
Baukunst.art  |  Editorial  |  Ausgabe März 2026
Stuart Stadler, Architekt, Herausgeber baukunst.art
Liebe Kollegin, lieber Kollege
Diese Osterausgabe von Baukunst.art stellt eine Frage, die so alt ist wie das Bauen selbst: Was hat Architektur mit dem Schönen, dem Wahren und dem Guten zu tun — und warum fällt die Antwort im Jahr 2026 so schwer?
Ostern ist seit Jahrhunderten eine Zäsur. Die Zeitumstellung, die wenige Tage zuvor das Abendlicht zurückgebracht hat, markiert diesen Übergang mit fast mechanischer Klarheit: eine Stunde wird geopfert für mehr Helligkeit. Ein kollektives Arrangement mit dem Licht. In der Architektur vollzieht sich gerade etwas Ähnliches, nur ohne festgelegten Termin und ohne die Gewissheit, dass die verlorene Stunde je zurückkommt.
Warum hat die Architektur das Schöne so leise verabschiedet?
Die Trias des Wahren, Schönen und Guten, seit Platon das Fundament ästhetischer Reflexion, ist in der Gegenwartsarchitektur nicht programmatisch abgeschafft worden. Sie hat sich still verdrückt, Quartal für Quartal, Ausschreibung für Ausschreibung, Kostenkennwert für Kostenkennwert. Das ist die unbequeme Diagnose, die auf Baukunst.art dieser Tage gestellt wird.
Bernd Eilert hat im Januar 2026 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Inventur dieser drei Ideale vorgelegt. Sein Befund trifft die Architektur mit besonderer Wucht: Das Schöne hat den steilsten Absturz erfahren. In vier Jahrzehnten Berufspraxis lässt sich diese Erosion präzise beobachten. In den 1980er Jahren sprachen Bauherrinnen und Bauherren noch selbstverständlich von der Würde eines Gebäudes, von seiner Wirkung auf den Ort, von seiner Verantwortung gegenüber dem Stadtraum. Heute liefert die erste Projektbesprechung Abschreibungszeiträume und Nutzungskostenprognosen. Was sich rechnen lässt, wird berechnet. Was sich nicht rechnen lässt, taucht im Protokoll nicht auf.
Das Paradoxe daran: Das Schöne lässt sich rechnen, nur nicht im Monatsbericht. Schöne Gebäude werden länger genutzt, erzeugen Identifikation, reduzieren Vandalismus und erhöhen die Bereitschaft zur Pflege. Das Fachmagazin Dezeen hat in seiner Recherche ‚How long should a building last?‘ (Dezember 2025) belegt, was Architektinnen und Architekten längst wissen: Gebäude, die als schön empfunden werden, haben eine signifikant längere Nutzungsdauer als technisch optimierte, aber gleichgültige Bauten. Der erste Träger des britischen Stirling Prize, das Centenary Building der Universität Salford, wurde 2025 zum Abriss freigegeben. Dreißig Jahre nach Fertigstellung. Ein preisgekröntes Gebäude, das niemand behalten wollte. Diese Geschichte gehört in jedes Seminar, das Nachhaltigkeit ernst nimmt.
Das Wahre in der Architektur war einmal die Ehrlichkeit der Konstruktion, die Lesbarkeit des Materials, die Sichtbarkeit des Tragwerks. Mies van der Rohe nannte es Tektonik, John Ruskin die Wahrheit des Handwerks. Was zeigen Gebäude heute? Fassaden sind oftmals Verkleidungen geworden, Hüllen ohne Beziehung zur Konstruktion dahinter.Das Tragwerk verschwindet hinter Abhangdecken und Doppelböden, die Haustechnik übernimmt die Raumgeometrie. Das Ergebnis sind Gebäude, die man nicht lesen kann, weil sie oftmals nichts erzählen wollen außer ihrer eigenen Beliebigkeit.
Am schwersten wiegt der Verlust des Guten. Nicht im moralischen Sinn, sondern als Haltung: die Verantwortung gegenüber dem öffentlichen Raum, die Verpflichtung, mit dem Bauen die Welt ein wenig bewohnbarer zu hinterlassen. Das Gebäude als baukulturellen Ort hat das Gebäude als Finanzprodukt mit 15-jährigem Abschreibungszyklus weitgehend verdrängt. Wer billiger baut und früher abreißt, gewinnt die Ausschreibung. Wer teurer baut, aber 150 Jahre stehen bleibt, verliert sie. Jetzt leistet ausgerechnet die Klimakrise das, was Jahrzehnte Baukulturdiskussion nicht vermochten: Sie zwingt zur Langfristigkeit. Der Begriff ‚embodied carbon‘, der im Baumaterial gebundene Kohlenstoff, hat eine neue Qualitätsdebatte ausgelöst, die über ästhetische Überzeugungen weit hinausgeht. Die Lebensdauer eines Gebäudes ist keine romantische Kategorie mehr. Sie ist eine Klimafrage. Und damit, auf Umwegen, wieder eine Frage des Guten.
Was hat Psychologie mit Baukultur zu tun, und warum lohnt die Antwort gerade jetzt?
Es gibt eine Verbindung zwischen der philosophischen Frage nach dem Schönen und der praktischen Frage, wie Architektinnen und Architekten ihren Büroalltag führen. Sie verblüfft auf den ersten Blick und leuchtet auf den zweiten ein: Wer anderen Räume baut, die bewohnenswert sind, braucht auch selbst bewohnenswerte innere Zustände. Resilienz, Urteilskraft, die Fähigkeit zu klarer Kommunikation unter Druck, das sind keine Softskills. Das sind Berufsvoraussetzungen. Der Lehrgang ‚Psychologie im Architekturbüro, Menschen verstehen‘, den die Baukunst Akademie ab dem 8. April 2026 als vierteiligen Onlinekurs anbietet, setzt genau hier an.
Das klingt nach Selbstoptimierung und ist doch etwas anderes. Wer versteht, wie Stress das Urteilsvermögen beeinträchtigt, trifft in Baubesprechungen bessere Entscheidungen. Wer die Grundbedürfnisse seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennt, führt ein Büro mit weniger Reibungsverlust. Wer die eigene Stimmungsdynamik kennt, weiß, wann ein Entwurf den zweiten Blick braucht und wann er fertig ist. Das sind keine Wohlfühlthemen. Das sind Werkzeuge für die tägliche Arbeit.
Liebe Kollegin, lieber Kollege: Die Fragen, die diese Ausgabe stellt, haben keine schnellen Antworten. Das Schöne lässt sich nicht per Beschluss zurückholen, und Haltung entsteht in der Kontemplation. Diese Ausgabe bietet dafür reichlich Stoff zur Lektüre: vom Mondhotel bis zum Einfamilienhaus, von einer Reise nach Madrid bis zur Frage, was Architektur noch mit Wahrheit zu tun hat. Ostern ist ein guter Anlass, sich die Zeit zu nehmen, die solche Themen verdienen.
Gute Lektüre und ein erholsames Osterfest.
Herzlichst Ihr
Stuart Stadler

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