Baukunst - Roms Metro C: Wie Archäologie und Ingenieurskunst unter dem Kolosseum zur Symbiose finden
Wie Rom unter dem Kolosseum grub und dabei die Antike neu entdeckte ©Depositphotos_12462816_S

Roms Metro C: Wie Archäologie und Ingenieurskunst unter dem Kolosseum zur Symbiose finden

19.01.2026
 / 
 / 
Ignatz Wrobel

Roms Metro C: Wie Archäologie und Ingenieurskunst unter dem Kolosseum zur Symbiose finden

Am 16. Dezember 2025 eröffnete Rom zwei neue Stationen seiner Metrolinie C: Colosseo/Fori Imperiali und Porta Metronia. Was in den meisten Metropolen kaum mehr als eine Randnotiz wert wäre, geriet in der Ewigen Stadt zum Staatsakt mit Bürgermeister Roberto Gualtieri, Verkehrsminister Matteo Salvini und Kulturminister Alessandro Giuli. Die Gründe für diese Aufmerksamkeit liegen buchstäblich unter der Oberfläche.

Zwölf Jahre für drei Kilometer

Die Zahlen sprechen für sich: Seit 2013 arbeiteten die Ingenieurinnen und Ingenieure der Baufirma Webuild am jüngsten Abschnitt der Linie C. Ursprünglich waren sieben Jahre veranschlagt, geworden sind es zwölf. Die Pandemie spielte eine Rolle, doch entscheidender waren die archäologischen Funde. Wer in Rom den Boden öffnet, gräbt unweigerlich Geschichte aus. Das gilt umso mehr, je näher man dem antiken Zentrum kommt.

Chefingenieur Marco Cervone, seit 2007 mit dem Projekt befasst, bringt es auf den Punkt: In Rom müsse man nicht nur bauen, sondern gleichzeitig bewahren. Die Herausforderung bestehe darin, monumentale Bauten oberirdisch zu schützen und fragile Schätze unterirdisch zu bergen. Diese doppelte Verantwortung unterscheidet den römischen U Bahnbau fundamental von vergleichbaren Projekten in anderen europäischen Metropolen.

Archäologischer Top Down Bau als Innovation

Das Projektteam entwickelte dafür eine spezifische Bautechnik: das sogenannte archäologische Top Down Verfahren. Dabei werden die Geschossdecken von oben nach unten progressiv eingezogen, während parallel die archäologischen Grabungen voranschreiten. Diese Methode gewährleistet strukturelle Stabilität und ermöglicht zugleich systematische wissenschaftliche Untersuchungen. Eine ingenieurstechnische Gratwanderung, die internationale Beachtung verdient.

An der Station Porta Metronia reichen die archäologischen Schichten etwa 15 Meter tief. Die Grabungen förderten eine römische Kaserne der Prätorianergarde aus der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts nach Christus zutage. Über 30 Räume mit Wandfresken und Mosaikböden, dazu das sogenannte Haus des Kommandanten. Als Simona Morretta, Verantwortliche der Archäologiebehörde, 2016 die Dimension der Funde erkannte, stand das Projekt vor einer Grundsatzentscheidung.

Die Verlagerung einer antiken Kaserne

Die Lösung war ebenso aufwändig wie bemerkenswert: Man hob den gesamten archäologischen Komplex aus, lagerte ihn in klimatisierten Containern und setzte ihn nach Abschluss der Bauarbeiten an Ort und Stelle wieder ein. Eine zeitweise Versetzung von fast 2000 Quadratmetern antiker Bausubstanz. Das Museum, das diese Funde präsentieren wird, soll im Februar 2026 eröffnen.

Die Station Colosseo/Fori Imperiali geht noch einen Schritt weiter. 32 Meter unter der Via dei Fori Imperiali, zwischen Kolosseum und Maxentiusbasilika gelegen, präsentiert sie ihre Funde direkt in den Erschließungswegen. 28 Brunnen aus republikanischer Zeit kamen hier zum Vorschein, dazu eine Domus mit Badeanlage aus dem ersten Jahrhundert vor Christus bis zum ersten Jahrhundert nach Christus. Die goldfarbene Täfelung der Rolltreppenschächte evoziert bewusst das Bild eines Abstiegs in verborgene Schichten der Geschichte.

