
Red Bulls Mega Abfüllanlage in Brandenburg offenbart die Widersprüche zwischen Industrieansiedlung und Ressourcenschutz
In Baruth/Mark, einem Städtchen mit knapp 4.000 Einwohnerinnen und Einwohnern südlich von Berlin, entsteht derzeit ein Industriekomplex, der die grundsätzlichen Fragen unserer Zeit verdichtet: Wie viel wirtschaftliches Wachstum verträgt eine Region, deren wichtigste Ressource schwindet? Der österreichische Getränkekonzern Red Bull plant gemeinsam mit seinen Partnern Rauch und Ball Corporation den Ausbau eines Produktionsstandorts für mehr als drei Milliarden Getränkedosen jährlich. Die Investitionen bewegen sich im dreistelligen Millionenbereich, bis zu 350 neue Arbeitsplätze sollen entstehen. Doch die Bürgerinitiative Ressourcenbündnis Baruth und Umweltverbände wie der BUND schlagen Alarm.
Das Erbe der Brandenburger Urstromquelle
Die Geschichte beginnt mit einer Übernahme. 2023 kauften Red Bull und der österreichische Fruchtsafthersteller Rauch die Brandenburger Urstromquelle, die seit der Wende im Industriepark Bernhardsmüh Mineralwasser abfüllte. Mit dem Unternehmen erwarben sie auch die wasserrechtliche Erlaubnis: Bis zu 2,55 Millionen Kubikmeter Grundwasser darf die Stadt Baruth jährlich fördern, davon stehen der Getränkeindustrie rund 92 Prozent zu. Das Gutachten, auf dem diese Genehmigung basiert, stammt aus dem Jahr 2006.
Hier liegt der erste Knackpunkt. Brandenburg zählt zu den trockensten Flächenländern Deutschlands. Der Winter 2024/25 war der niederschlagsärmste seit Beginn der Aufzeichnungen. Hydrologinnen und Hydrologen der Universität Potsdam konstatierten einen Rückgang der Grundwasserneubildung um 40 Prozent seit 1980. Eine Messstelle in Baruth dokumentiert seit 1991 ein Absinken des Grundwasserspiegels um 2,6 Zentimeter pro Jahr, das ergibt in drei Jahrzehnten fast 80 Zentimeter. Die Umweltorganisation BUND stellte für 15 von 18 brandenburgischen Landkreisen eine Übernutzung des Grundwassers fest, darunter auch Teltow Fläming, in dem Baruth liegt.
Architektur der Intransparenz
Aus städtebaulicher Perspektive wirft das Vorhaben grundlegende Fragen auf. Für die geplante Dosenfabrik der Ball Corporation sollen 17 Hektar Kiefernforst weichen, teilweise in einem Wasserschutzgebiet. Der Bebauungsplan für die Erweiterung des 170 Hektar großen Industrieparks wurde im Februar 2025 genehmigt. Kritische Stimmen bemängeln eine Salamitaktik bei den Genehmigungsverfahren: Während der Bebauungsplan bereits steht, fehlt eine Genehmigung zur Ausweitung der Grundwasserförderung noch immer.
Martin Pusch vom Leibniz Institut für Gewässerökologie in Berlin bezeichnet diese Trennung als große Schwachstelle des deutschen Umweltrechts. Die Radelandsiedlung östlich des Industrieparks, ein gewachsenes Wochenendhausgebiet seit 1920, kämpft seit Jahren um Berücksichtigung im Planungsprozess. Die Verträge zwischen der Stadt und den Getränkeunternehmen bleiben unter Verschluss. Bürgermeister Peter Ilk verweist auf privatrechtliche Vereinbarungen und Geschäftsgeheimnisse. Eine Klage auf Einsicht nach dem Umweltinformationsgesetz ist beim Verwaltungsgericht Potsdam anhängig.
