Baukunst - Villa Beer Wien öffnet 2026: Josef Franks Schlüsselwerk der Wiener Moderne erstmals öffentlich zugänglich
Villa Beer © Hertha Hurnaus 2026_21

Villa Beer Wien öffnet 2026: Josef Franks Schlüsselwerk der Wiener Moderne erstmals öffentlich zugänglich

25.02.2026
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Claudia Grimm

Ein Haus, das Architekturgeschichte schrieb

Was ist modern? Diese Frage stellte Josef Frank im Jahr 1930 auf der Werkbund-Tagung in Wien, mit jenem charakteristischen Mix aus Ernsthaftigkeit und Polemik, den seine Zeitgenossen fuerchteten und liebten. Zwei Monate spaeter bezog die Familie Beer ihr neues Haus in der Wenzgasse 12 im Hietzinger Villenviertel. Heute, fast ein Jahrhundert danach, oeffnet dieses Haus erstmals seine Tueren fuer die Oeffentlichkeit. Am 8. Maerz 2026 beginnt mit einem Open House ein neues Kapitel in der Geschichte der Villa Beer.

Das Wohnhaus, das Josef Frank und Oskar Wlach in den Jahren 1929 und 1930 fuer Julius und Margarete Beer entwarfen, gilt als Schluessselwerk der zweiten Wiener Moderne. Friedrich Achleitner nannte es schlicht „das wohl bedeutendste Beispiel Wiener Wohnkultur der Zwischenkriegszeit“. Der Architekturtheoretiker Christian Kühn hielt seine Bedeutung fuer kaum ueberschaetzbar. International steht die Villa Beer in einer Reihe mit der Villa Tugendhat von Ludwig Mies van der Rohe in Brünn und der Villa Savoye von Le Corbusier in Poissy, wobei diese beiden bereits in den 1960er Jahren unter Denkmalschutz gestellt wurden. Die Villa Beer musste bis 1987 warten.

Eine andere Moderne

Wer die Villa Beer zum ersten Mal betritt, versteht sofort, warum das Haus eine Sonderstellung in der Architekturgeschichte einnimmt. Frank und Wlach gaben die strenge Logik des klassischen Grundrisses zugunsten eines offenen, dreidimensional gedachten Raumgefüges auf. Die Raeume folgen keiner orthogonalem Rasterdisziplin, sie fliessen ineinander, erzeugen Spannung durch wechselnde Hoehen und Blickbeziehungen, laden zur Bewegung ein. In seinem Essay „Das Haus als Weg und Platz“ von 1930 beschrieb Frank dieses Prinzip als spielerisches Zusammenspiel, als Architektur fuer das gelebte Leben.

Draussen setzt sich diese innere Freiheit in einer asymmetrischen, differenzierten Fassadengestaltung fort. Keller, Dachgeschoss, Terrassen und Balkone erweitern das Wohnkonzept ins Freie. Natur war fuer Frank kein Dekor, sondern integraler Bestandteil der gestalterischen Idee des Hauses. Auch die Innenausstattung, Moesbel, Stoffe, Vorhaenge, stammte aus der gemeinsamen Firma Haus und Garten, die Frank und Wlach 1925 gegründet hatten. Diese Gesamtkonzeption macht die Villa Beer zu mehr als einem Baudenkmal: Sie ist ein gebautes Manifest einer anderen, menschlicheren Moderne.

Zehn Millionen Euro fuer ein Stueck Wien

Nach Jahren des Leerstands und mehrfacher Umbauphasen erwarb die Villa Beer Foundation gemeinnuetzige GmbH unter der Leitung von Lothar Trierenberg das Haus im Jahr 2021 fuer fuenf Millionen Euro. Was folgte, war eine der aufwaendigsten Restaurierungen im oesterreichischen Denkmalschutz der juengsten Zeit. Die Gesamtkosten der Sanierung belaufen sich auf rund zehn Millionen Euro, davon trug die Stadt Wien 500.000 Euro aus dem Altstadterhaltungsfonds sowie weitere 200.000 Euro fuer den Betrieb. Das Bundesdenkmalamt steuerte rund 200.000 Euro bei.

Sanierungszeitraum und Baubeginn lagen zwischen Maerz 2022 und Dezember 2025. Unter der Projektleitung von Architekt Christian Prasser (cparchitektur) und nach restauratorischen Voruntersuchungen durch Alexandra Sagmeister wurden die Bereiche vom Erdgeschoss bis zum ersten Obergeschoss in ihrer urspruenglichen Raumabfolge wiederhergestellt. Spaeter eingefuegte Fenster wurden geschlossen, nachtraeglich eingezogene Waende entfernt. Das Ergebnis ist ein Haus, das sich wieder so anfuehlt wie gedacht. Achleitners Urteil von 2010 gilt noch immer: „Das Haus stellt in seiner Gesamtkonzeption eine Meisterleistung in den Beziehungen von Regel und Freiheit dar.“

Ein besonderer technischer Kunstgriff verdient Erwaehnung: Da denkmalpflegerische Vorgaben den Erhalt des Originalputzes verlangten, war eine wesentliche Verbesserung der thermischen Gebaudehuell nicht moeglich. Dennoch gelang es, das originale Heizsystem durch 15 Tiefenbohrungen und zwei Waermepumpen auf Geothermie und Photovoltaik umzustellen. Auch die originale Verrohrung der Elektroleitungen blieb durch Niedervoltleitungen nutzbar. Historische Substanz und zeitgemaesse Technologie schliessen sich hier nicht aus.

