
Die Kunsthalle Schweinfurt als Bühne der Familie Sachs
Ein industrielles Erbe wird zur kulturellen Visitenkarte
Die Kunsthalle Schweinfurt verkörpert wie kaum ein anderes Gebäude in der unterfränkischen Industriestadt die Transformation vom funktionalen Zweckbau zum kulturellen Leuchtturm. Was 1927 als Ernst-Sachs-Bad eröffnet wurde, präsentiert sich heute als moderne Kunsthalle – und wird erneut zum Schauplatz der Familiengeschichte Sachs. Mit der Ausstellung „Rolf Sachs: be-rühren“ kehrt die Industriellendynastie an ihren architektonischen Ursprungsort zurück.
Schwimmhalle wird Kunsthalle: Eine architektonische Metamorphose
Der Umbau des Ernst-Sachs-Bads zur Kunsthalle gehört zu den bemerkenswerten Konversionsprojekten der jüngeren bayerischen Museumsarchitektur. Die ursprüngliche Hallenstruktur mit ihrer charakteristischen Weiträumigkeit bot ideale Voraussetzungen für die neue Nutzung. Wo einst das 50-Meter-Becken seine Bahnen zog, erstrecken sich heute großzügige Ausstellungsflächen. Die hohen Decken, einst akustische Herausforderung für jeden Bademeister und jede Bademeisterin, schaffen heute die nötige Raumhöhe für monumentale Kunstwerke.
Die Architektur des ursprünglichen Bads folgte der Reformbewegung der 1920er Jahre: funktional, hygienisch, modern. Diese Prinzipien ließen sich erstaunlich gut in die Gegenwart übersetzen. Die klare Raumaufteilung, die sachliche Formensprache und die strukturierte Wegeführung funktionieren als White Cube ebenso gut wie als Schwimmhalle. Die Transformationsarchitekten bewahrten bewusst Spuren der Vergangenheit: Fliesenfragmente, Umkleidekabinen-Strukturen oder die charakteristischen Oberlichter wurden in das neue Konzept integriert.
Industriekultur trifft Gegenwartskunst
Schweinfurt, die Stadt der Kugellager und Fahrradnaben, hat mit der Kunsthalle einen architektonischen Brückenschlag zwischen industriellem Erbe und zeitgenössischer Kultur gewagt. Ernst Sachs, Erfinder des Fahrrad-Freilaufs und Gründer von Fichtel & Sachs, hätte diese Entwicklung vermutlich mit wohlwollender Skepsis betrachtet. Sein Geschenk an die Stadt – das Hallenbad zum 60. Geburtstag 1927 – war Ausdruck paternalistischer Industriellenverantwortung und gleichzeitig Monument des technischen Fortschritts.
Die heutige Kunsthalle ehrt dieses Erbe durch eine sensible architektonische Übersetzung. Die industrielle DNA des Gebäudes bleibt lesbar: Die konstruktive Ehrlichkeit der Stahlbetonkonstruktion, die pragmatische Materialwahl und die effiziente Raumausnutzung sprechen die Sprache der Moderne. Gleichzeitig öffnet sich der Raum für die spielerisch-kritischen Interventionen eines Rolf Sachs, der mit seinem multidisziplinären Werk zwischen Design, Fotografie und Skulptur genau jene Grenzen überschreitet, die sein Urgroßvater noch klar definiert sah.
Regionale Baukultur im Wandel
Der Fall der Kunsthalle Schweinfurt illustriert exemplarisch die Herausforderungen mittelfränkischer Städte im Umgang mit ihrem baulichen Erbe. Die Entscheidung, das Schwimmbad nicht abzureißen, sondern umzunutzen, folgt einem in Bayern zunehmend praktizierten Modell der behutsamen Stadterneuerung. Anders als in den Metropolregionen München oder Nürnberg musste Schweinfurt dabei eigene Wege finden: Ohne die finanziellen Möglichkeiten einer Landeshauptstadt, aber mit dem unbedingten Willen zur kulturellen Profilierung.
Die Bayerische Landesbauordnung bot dabei durchaus Spielräume für die Umnutzung. Brandschutz- und Fluchtwegkonzepte mussten neu gedacht, barrierefreie Erschließungen nachgerüstet werden. Die lokalen Planerinnen und Planer bewiesen dabei Fingerspitzengefühl: Statt maximaler Verdichtung setzten sie auf großzügige Raumfolgen, statt spektakulärer Gesten auf zurückhaltende Eleganz.
Familienchronik in Beton
Mit der Ausstellung „Rolf Sachs: be-rühren“ schließt sich ein Kreis. 2013 zeigte die Kunsthalle bereits die Sammlung Gunter Sachs – Rolf Sachs‘ Vater und Sohn des Firmengründers. Nun präsentiert der Enkel sein eigenes künstlerisches Werk in jenem Gebäude, das der Urgroßvater der Stadt schenkte. Diese generationenübergreifende Kontinuität ist in der deutschen Museumslandschaft selten geworden.
Rolf Sachs‘ Werk „Angst“ – eine hölzerne Schraubzwinge, die verschiedene Objekte unter Druck zusammenpresst – könnte als Metapher für die architektonische Transformation gelesen werden: Der Druck ökonomischer Zwänge, demografischer Wandel und kultureller Anspruchshaltungen haben das Gebäude in seine neue Form gepresst. Doch anders als in Sachs‘ beklemmender Installation hat dieser Druck etwas Produktives hervorgebracht.
