Baukunst - Rurasmus: Wenn Studierende ländliche Gemeinden neu denken
Leerstand als Lernort ©Depositphotos_149407652_S

Rurasmus: Wenn Studierende ländliche Gemeinden neu denken

20.02.2026
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Ignatz Wrobel

Wenn Studierende ländliche Gemeinden neu denken

Wo früher eine Bäckerei die Dorfmitte belebte, staube heute das Schaufenster ein. Leerstand ist in vielen ländlichen Gemeinden Österreichs und Deutschlands keine Randerscheinung mehr, sondern ein prägendes städtebauliches Faktum. Rollläden, die auf Dauer geschlossen bleiben, erzählen eine Geschichte vom Braindrain, vom Schrumpfen, von einer Gesellschaft, die ihre Dörfer vergisst. Und genau hier setzt ein Bildungsprogramm an, das so unspektakulär klingt, wie es im Ergebnis wirkungsvoll ist: Rurasmus.

Der Name ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus „rural“ und „Erasmus“. Dahinter steckt ein europäisches Forschungsinstitut mit Sitz im kärntner Moosburg, gegründet von Roland Gruber und Elisabeth Leitner. Ihr Ausgangsbefund ist simpel und ernüchternd: Seit Jahrzehnten jammert man über die Abwanderung der Jungen vom Land, vor allem der Frauen. Passiert ist strukturell wenig. Rurasmus versucht etwas anderes: Statt die Jungen zu beklagen, holt man sie zurück, zumindest für ein Semester.

Das Modell: Gemeinde als Universität

Die Idee ist konzeptionell elegant: Studierende aller Studienrichtungen verbringen mindestens ein Semester kostenfrei in einer ländlichen Gemeinde. Diese wird dabei nicht zur Kulisse, sondern zum Ausbildungsort. Die lokalen Herausforderungen sind die Aufgabenstellung, die Bürgerinnen und Bürger werden zu Praxispartnerinnen und Praxispartnern, die Gemeindestruktur zum Forschungsfeld. Das Rurasmus-Forschungsinstitut fungiert als organisatorische Drehscheibe und sichert Qualitätsstandards, während Hochschulen die akademische Begleitung übernehmen.

Im Sommersemester 2025 lebten fünf Studentinnen in Gemeinden in Oberösterreich und Kärnten: in der Region Mostlandl Hausruck, in Michaelnbach, in Taufkirchen an der Trattnach sowie in der Stadtgemeinde Althofen. Das Programm existiert seit drei Jahren und wurde unter anderem im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut 2024 umgesetzt. Mittlerweile gibt es INTERREG-Förderung, was europäische Ambitionen unterstreicht.

Lena Keresztes und die Pionierinnen des Leerstands

Ein konkretes Beispiel macht deutlich, wie das Modell in der Praxis wirkt. Lena Keresztes, Studentin der Raumordnung und Raumforschung an der Universität Wien, verbrachte ihr Semester in der Region Mostlandl Hausruck. Ihr Auftrag: Leerstand nicht als Problem verwalten, sondern als Potenzial sichtbar machen. Keresztes arbeitete vor Ort mit den Managerinnen und Managern des EU-Projekts Leader sowie der Klima- und Energie-Modellregionen (KEM) zusammen.

Ihr Projekt war handfest: Sie suchte und fand Pionierinnen und Pioniere der Leerstandsentwicklung in der Region und dokumentierte deren Erfahrungen in Steckbriefen. Ein Friseursalon in einer ehemaligen Werkstatt, ein Bauernladen in einem leerstehenden Geschäft, ein Museum in einer alten Mühle. Das klingt nach lokalem Kleinod, ist aber strategisch gedacht: Wer einen Leerstand wiederbeleben will, soll wissen, wer das bereits getan hat. Vernetzung als Baukultur, könnte man sagen.

Keresztes stammt aus Wien und kannte das Landleben zuvor kaum. Das Semester war nach eigener Aussage trotz aller positiver Erfahrungen auch ein Kulturschock. Sozialkontakte zu knüpfen sei schwierig gewesen: Menschen in ihrem Alter würden heute entweder nicht mehr in der Region leben oder sich bereits in einer anderen Lebensphase befinden. Die dörfliche Gemeinschaft sei eng und warm, für Neuzugänge aber nicht immer leicht zugänglich. Dennoch: Sie würde das Semester uneingeschränkt empfehlen.

Was Baukultur mit Bildungsinnovation zu tun hat

Für Architekturschaffende und Raumplanerinnern und Raumplaner ist Rurasmus kein bloßes Sozialprojekt. Es ist ein handfester Beitrag zur Frage, wie Baukultur vermittelt wird und wo sie entsteht. Indem Studierende konkret an der Wiederbelebung von Ortskernen, an der Nachverdichtung im Bestand und an Konzepten für den öffentlichen Raum arbeiten, lernen sie nicht aus dem Lehrbuch, sondern aus der Realität eines schrumpfenden Dorfs.

Das ist methodisch wertvoller als manches Entwurfsseminar an einer gut ausgestatteten Stadtuniversität. Denn der ländliche Raum schult eine Tugend, die an Großstadthochschulen selten systematisch gelehrt wird: das Denken in beschränkten Ressourcen, mit bestehenden Strukturen, unter Einbindung einer Bevölkerung, die nicht Design-affin, aber durchaus meinungsstark ist. Roland Gruber, Vorsitzender des Rurasmus-Forschungsinstituts, bringt es auf den Punkt: Das Aufs-Land-Semester sei ein europäischer Lernraum, in dem Gemeinden erleben, wie der frische Blick junger Menschen wichtige Impulse für ein gutes Leben liefert.

Ein Modell mit Grenzen

Kritisch zu hinterfragen bleibt, ob ein Semester ausreicht, um nachhaltige Veränderungen anzustossen. Fünf Studentinnen in einem Semester sind kein flächendeckendes Programm. Die strukturellen Ursachen des Leerstands, überteuerte Immobilienvorstellungen von Eigentümerinnen und Eigentümern, unklare Erbschaften, mangelnde kommunale Instrumente, lassen sich mit Steckbriefen allein nicht beseitigen. Rurasmus kann Anstösse geben, aber keine Bauordnung ersetzen.

Dennoch: Das Modell zeigt, wie universitäre Bildung und ländliche Entwicklung einander befruchten können, wenn man sie systematisch zusammenbringt. Dass dabei auch Studierende etwas über sich lernen, über ihre eigenen Stadtblasen und Komfortzonen, ist ein nicht zu unterschätzender Nebeneffekt. Bildung funktioniert eben in beide Richtungen.

Für Architekturschaffende, die sich mit ländlichem Bauen beschäftigen, bietet Rurasmus zudem ein Netzwerk an jungen Menschen, die den ländlichen Raum nicht aus touristischer Distanz, sondern aus gelebter Alltagserfahrung kennen. Das ist ein Rohstoff, der in Zeiten zunehmender Suburbanisierung und Flächenversiegelung kaum wertvoll genug sein kann.