
Der Architektenwechsel am Weissen Haus offenbart ein problematisches Verständnis von Baukultur und Denkmalschutz
James McCrery II galt als idealer Kandidat für Donald Trumps ambitioniertestes Bauprojekt. Der 60jährige Professor an der Catholic University of America in Washington hat sich einen Namen als Architekt sakraler Räume gemacht. Seine Cathedral of the Most Sacred Heart of Jesus in Knoxville, Tennessee, mit ihrer von Brunelleschi inspirierten Kuppel, steht exemplarisch für einen Architekten, der klassische Formensprache beherrscht und zeitgenössisch interpretiert. Trump selbst hatte McCrery 2019 in die U.S. Commission of Fine Arts berufen, jene Kommission, die ironischerweise über die ästhetische Qualität föderaler Bauprojekte wacht.
Doch Anfang Dezember 2025 kam das abrupte Ende dieser Zusammenarbeit. Der Kirchenarchitekt, der zur Zurückhaltung geraten hatte, wurde durch Shalom Baranes ersetzt, einen Washingtoner Grossbüro Architekten mit über 120 Mitarbeitenden und Erfahrung in der Renovierung des Pentagon nach dem 11. September. Die offizielle Begründung des Weissen Hauses: Man sei bei «Grösse und Umfang» des Projekts «uneins» gewesen. Eine bemerkenswert diplomatische Formulierung für einen Präsidenten, dessen Standardfloskel «You’re fired» längst Markenzeichen geworden ist.
Von 650 auf 1350 Gäste: Die eskalierende Vision
Die Zahlen erzählen die Geschichte des Konflikts. Im Sommer 2025 präsentierte das Weisse Haus Pläne für einen Ballsaal mit 650 Plätzen und geschätzten Kosten von 200 Millionen Dollar. Wenige Monate später war von 999 Gästen die Rede, inzwischen sollen es 1350 werden. Die Kosten sind auf 300 Millionen Dollar gestiegen, finanziert angeblich ausschliesslich durch private Spenden. Zu den Geldgebern zählen laut Weissem Haus Amazon, Google, Meta und Lockheed Martin, was Fragen nach potentiellen Interessenkonflikten aufwirft.
McCrery hatte offenbar gewarnt, dass ein derart dimensionierter Neubau das historische Weisse Haus in den Schatten stellen würde. Eine Sorge, die angesichts der Grössenverhältnisse nachvollziehbar erscheint: Der geplante Ballsaal soll rund 8000 Quadratmeter umfassen und wäre damit der grösste Anbau seit dem Oval Office. Das Weisse Haus selbst misst etwa 5100 Quadratmeter. Die Erweiterung würde die Gesamtfläche des Gebäudes nahezu verdoppeln.
Der Ostflügel: 83 Jahre Geschichte im Abbruchcontainer
Besonders brisant ist die vollständige Demolierung des Ostflügels, die im Oktober 2025 ohne vorherige öffentliche Ankündigung begann. Dabei hatte Trump noch im Juli versichert, der Neubau werde «nicht mit dem bestehenden Gebäude interferieren» und sei «in seiner Nähe, aber ohne es zu berühren». Die Realität zeigt Satelliten und Drohnenaufnahmen, auf denen Bagger die vertraute weisse Fassade in Schutt verwandeln. Mittlerweile sind nur noch Trümmer vom alten Ostflügel übrig.
Der 1942 unter Präsident Franklin D. Roosevelt errichtete Ostflügel beherbergte traditionell die Büros der First Lady sowie den Eingangsbereich für offizielle Besuche und öffentliche Führungen. Die Kolonnade an dieser Stelle geht in einer ersten Version sogar auf die Präsidentschaft von Thomas Jefferson zurück. Priya Jain, Vorsitzende des Heritage Preservation Committee der Society of Architectural Historians, bringt das Problem auf den Punkt: «Der Ostflügel ist 83 Jahre alt. Er hat eine eigene historische Bedeutung erlangt. Ich habe nicht viel darüber gesehen, wie das bewertet wurde.»
Klage eingereicht: Der National Trust zieht vor Gericht
Nun eskaliert der Konflikt auf juristischer Ebene. Der National Trust for Historic Preservation, eine 1949 vom US Kongress gegründete führende Denkmalschutzorganisation, hat am 13. Dezember 2025 vor einem US Bezirksgericht Klage eingereicht und verlangt einen sofortigen Baustopp. Der laufende Bau sei rechtswidrig, argumentiert die Organisation. In der Klage fordert der National Trust, dass die Regierung die gesetzlich vorgeschriebenen Prüfungsverfahren einschliesslich einer öffentlichen Anhörungsphase abwarten müsse.