Leerraum als Haltung

Auf eine Rekonstruktion der verlorenen Moesbel wurde bewusst verzichtet. Dieser Entscheid, der manchen Besucherinnen und Besuchern vielleicht zunaechst befremdlich erscheinen mag, ist architektonisch wie ethisch konsequent. Die Leerstellen erlauben die Auseinandersetzung mit dem, was einmal war und nicht mehr ist. „Das Haus soll in Zukunft mit Leben gefuellt werden und die Gedanken der Moderne, wie sie Josef Frank verstanden hat, in die Gegenwart tragen“, erklaert Trierenberg. Die erhaltenen Einbaumoebel, Fussboeden, Kamine, Scherengitter, der Speiseaufzug und die Radiatoren wurden restauriert und, wo noetig, mit hohem handwerklichem und historischem Anspruch nachgefertigt, teilweise unter Einbeziehung der urspruenglich ausfuehrenden Betriebe.

Der Garten erzaehlt eine aehnliche Geschichte von Verlust und Kontinuitaet. Das Landschaftsarchitekturbuero Auboeck und Kaerasz unter Maria Auboeck konzipierte ihn so, dass er die urspruengliche Beziehung zwischen Haus und Garten sichtbar macht. Spiegelpanele im Gartenzaun verweisen darauf, dass das Grundstueck einmal doppelt so gross war. Zwei neu gepflanzte, rund 60-jaehrige Robinien ersetzen die Originalbaeume, die einem Pilzbefall zum Opfer fielen.

Geschichte, die man nicht ignorieren kann

Die Villa Beer ist kein neutrales Baudenkmal. Ihre Geschichte ist untrennbar mit dem Schicksal der juedischen Bauherrnfamilie Beer verbunden. Das Glueck der Familie in ihrem neuen Haus endete kurz nach der Fertigstellung: Julius Beer verlor Anfang der 1930er Jahre seine Stellung und seine Firmenanteile. Die Familie musste das Haus ab 1932 vermieten, um die Kreditraten zu bedienen. Zu den prominenten Mietern jener Jahre zaehlten der Tenor Richard Tauber, Jan Kiepura, Martha Eggerth und deren Sekretaer Marcel Prawy.

Nach dem Anschluss Oesterreichs an das nationalsozialistische Deutschland im Jahr 1938 wurde die Familie Beer auseinandergerissen. Waehrend einzelnen Familienangehoerigen die Flucht ins Exil gelang, wurde Tochter Elisabeth Beer 1940 deportiert und 1941 in Maly Trostinez ermordet. Josef Frank emigrierte bereits 1934 mit seiner Frau nach Schweden, wo er fuer Svenskt Tenn arbeitete. Oskar Wlach musste 1938 nach Amerika fliehen, ohne je wieder an seine Wiener Erfolge anknuepfen zu koennen. Das Fuehrungsprogramm der Villa Beer widmet sich diesem zeitgeschichtlichen Kontext ausdruecklich, ein zentraler Bestandteil befasst sich mit dem juedischen Leben in Hietzing vor 1938.

Ein lebendiger Ort, kein Hausmuseum

Ab dem 8. Maerz 2026 ist die Villa Beer als lebendiger Ort der Begegnung zugaenglich: geuehrte Runsgaenge von Mittwoch bis Sonntag, Zeitfensterkarten fuer eigenstaendige Besuche an Wochenenden, Themenführungen zur Restaurierung, zum Moesbel- und Stoffdesign Josef Franks sowie zum gesellschaftlichen Leben in der Villa. „Beruehren erlaubt!“, lautet die Devise des Hausherrn. Dieser Satz mag zunachst nach Provokation klingen, ist in Wirklichkeit das Beste, was einem Architektur-Denkmal passieren kann.

Das Dachgeschoss wurde zu einem neuen Wohnbereich mit drei Gastezimmern, Küche und Bad umgebaut. Die Raeume sind mit Textilien und Moebeln nach Entwuerfen von Josef Frank ausgestattet, die bis heute vom schwedischen Hersteller Svenskt Tenn gefertigt werden. Die Guestezimmer stehen primaer fuer das Artist- und Research-in-Residence-Programm zur Verfuegung, sind aber nach Verfuegbarkeit auch buchbar (Doppelzimmer 350 bis 450 Euro pro Nacht). Ab Herbst 2026 folgen Schulprogramme, Workshops, ein jaehrliches Symposium und eine eigene Publikationsreihe. Ein Archiv mit dem Werkkonvolut aus dem Nachlass von Johannes Spalt bildet den wissenschaftlichen Kern.

Ob die Villa Beer dereinst wirklich in einem Atemzug mit der Villa Tugendhat oder der Villa Savoye genannt werden wird, haengt weniger von ihrer architektonischen Qualitaet ab, die ausser Frage steht, als von der Konsequenz, mit der sie als Ort der Vermittlung geführt wird. Die Voraussetzungen jedenfalls sind so gut wie seit fast einem Jahrhundert nicht mehr.