Baukunst - Tom Pritzkers Rücktritt und die Frage, ob der bedeutendste Architekturpreis der Welt noch glaubwürdig ist.
Curitiba, Brazil : Oscar Niemeyer Museum, © Depositphotos_162153874_S

Tom Pritzkers Rücktritt und die Frage, ob der bedeutendste Architekturpreis der Welt noch glaubwürdig ist.

22.02.2026
 / 
 / 
Stuart Rupert

Ein Preis, drei Grundwerte und ein erschüttertes Fundament

Auf der Rückseite der Pritzker-Medaille sind Vitruvs drei Grundbegriffe der Baukunst eingraviert: Festigkeit, Zweckmäßigkeit und Venustas, die Schönheit. Seit 1979 verleiht die Hyatt Foundation diesen Preis jährlich an Architektinnen und Architekten, die das zivilisatorische Ideal der Baukunst verkörpern. Am 16. Februar 2026 traten alle drei Tugenden gleichzeitig in Frage: Thomas J. Pritzker, 75, Sohn der Preisstifter Jay und Cindy Pritzker und seit mehr als zwei Jahrzehnten Vorstandsvorsitzender der Hyatt Hotels Corporation, gab seinen sofortigen Rücktritt bekannt. Auslöser war die Veröffentlichung von über drei Millionen Seiten interner Dokumente des US-Justizministeriums im Rahmen des sogenannten Epstein Files Transparency Act, den Präsident Donald Trump unterzeichnet hatte.

In einem Brief an den Hyatt-Vorstand räumte Pritzker ein, er habe „ein schreckliches Urteilsvermögen bewiesen“ und bedauere, sich nicht früher von Jeffrey Epstein distanziert zu haben. Die Freundschaft zwischen Pritzker und dem 2019 in Untersuchungshaft gestorbenen Sexualstraftäter Epstein überdauerte demnach sogar dessen Verurteilung im Jahr 2008. Jetzt droht der Schatten dieser Verbindung auf die nobelste Auszeichnung der Architektenwelt zu fallen.

Wenn der Preis seinen Namen trägt

Der Pritzker Architecture Prize ist keine neutrale Institution. Er ist eng mit einer Familie verbunden, deren Namen er trägt, und mit einer Stiftung, die von eben jener Familie finanziert und repräsentiert wird. Jahrelang war Tom Pritzker das öffentliche Gesicht dieses Preises. Er überreichte die Auszeichnung in feierlichen Zeremonien und stand Architektinnen und Architekten als Repräsentant eines humanistischen Ideals gegenüber. Nun belegen Dokumente des US-Justizministeriums, dass Pritzker und Epstein auch Mails über Einladungen zu Pritzker-Preis-Veranstaltungen austauschten, darunter zur Zeremonie 2012 in Peking für Preisträger Wang Shu.

Besonders schwer wiegt die eidesstattliche Aussage von Virginia Roberts Giuffre, die 2025 im Alter von 41 Jahren starb. In einer Zeugenaussage aus dem Jahr 2016 im Rahmen einer Zivilklage gegen Ghislaine Maxwell benannte sie Pritzker als einen der Männer, an die sie als Minderjährige von Epstein vermittelt worden sei. Pritzker bestreitet das ausdrücklich. Er wurde bisher weder angeklagt noch ist er Gegenstand strafrechtlicher Ermittlungen. Die Unschuldsvermutung gilt. Dennoch lastet der Anfangsverdacht schwer auf einem Preis, dessen Satzung den absoluten Wert des Einzelnen und der Menschheit beschwört.

Die Architektenschaft schweigt

Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums, kommt zu einem klaren Urteil: Der Preis sei „definitiv beschädigt“. Damit steht er weitgehend allein. Das American Institute of Architects schwieg auf Anfragen. Jury-Vorsitzender Alejandro Aravena (Pritzker-Preisträger 2016) schwieg. Anne Lacaton (Preisträgerin 2021) schwieg. Herzog und de Meuron (Preisträger 2001) ließen mitteilen, zu Anfragen dieser Art keine Stellung zu nehmen. Die Architektenwelt, die sich gern ihrer gesellschaftlichen Verantwortung rühmt, demonstriert in einer der bedeutendsten Krisen ihres wichtigsten Preises kollektives Schweigen.

Einer weicht davon ab: Wolf Prix, Design Principal von Coop Himmelb(l)au. Das Preisgeld würde er noch akzeptieren, den Preis nicht. Immerhin. Wenn allerdings ein Berufsstand, der architektonische Verantwortung für gesellschaftliche Räume und soziale Infrastrukturen für sich beansprucht, in einem solchen Moment nur eine Stimme findet, wirft das grundlegende Fragen über Ethos und Haltung auf.

Strukturelle Verächtlichkeit: Der Preis und seine Kritik

Der Pritzker-Preis ist nicht erst seit dem Epstein-Skandal umstritten. Kazys Varnelis von der Columbia-Universität beschreibt ihn als „elitäre, undemokratische Institution“, die von altem Geld und patriarchalischen Strukturen dominiert wird. Tatsächlich wurden unter 47 Preisträgern bisher nur sechs Frauen ausgezeichnet, trotz jahrzehntelanger Kritik an dieser Schieflage. Dass der erste Preisträger überhaupt, Philip Johnson, bekannt für seinen Ausspruch, er sei „eine Hure“ und würde für jeden Auftraggeber bauen, diesen Preis 1979 erhielt, sagt einiges über den institutionellen Charakter der Auszeichnung.

Die Frage der gesellschaftlichen Verantwortung ist in der Architektur selten so scharf gestellt worden wie jetzt. Architektur behauptet, Räume für das gute Leben zu schaffen, soziale Gerechtigkeit zu befördern, Gemeinschaft zu stärken. Ein Preis, der diesen Anspruch krönt, muss sich entsprechend verhalten. Die Stiftung hat bisher keine Antwort auf die dringende Frage gegeben, wie die Verleihung des Preises für 2026 weitergehen soll. Der Preisträger oder die Preisträgerin sollte eigentlich im März bekanntgegeben werden.

Was nun? Vier Szenarien für den Pritzker-Preis

Die Architektenwelt steht vor einer Entscheidung, die sie bisher vermeidet: Entweder wird der Preis in seiner bestehenden Form fortgeführt, das Schweigen als Normalzustand zementiert und das dröhnende Schweigen als Antwort akzeptiert. Oder der Berufsstand greift aktiv ein und fordert institutionelle Reformen: eine unabhängige, nichtkommerzielle Stiftung ohne Familienbindung, eine transparente Jury ohne Interessenkonflikte, ein Auswahlverfahren, das ökonomische Macht und architektonische Qualität trennt.

Ein dritter Weg wäre die bewusste Abwertung des Pritzker-Preises durch die Branche selbst, indem künftige Preisträgerinnen und Preisträger die Auszeichnung ablehnen oder kommentieren, bis eine Reform erfolgt. Das erfordert Mut und ökonomische Unabhängigkeit, die nicht allen zur Verfügung stehen. Das vierte Szenario, die vollständige Einstellung des Preises, erscheint angesichts seiner globalen Sichtbarkeit unrealistisch, aber Varnelis‘ Forderung „It’s time to shut the Pritzker down“ gewinnt an Resonanz.

Was bleibt, ist eine Branche, die beim Blick in den Spiegel entscheiden muss, ob sie das Schweigen als Komplizenschaft versteht oder als professionelle Neutralität. Beides hat Konsequenzen. Venustas, die Schönheit, benötigt ein sauberes Fundament.