«Das Weisse Haus ist wohl das symbolträchtigste Gebäude unseres Landes und ein weltweit anerkanntes Symbol für unsere starken amerikanischen Ideale», schreibt Carol Quillen, Präsidentin des National Trust for Historic Preservation. Die Klage führt aus, dass Trump den Ostflügel habe abreissen lassen, ohne die Zustimmung des Kongresses einzuholen und ohne eine Überprüfung oder Genehmigung durch die zuständigen Bundeskommissionen zu beantragen. Kein Präsident sei gesetzlich befugt, Teile des Weissen Hauses ohne jegliche Überprüfung abzureissen, weder Präsident Trump noch Präsident Biden noch sonst jemand.
Die Ausnahme von der Regel: Denkmalschutz à la carte
Hier offenbart sich ein strukturelles Problem: Das Weisse Haus, das Capitol und der Supreme Court sind vom National Historic Preservation Act von 1966 ausgenommen. Diese Regelung sollte die Gewaltenteilung schützen, führt aber dazu, dass ausgerechnet die symbolträchtigsten Gebäude der amerikanischen Demokratie weniger Denkmalschutz geniessen als ein durchschnittliches Postamt. Frühere Präsidenten haben diese Lücke respektiert und freiwillig Konsultationsprozesse mit dem National Park Service durchgeführt. Trump verzichtet darauf.
Besonders pikant: Trump hatte die Abrissarbeiten während des sogenannten Shutdowns begonnen, als alle Behörden in Washington lahmgelegt waren. Die National Capital Planning Commission, die eigentlich Bauprojekte im Regierungsviertel genehmigen muss, hat bis heute keine Pläne erhalten. Ihr Vorsitzender, Trumps Stabssekretär Will Scharf, erklärte lakonisch, die Kommission sei nur für «vertikales Bauen» zuständig, nicht für Abrissarbeiten.
Baranes: Der pragmatische Nachfolger
Shalom Baranes, der neue Chefarchitekt, bringt ein völlig anderes Profil mit. Sein 1981 gegründetes Büro hat über 140 Designpreise gewonnen und Projekte im Wert von mehr als acht Milliarden Dollar realisiert. Spezialisiert auf föderale Bauten, hat Baranes unter anderem das Treasury Building und das Hauptquartier des Department of Homeland Security saniert. Pikant: Er gilt als Verteidiger brutalistischer Architektur, jener Stilrichtung, die Trump öffentlich verabscheut.
Die Wahl von Baranes signalisiert einen Paradigmenwechsel. Während McCrery mit seinem kleinen Büro für sakrale Würde und Zurückhaltung stand, repräsentiert Baranes die Welt der Grossprojekte und pragmatischen Kompromisse. Die Aussage des Weissen Hauses, Baranes werde die Arbeiten «auf die nächste Stufe» heben, lässt ahnen, in welche Richtung sich das Projekt entwickeln wird.
Louis XIV. in Washington: Stil als Statement
Die veröffentlichten Renderings zeigen einen Innenraum im Stil Louis XIV., mit üppigen Kronleuchtern, vergoldetem Stuck und kugelsicheren Panoramafenstern. Die Ähnlichkeit mit dem Ballsaal von Mar a Lago, Trumps privatem Club in Florida, ist frappierend. Architektur wird hier zur autobiografischen Erzählung, das Weisse Haus zum Spiegel seines derzeitigen Bewohners. Der Saal soll den neoklassizistischen Stil des Präsidentensitzes beibehalten und vor Ende von Trumps laufender Amtszeit fertiggestellt werden.
McCrery, der sich laut New York Times ursprünglich an den grossen Fenstern von Versailles orientiert hatte, scheiterte offenbar an der Differenz zwischen historischem Zitat und zeitgenössischer Adaption. Sein Ansatz, klassische Architektur für amerikanische Kontexte zu transformieren, wie er es bei seinen Kirchenbauten praktiziert, war mit Trumps Vorstellung von Grösse nicht kompatibel.
Eine Frage der Massstäbe
Der Architektenwechsel am Weissen Haus ist mehr als eine Personalie. Er wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie viel Transformation verträgt ein historisches Ensemble? Wer entscheidet über die Balance zwischen Nutzen und Respekt vor dem Bestand? Und was bedeutet es, wenn die Mechanismen des Denkmalschutzes bei den wichtigsten Gebäuden einer Nation nicht greifen?
Die Entlassung von James McCrery zeigt, dass fachliche Bedenken in diesem Projekt kein Gehör finden. Sein Rat zur Zurückhaltung, gespeist aus jahrzehntelanger Erfahrung im Umgang mit sakralen und öffentlichen Räumen, wurde als Hindernis wahrgenommen, nicht als Expertise. Die Klage des National Trust for Historic Preservation könnte nun zum Präzedenzfall werden: Erstmals wird gerichtlich geprüft, ob ein Präsident tatsächlich unbegrenzte Verfügungsgewalt über das symbolträchtigste Gebäude der amerikanischen Demokratie besitzt.
Eine Randnotiz mit Symbolcharakter: Präsident Trump hatte erklärt, dass seine Ehefrau Melania unter dem Baulärm leide. Die First Lady wäre damit nicht die Einzige, die sich über einen möglichen Stopp der Bauarbeiten freuen könnte.

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