Architektonische Konzeption als kulturelle Vermittlung

Das Architekturbüro ABDR, bekannt durch Projekte wie den Bahnhof Roma Tiburtina und das Archäologische Nationalmuseum von Reggio Calabria, zeichnet für die museale Gestaltung der Station Porta Metronia verantwortlich. Der Entwurf folgt dem Leitgedanken, öffentlichen Raum neu zu denken. Ein unterirdischer Platz verbindet Straßenniveau, Museumsetage und Bahnsteigbereich. Von hier aus erschließen sich sowohl die Metrostation als auch die archäologische Ausstellung.

Die museografische Konzeption der Station Colosseo, erarbeitet vom Parco Archeologico del Colosseo in Zusammenarbeit mit der Universität La Sapienza, gliedert sich in fünf thematische Bereiche. Das Leitmotiv des Brunnens fungiert dabei als Metapher für die Reise in den Untergrund und durch die Geschichte. Dioramen und Videoinstallationen ergänzen die ausgestellten Originale.

Netzwerkeffekt und städtische Mobilität

Mit der neuen Strecke wächst das Netz der Linie C auf 24 Stationen. Erstmals sind die östlichen Vororte direkt mit dem archäologischen Zentrum verbunden. Die Station Colosseo ermöglicht zudem den Umstieg zur Linie B, während San Giovanni bereits die Verknüpfung mit Linie A bietet. Für eine Stadt mit 2,7 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern sowie Abermillionen Touristen jährlich, die bislang nur über drei U Bahnlinien verfügt, bedeutet dies einen erheblichen Kapazitätsgewinn.

Die Kosten für den jüngsten Bauabschnitt belaufen sich auf rund 860 Millionen Euro. Vor gut zehn Jahren waren 790 Millionen Euro veranschlagt worden. Eine Überschreitung von neun Prozent erscheint angesichts der Komplexität moderat, auch wenn die verlängerte Bauzeit volkswirtschaftliche Folgekosten verursacht hat, die in dieser Rechnung nicht auftauchen.

Ausblick: Piazza Venezia und darüber hinaus

Die nächste Herausforderung heißt Piazza Venezia. Hier rechnet Bauleiter Cervone mit etwa zehn Jahren Bauzeit. Danach soll die Linie C weiter Richtung Westen führen, über Chiesa Nuova und San Pietro bis Clodio/Mazzini. Insgesamt sind sieben weitere Stationen geplant. Die Erfahrungen aus dem jetzt abgeschlossenen Abschnitt dürften dabei helfen, ähnliche Konflikte zwischen Infrastrukturentwicklung und Denkmalschutz zu lösen.

Modellcharakter für historische Stadtkerne

Was bedeutet das römische Beispiel für andere europäische Städte? Die Kernlektion lautet: Archäologische Funde müssen Infrastrukturprojekte nicht blockieren, sondern können sie bereichern. Das erfordert allerdings Planungshorizonte, die über kurzfristige Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen hinausgehen, sowie interdisziplinäre Teams, die Ingenieurwesen und Archäologie als komplementäre Disziplinen begreifen.

Rom zeigt, dass der Bau zeitgenössischer Infrastruktur mit der Bewahrung historischer Schichten vereinbar ist. Die neuen Stationen sind keine reinen Transitpunkte, sondern kulturelle Räume, die Pendlerinnen und Pendlern ebenso wie Touristinnen und Touristen neue Perspektiven auf die Stadt eröffnen. Ob dieses Modell in den engen Budgetrahmen kommunaler Verkehrspolitik passt, bleibt freilich eine offene Frage. Der erste Zug fuhr am 16. Dezember um 16 Uhr, vollbesetzt mit der Erwartung, dass Geschichte und Gegenwart sich nicht gegenseitig im Weg stehen müssen.