Baukunst - Talentschmiede Europa: Wie sich Architekturausbildung neu erfindet
Young Talents 2025 © Baukunst.art

Talentschmiede Europa: Wie sich Architekturausbildung neu erfindet

21.08.2025
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Berthold Bürger

Young Talent 2025: Vom Hörsaal zur Baustelle

Die EUmies Awards Young Talent 2025 zeigen: Architekturausbildung wandelt sich fundamental. Studierende übernehmen Verantwortung für gesellschaftliche Transformation.

Paradigmenwechsel in der Architekturlehre

Die diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger der EUmies Awards Young Talent 2025 markieren einen Wendepunkt in der europäischen Architekturausbildung. Wenn Spyridon Loukidis mit seinen Kollegen Markos Georgios Sakellion und Georgios Thalassinos das klassizistische Stadtgefüge Athens radikal neu denkt, manifestiert sich darin mehr als architektonischer Mut – es offenbart sich eine neue Generation von Lehrenden und Lernenden, die etablierte Bildungskonzepte herausfordert.

Die Fundació Mies van der Rohe hat mit ihrer Auszeichnung drei Masterprojekte gewürdigt, die exemplarisch für einen fundamentalen Wandel in der Wissensvermittlung stehen. 451 Studierende aus 118 Hochschulen haben sich beworben – eine Zahl, die das wachsende Interesse an progressiven Ausbildungsmodellen dokumentiert. Dabei zeigt sich: Die Transformation beginnt in den Hörsälen und Ateliers.

Interdisziplinarität als Bildungsgrundlage

Carolina von Hammerstein und Vera Kellmann von der Technischen Universität Berlin demonstrieren mit „Forest & Phoenix”, wie zeitgemäße Architekturausbildung funktioniert. Ihr Projekt zu Waldbränden und Klimaresilienz entstand nicht im isolierten Designstudio, sondern in intensiver Zusammenarbeit mit Forstwissenschaftlerinnen, Klimaforschern und Soziologen. Die TU Berlin hat dafür eigens neue Lehrformate entwickelt, die traditionelle Fakultätsgrenzen aufbrechen.

Diese interdisziplinären Ansätze fordern von Studierenden neue Kompetenzen: Sie müssen nicht nur entwerfen, sondern auch moderieren, übersetzen und vermitteln können. Andreas Stanzel von der Bauhaus-Universität Weimar zeigt mit „Hotel Interim”, wie aus einem scheinbar simplen Umnutzungsprojekt eine komplexe Lernlandschaft entsteht. Das leerstehende Hotel in Halle wird zum experimentellen Lernlabor, in dem Architektur, Kunst und Sozialarbeit verschmelzen.

Digitale Lernplattformen und hybride Wissensvermittlung

Die Präsentation der Projekte während der Biennale in Venedig offenbarte eine weitere Bildungsinnovation: Alle Arbeiten wurden parallel digital aufbereitet und global zugänglich gemacht. Die teilnehmenden Hochschulen haben gemeinsam eine Plattform entwickelt, auf der Studierende weltweit auf die Entwurfsprozesse, Recherchematerialien und Methodiken zugreifen können. Diese Form der offenen Wissensvermittlung transformiert die traditionell geschlossene Atelierkultur in einen globalen Lernraum.

Besonders bemerkenswert: Die National Technical University of Athens hat für „Brave New Axis” ein digitales Mentoring-Programm etabliert, bei dem Studierende aus verschiedenen europäischen Ländern gemeinsam an städtebaulichen Fragestellungen arbeiten. Diese virtuellen Kollaborationen erweitern nicht nur den Horizont der Lernenden, sondern schaffen auch neue Netzwerke für den Nachwuchs.

Nachwuchsförderung durch reale Projekte

Die Jury betonte, dass die ausgezeichneten Arbeiten „über konventionelle Architekturpraxis hinausgehen”. Dieser Anspruch spiegelt sich in den Ausbildungskonzepten wider: Statt theoretischer Übungen arbeiten Studierende an realen gesellschaftlichen Herausforderungen. James Langlois von der University of Westminster erhielt den Young Talent Open Award für „Poolside Politics” – ein Projekt, das aus einer Partnerschaft zwischen der Hochschule und lokalen Gemeinden entstand.

