseits der Wirklichkeit. Sie ist Wirklichkeit. Gebaute, energiehungrige, ressourcenintensive Wirklichkeit.
Bayern als Datendrehscheibe
Wer über Dateninfrastruktur in Deutschland spricht, denkt zuerst an Frankfurt. Dort liegt der größte Internetknoten der Welt, der DE-CIX, und dort haben sich die meisten und größten deutschen Rechenzentren konzentriert. Der bayerische Sonderfall ist architektonisch wie politisch interessanter, weil er eine andere Geschichte erzählt: die eines wissenschaftlichen Infrastrukturstandorts, der weit vor dem kommerziellen Hype entstand.
Das LRZ in Garching verarbeitet Forschungsdaten von europäischem Rang. Fotografin Giulia Bruno, deren Arbeit zentral in der Ausstellung präsent ist, hat das Innenleben des Zentrums dokumentiert: automatisierte Bandarchive, kühlende Gangstrukturen, die Präzision technischer Abläufe, die nach außen vollständig unsichtbar bleiben. „Encoded Matter“, ihr Film, übersetzt die physische Seite digitaler Infrastruktur in eine Bildsprache, die zwischen Erhabenheit und Schrecken oszilliert.
Die Bayerische Staatsregierung hat die Bedeutung dieser Infrastruktur erkannt und unterstützt das LRZ als Teil einer breiteren Digitalisierungsstrategie. Der Digitale Zwilling München, entwickelt vom Kommunalreferat und dem GeodatenService der Landeshauptstadt, ist ein weiterer Kooperationspartner der Ausstellung. Er steht exemplarisch für die räumliche Logik der Dateninfrastruktur: Daten werden nicht nur über die Stadt produziert, sie formen die Stadt zurück. Planerische Entscheidungen basieren zunehmend auf datengestützten Modellen, deren Infrastruktur wiederum eigene Raumansprüche stellt.
Fensterlose Kästen und ihre räumlichen Kosten
Dass Rechenzentren eine der virulentesten ungeklärten Bauaufgaben unserer Zeit darstellen, ist kein neues Argument. Architekt Christian Krauthammel vom Frankfurter Büro TTSP HWP, der seit Jahren Rechenzentren baut, brachte es einmal auf den Punkt: „Rechenzentren sind eine Schattenwirtschaft.“ Große, fensterlose Volumen, hochgesichert, wärme- und lärmintensiv. Und weitgehend unsichtbar im öffentlichen Diskurs.
Die Ausstellung macht deutlich, dass dieses Schweigen kein Zufall ist. Betreiber vermeiden öffentliche Informationen aus Sicherheitsgründen. Kommunale Planungsbehörden schließen Rechenzentren bei neu ausgewiesenen Gewerbegrundstücken zunehmend explizit aus, ohne Konzepte für Alternativen zu entwickeln. Das ist ein planerisches Versagen, das sich in Bayern ebenso zeigt wie anderswo: Garching profitiert von der räumlichen Trennung zwischen Forschungscampus und Wohnbevölkerung. Kommerzielle Anlagen in Ballungsräumen stehen dagegen vor einem Widerspruch: Sie sind notwendig nah an Ballungszentren und gleichzeitig strukturell schwer integrierbar.
Dabei gibt es Lösungsansätze. Franken Architekten aus Frankfurt am Main haben für SAP in Walldorf ein Rechenzentrum gebaut, das durch eine gefaltete Dachstruktur aus dunklem Streckmetall den Klotz-Charakter auflöst und die industrielle Umgebung aufwertet. Es bleibt ein Einzelfall. Systematische Gestaltungsanforderungen für Rechenzentren fehlen in deutschen Bundesländern, auch in Bayern, fast vollständig.
Ressourcen, Macht und koloniale Logiken
Die Ausstellung endet nicht beim ästhetischen Problem. Sie stellt die Machtfrage. Rechenzentren verbrauchen enorme Mengen an Frischwasser und Energie. Sie konzentrieren wirtschaftlichen und politischen Einfluss in den Händen weniger multinationaler Konzerne. Die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen wie Lithium, Kupfer, Kobalt und Zinn verbindet die Dateninfrastruktur mit Abbauregionen, die unter neokolonialen Ausbeutungsverhältnissen leiden. Die Ausstellung zeigt konkret: den Kampf um Wasserrechte in der Atacama-Wüste in Chile sowie die ökologischen und gesellschaftlichen Kosten des Zinnabbaus auf der indonesischen Insel Bangka.
Für Bayern bedeutet das eine unbequeme Doppelrolle: Als Hochtechnologiestandort profitiert der Freistaat von Dateninfrastrukturen wie dem LRZ. Als demokratische Gesellschaft muss er sich fragen, welche globalen Kosten dieses Profitieren verursacht. Die Ausstellung gibt keine einfachen Antworten. Sie formuliert die Fragen. Das ist, angesichts der Komplexität des Themas, schon bemerkenswert.
Was die Architektur zu tun hätte
Architektinnen und Architekten, Planerinnen und Planer stehen vor einer Aufgabe, die noch keine etablierte Sprache hat. Rechenzentren sind weder Industriebau noch Bürogebäude, weder Infrastrukturbau noch öffentlicher Raum. Sie sind ein Hybrid, der alle Kategorien sprengt und gleichzeitig in keiner Förder- oder Planungskultur richtig verankert ist.
Das Architekturmuseum der TUM leistet mit dieser Ausstellung einen wichtigen Beitrag, dieses Vakuum sichtbar zu machen. Es wäre an den regionalen Baukammern, Planungsbehörden und Hochschulen, die nächsten Schritte zu tun: Gestaltungsrichtlinien entwickeln, Standortkonzepte erarbeiten, Energierückgewinnung als Pflicht in Baugenehmigungsverfahren verankern. Bayern hat die institutionellen Voraussetzungen dafür. Die politische Entscheidung, sie zu nutzen, steht noch aus.
„City in the Cloud – Data on the Ground“ zeigt eindrucksvoll, dass die Architektur der Daten keine Zukunftsaufgabe ist. Sie ist Gegenwartsaufgabe. Und sie wartet nicht.
Besucherinformationen
Ausstellung
City in the Cloud: Data on the Ground. The Architecture of Data
Ort
Architekturmuseum der TUM, Pinakothek der Moderne
Barer Straße 40, 80333 München
Laufzeit
16. Oktober 2025 bis 8. März 2026
Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag: 10.00 bis 18.00 Uhr
Donnerstag: 10.00 bis 20.00 Uhr
Montag geschlossen
Eintritt
10 Euro, ermäßigt 7 Euro
Sonntags: 1 Euro
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: freier Eintritt
Begleitprogramm: Data Talks
Sieben öffentliche Gespräche donnerstags, 18.00 bis 19.30 Uhr, kostenloser Eintritt
Letzter Termin: 5. März 2026 (Finissage)
Anmeldung: anmeldung@architekturmuseum.de

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