Architektur als sozialer Kondensator
Die Kunsthalle Schweinfurt funktioniert heute als das, was Stadtplaner und Stadtplanerinnen einen „sozialen Kondensator“ nennen: Ein Ort, an dem sich unterschiedliche Milieus begegnen. Die Arbeiterschaft der verbliebenen Industrie trifft auf das Bildungsbürgertum, Schulklassen auf Kunsttouristen aus Würzburg oder Bamberg. Die Architektur unterstützt diese Begegnungen durch ihre demokratische Offenheit: Keine einschüchternden Tempelportale, keine elitären Schwellenängste.
Die räumliche Großzügigkeit des ehemaligen Schwimmbads ermöglicht es, auch Rolf Sachs‘ raumgreifende Installationen angemessen zu präsentieren. Seine „Camera in Motion“-Serie, entstanden aus fahrenden Zügen heraus, findet in den langgestreckten Galerien den nötigen Betrachtungsabstand. Der halbierte Stuhl „Koln, Half Chair“ lehnt an Wänden, die einst Umkleidekabinen trugen.
Ein Modell für Mittelstädte?
Die Schweinfurter Lösung könnte Modellcharakter für andere bayerische Mittelstädte entwickeln. Aschaffenburg, Kempten oder Straubing stehen vor ähnlichen Herausforderungen: Wie lassen sich Schwimmbäder, Turnhallen oder Markthallen der Nachkriegszeit sinnvoll weiternutzen? Die Kunsthalle zeigt: Es braucht Mut zur Transformation, aber auch Respekt vor dem Bestand. Es braucht lokale Akteure mit Vision, aber auch überregionale Vernetzung.
Die Finanzierung solcher Projekte bleibt freilich die Achillesferse. Ohne die Unterstützung durch Stiftungen, Fördervereine und private Mäzene wäre auch die Schweinfurter Transformation nicht möglich gewesen. Hier zeigt sich die Ambivalenz des deutschen Kulturföderlismus: Einerseits ermöglicht er regional angepasste Lösungen, andererseits fehlt oft die kritische Masse für nachhaltige Kulturfinanzierung.
Ausblick: Industriekultur als Chance
Die Ausstellung „Rolf Sachs: be-rühren“ läuft noch bis zum 5. Oktober 2025. Sie markiert einen Höhepunkt in der noch jungen Geschichte der Kunsthalle, aber hoffentlich nicht ihren Zenit. Die architektonische Hülle hat bewiesen, dass sie flexibel genug für unterschiedlichste kuratorische Konzepte ist. Von der klassischen Moderne der Sammlung Gunter Sachs bis zur zeitgenössischen Konzeptkunst seines Sohnes – der Raum trägt beides.
Für Schweinfurt bedeutet die gelungene Transformation eine Stärkung der städtischen Identität jenseits der Industrie. Die Kunsthalle ist zum Kristallisationspunkt einer neuen Erzählung geworden: Eine Stadt, die ihre industrielle Vergangenheit nicht verleugnet, sondern kulturell veredelt. Eine Stadt, in der die Familie Sachs nicht nur Fahrradnaben produzierte, sondern drei Generationen lang Kultur förderte und gestaltete.
Die Architektur der Kunsthalle steht damit symbolisch für einen größeren Transformationsprozess: Aus der Industriestadt wird eine Kulturstadt – nicht durch Verdrängung, sondern durch intelligente Überlagerung. Das Ernst-Sachs-Bad mag seine Funktion verloren haben, als Kunsthalle aber hat es eine neue Bestimmung gefunden. Wie Rolf Sachs‘ durchlöcherte Schaufel „Sisyphos“ hat auch das Gebäude seine ursprüngliche Funktion eingebüßt – und gerade dadurch künstlerische Relevanz gewonnen.
Besucherhinweis
„Rolf Sachs: be-rühren“ Kunsthalle Schweinfurt Laufzeit: 18. Juli bis 5. Oktober 2025
Die Ausstellung zeigt über 150 Werke des Künstlers und Designers Rolf Sachs aus drei Jahrzehnten seines Schaffens – von Möbeln über Fotografien und Skulpturen bis zu aktuellen Malereien. Begleitend zur Ausstellung ist eine umfassende Monographie im Distanz Verlag, Berlin, erschienen.
Architektur-Tipp: Nehmen Sie sich Zeit, auch die baulichen Spuren der Transformation vom Ernst-Sachs-Bad zur Kunsthalle zu entdecken. Achten Sie auf erhaltene Fliesenfragmente, die charakteristischen Oberlichter und die großzügige Raumstruktur der ehemaligen Schwimmhalle. Ein Rundgang durch das Gebäude ist auch eine Reise durch 100 Jahre Schweinfurter Industriegeschichte.
Anreise: Schweinfurt ist verkehrsgünstig gelegen und sowohl mit dem Auto (A70/A71) als auch mit der Bahn (ICE-Halt Würzburg, dann Regionalverbindung) gut erreichbar. Die Kunsthalle liegt zentrumsnah mit Parkmöglichkeiten in der Umgebung.
Aktuelle Öffnungszeiten, Eintrittspreise und Führungstermine sowie Informationen zum Begleitprogramm finden Sie auf der Website der Kunsthalle Schweinfurt. Für Architekturinteressierte werden auf Anfrage auch spezielle Führungen zur Gebäudegeschichte und Transformation angeboten.
Kombinationstipp: Verbinden Sie Ihren Besuch mit einem Rundgang durch Schweinfurts Industriearchitektur – das Museum Georg Schäfer (Architekt: Volker Staab) und weitere Zeugnisse der Industriekultur sind fußläufig erreichbar.

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