Solche Kooperationen zwischen Bildungsinstitutionen und zivilgesellschaftlichen Akteuren schaffen Win-win-Situationen: Studierende sammeln praktische Erfahrungen, während Kommunen innovative Lösungsansätze erhalten. Die Bauhaus-Universität Weimar hat dieses Modell institutionalisiert und bietet nun reguläre „Reality Studios” an, in denen Masterstudierende ein ganzes Semester an konkreten Aufgabenstellungen arbeiten.

Internationale Bildungskooperationen als Zukunftsmodell

Die Erweiterung des Wettbewerbs um den Young Talent Open Award für Hochschulen außerhalb des Creative Europe Programms – einschließlich Institutionen aus Südostasien, Australien und Neuseeland – zeigt die globale Dimension moderner Architekturausbildung. Diese Öffnung ist mehr als symbolisch: Sie etabliert neue Austauschprogramme und gemeinsame Curricula.

Die teilnehmenden Hochschulen haben bereits konkrete Schritte unternommen: Die TU Berlin plant einen gemeinsamen Masterstudiengang mit der University of Westminster, während die Bauhaus-Universität Weimar Partnerschaften mit asiatischen Universitäten intensiviert. Diese internationalen Kooperationen bereichern nicht nur die Lehre, sondern schaffen auch neue Perspektiven für den akademischen Nachwuchs.

Weiterbildung und lebenslanges Lernen

Ein oft übersehener Aspekt der Young Talent Awards ist ihre Funktion als Katalysator für kontinuierliche Weiterbildung. Die Preisträgerinnen und Preisträger erhalten nicht nur 5.000 Euro Preisgeld, sondern werden in ein Netzwerk von etablierten Architektinnen und Kritikern eingebunden. Diese Mentoring-Programme, koordiniert von der Fundació Mies van der Rohe, schaffen Brücken zwischen akademischer Ausbildung und professioneller Praxis.

Die European Association for Architectural Education hat darauf reagiert und entwickelt neue Formate für postgraduale Weiterbildung. Alumni-Netzwerke werden systematisch ausgebaut, Weiterbildungsmodule speziell für junge Praktikerinnen und Praktiker konzipiert. Die Botschaft ist klar: Architekturausbildung endet nicht mit dem Diplom.

Ausblick: Bildung als gesellschaftliche Verantwortung

Die Young Talent Awards 2025 markieren einen Paradigmenwechsel in der Architekturausbildung. Wenn Normunds Popens, stellvertretender Generaldirektor der Europäischen Kommission, die Preisträger als „nächste Generation, die Europas gebaute Umwelt gestaltet” bezeichnet, unterstreicht er die gesellschaftliche Dimension dieser Bildungsinnovationen.

Die ausgezeichneten Projekte zeigen: Moderne Architekturausbildung muss flexibel, interdisziplinär und praxisorientiert sein. Sie muss globale Perspektiven mit lokaler Verankerung verbinden und digitale Tools mit analogem Handwerk verschränken. Vor allem aber muss sie Studierende befähigen, nicht nur Gebäude zu entwerfen, sondern gesellschaftliche Transformationsprozesse zu gestalten.

Die 12 Finalistenprojekte, die noch bis November 2025 im Palazzo Mora zu sehen sind, dokumentieren diese neue Bildungslandschaft eindrucksvoll. Sie sind Manifest und Motivation zugleich – für Lehrende, die neue Wege wagen, und für Studierende, die mehr wollen als konventionelle Antworten auf komplexe Fragen.


Die Gewinnerprojekte 2025:

  1. Brave New Axis

  1. Forest & Phoenix

  1. Hotel Interim

Ausstellung in Venedig: „Intelligens. Talent. EUmies Awards Young Talent 2025″

  • Ort: Palazzo Mora, Strada Nuova 3659, 30121 Venezia

  • Laufzeit: 10. Mai bis 23. November 2025

  • Öffnungszeiten: Täglich während der Biennale

  • Eintritt: Im Rahmen der Collateral Events der Biennale Architettura 2025