Der Vergleich mit Tesla
Die Parallelen zum nur 40 Kilometer entfernten Grünheide sind offensichtlich. Auch dort kämpfte eine Bürgerinitiative gegen die Wasserentnahme durch einen Großkonzern, auch dort wurden Protestcamps errichtet und Medienaufmerksamkeit generiert. Tesla hat eine Genehmigung für 1,8 Millionen Kubikmeter Grundwasser jährlich, verbraucht aber deutlich weniger und hat sich zu Abwasserrecycling verpflichtet. In Baruth liegt die genehmigte Entnahmemenge für die Industrie bei 2,47 Millionen Kubikmetern, also deutlich höher.
Der städtische Wasserversorger Wabau und die Projektkoordinatoren von Red Bull betonen, man werde mit 5.500 bis 6.000 Kubikmetern täglich die genehmigten Mengen nicht ausschöpfen. Eine neue Kläranlage soll zusätzlich für Entlastung sorgen: Im Dosenwerk und bei anderen Unternehmen im Industriepark könnten täglich bis zu 2.000 Kubikmeter geklärtes Wasser zum Einsatz kommen. Die Investitionskosten von mehr als 20 Millionen Euro teilen sich die Unternehmen und die Stadt.
Regionale Baukultur unter Druck
Die Frage, die sich in Baruth stellt, reicht weit über den Einzelfall hinaus. Brandenburgs Landesregierung hat in der vergangenen Legislaturperiode ein Gesamtkonzept zur Anpassung an den Klimawandel im Politikfeld Wasser vorgelegt. Ein neues Wassergesetz ist angekündigt, die Koalition aus SPD und BSW will nachliefern. Umweltministerin Hanka Mittelstädt betont, die Monitoringdaten zeigten keine Übernutzung der erneuerbaren Grundwasservorräte in Baruth.
Die Bürgerinitiative sieht das anders und fordert ein unabhängiges hydrogeologisches Gutachten. Die Online Petition mit dem Titel Unser Wasser gehört uns haben fast 28.000 Menschen unterzeichnet. Red Bull hat bereits Erfahrungen mit bürgerschaftlichem Widerstand: Im österreichischen Ludesch scheiterte 2019 eine geplante Werkserweiterung nach einer Volksabstimmung. Der Konzern machte sich auf die Suche nach einem neuen Standort und wurde in Baruth fündig.
Ein Lehrstück für die Planungskultur
Frank Zierath, Werkleiter des städtischen Wasserbetriebs Wabau, gibt sich gelassen: Das Urstromtal verfüge über ein unterirdisches Meer, man fördere aus mehr als hundert Metern Tiefe, wo keine Kiefer mehr wurzele. Wenn der Grundwasserspiegel in 30 Jahren um 50 Zentimeter sinke, bleibe er entspannt. Die Kritik komme vor allem von außerhalb, in Baruth sei die Mehrheit froh über die Arbeitsplätze.
Diese Haltung offenbart das grundlegende Dilemma regionaler Wirtschaftsförderung in Zeiten des Klimawandels. Die Stadtverordnetenversammlung hat den Verträgen mit großer Mehrheit zugestimmt, sie regeln die Wasserversorgung für 25 Jahre. Red Bull und Rauch werden aufgrund der hohen Investitionen auf Jahre keine Gewerbesteuer zahlen. Die Gegenleistung sind Arbeitsplätze und, so die Hoffnung, wirtschaftliche Belebung einer strukturschwachen Region.
Baruth steht damit exemplarisch für die Frage, wie Kommunen den Spagat zwischen Ansiedlungspolitik und Ressourcenschutz bewältigen können. Die Transparenz bei den Vertragsverhandlungen, die frühzeitige Beteiligung der Bürgerschaft, die Aktualität der zugrundeliegenden Gutachten: all das sind Stellschrauben, an denen sich zeigt, ob regionale Planungskultur den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen ist. Im Industriepark Bernhardsmüh prangt übrigens nicht das Logo der roten Bullen auf den Gebäuden, sondern der rote Apfel des Fruchtsaftherstellers Rauch. Vielleicht ist das ja ein Zeichen dafür, dass hinter den großen Markennamen oft komplexere Strukturen stecken, als der erste Blick vermuten lässt.

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