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4000 Quadratmeter polierter rostfreier Stahl, verspricht Haltbarkeit. - Symbolische Visualisierung zur inhaltlichen Kontextualisierung.

Wie ein chinesischer Stararchitekt Europas Migrationsgeschichte in Luxus-Stahl neu erfunden

24.11.2025
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Chet Becker

TORNADO ÜBER DEM HAFEN: MAD Architects erzählt Migration

Rotterdam braucht seit jeher keine dezenten Gesten. Die Stadt an der Maas führt ihre Geschichte nicht hinter Lagerdebatten auf, sondern schreibt sie in Stahl und Beton an die Fassaden ihrer Hafen-Landschaft. Mit dem Fenix Museum setzen nun die chinesischen Architekten von MAD einem Ort, an dem Millionen ihre Reise in die Neue Welt antraten, ein neues Monument hin. Doch die Frage lautet nicht, ob dieses Monument gelungen ist, sondern zu welchem Preis die ästhetische Raffinesse erkauft wird.

Das Erbe der Maas: Ein Hafen erzählt

Die historische Dimension des Projektstandorts wird in den richtigen Kontext gerückt, wenn man sich vor Augen führt, dass die Katendrecht-Halbinsel tatsächlich jener Ort war, von dem aus die Holland-Amerika-Linie Millionen von Emigrantinnen und Emigranten in ihr Schicksal beförderte. Das Fenix-Warehouse, 1923 erbaut als Teil des weltgrößten Umschlaglagers, dokumentierte nicht nur die Warenbewegung, sondern die menschliche Zirkulation zwischen Kontinenten. Einstein schiffte sich hier ein. Tausende osteuropäische Juden flohen vor der Nazi-Verfolgung über diese Kais. Albert Beckmann, der später expressionistische Künstler, verließ von hier aus sein altes Leben.

Dieses Warehouse überlebte die deutschen Luftangriffe vom 14. Mai 1940 zunächst, wurde dann Opfer eines Feuers nach Kriegsende. Aus seiner Asche entstanden die symbolisch aufgeladenen Namen Fenix I und Fenix II, die nicht weniger als Auferstehung verkündeten. Es handelt sich um ein Gebäude, das Schichten von Geschichte trägt wie Sedimente einer archäologischen Stätte. Das ist die Last und der Reichtum zugleich, mit dem die chinesischen Architekten Ma Yansong und sein Team arbeiteten.

Architektur als Spektakel: Die Ambiguität des Tornado

Der Tornado heißt diese neue Staircase Sculpture, die von den 297 polierten Edelstahlplatten gebildet wird und sich dreißig Meter über das historische Gebäude erhebt. Die Rampe hat eine Länge von 550 Metern. Sie schraubt sich nach oben, wie ein naturwissenschaftliches Phänomen, das die Bewegungen der Migration sichtbar macht. Die Aussichtsplattform oben verspricht Panoramablick über Rotterdam und die Maas.

Hier liegt die erste kritische Beobachtung: Diese Treppenskulptur ist von einer beeindruckenden technischen Perfektion. EGM Architects und Bureau Polderman haben bei der Restaurierung und Ausführung handwerkliche Meisterschaft bewiesen. Das Material selbst, polierter Edelstahl, reflektiert die Umgebung, absorbiert Licht, wird zum Spiegel, der die Geschichte nicht nur erzählt, sondern verflüssigt. Es ist Architektur als Schauspiel, als mediale Oberfläche.

Darin liegt aber auch die zweite kritische Beobachtung: Das emotionale Potenzial des Ortes wird in ästhetische Raffinesse übersetzt. Ma Yansong spricht selbst davon, dass er an die Migrantenströme aus 170 Nationen dachte, als er diese Form entwarf. Doch was bedeutet es, Flucht, Hoffnung, Verzweiflung und Aufbruch in poliertes Metall zu verwandeln? Die Tornado-Form, das spiralförmige Aufstieg-Motiv, funktioniert zu sehr als gelungenes Designobjekt, als dass sie noch auf die raue Wirklichkeit von Menschenbewegung hindeuten könnte. Das ist nicht Kritik an der Schönheit als solcher, sondern an der Gefahr, dass ästhetische Eloquenz die schwierigeren Fragen überlagert.

Shanshui City in Rotterdam: Östliche Philosophie trifft europäische Hafengeschichte

Ma Yansongs Designphilosophie der Shanshui City, inspiriert von klassischer chinesischer Landschaftsmalerei, zielt auf eine Wiederherstellung emotionaler Verbindung zwischen Mensch, Umgebung und Natur ab. Sie steht in explizitem Widerspruch zur rationalistischen Moderne mit ihren Gittern und ihrer Alienation. An diesem Punkt wird die Arbeit interessant, denn Rotterdam benötigt diese kritische Haltung gegenüber der Moderne.

Dennoch zeigt sich eine kulturelle Spannung: Die ostasiatische Philosophie des Bergwasser-Prinzips, die in MADs Entwürfen die organischen Kurven, die fließenden Linien hervorbringt, wird hier in einen europäischen Industriehafen transplantiert, dessen Geschichtslast sich nicht ohne weiteres in östliche Ästhetik übersetzen lässt. Ma Yansong ist Chinas erster Architekt, der ein europäisches Kulturgebäude entwarf. Diese Konstellation verdient Aufmerksamkeit, denn sie ist nicht neutral. Sie ist Teil einer globalen Kultur-Politik, in der chinesische Designkompetenz europäische Institutionen formt.

Das ist kein Vorwurf. Es ist aber eine Realität, die man nicht unter der Oberfläche des glänzenden Edelstahls vergessen sollte.

Das Erdgeschoss als verlorene Gelegenheit

Im Innern des Fenix zeigt sich eine weitere Ambiguität. Die chinesischen Architekten haben die verschlossenen Außenwände für geschosshohe Verglasungen aufgebrochen. Sie inszenierten das Erdgeschoss als städtischen Platz (Plein), als öffentlichen Raum, der unmittelbar zum Straßenraum führt. Damit folgen sie einer Rotterdamer Tradition des öffentlichen Erlebens.

Doch in dieser weiten, lichten, spröden Halle steht nun die Tornado-Skulptur im Zentrum. Sie wird zum Ereignis, zum Magnet für die Besucherinnen und Besucher. Die Museumsdirektorin Anne Kremers und ihr Team haben beschlossen, die Räume luftig zu bespielen. Im Erdgeschoss ein Kofferlabyrinth, für das Migranten aus der ganzen Welt ihre Koffer zur Verfügung stellten. Das ist Partizipation. Das ist Ästhetik, die auf Gesellschaftliches reagiert.

Doch ob diese diskrete Kuratorenarbeit gegen die monumentale Präsenz des Tornado ankommt, bleibt fragwürdig. Die architektonische Geste überschattet die menschlichen Gegenstände. Die polierte Oberfläche ist überzeugend dort, wo die grauen Betonwände und die industriellen Fenster noch zu sehen sind, wo die Geschichte des Ortes noch unmittelbar wirkt. Je näher man zum Tornado tritt, desto mehr werden sowohl die neuen als auch die alten Architekturenerzählungen zu Hintergrund für das Schauspiel.

Nachhaltige Schönheit und die Frage nach Dauerhaftigkeit

Das Material des Tornado, 4000 Quadratmeter polierter rostfreier Stahl, verspricht Haltbarkeit. Es wird nicht rosten, nicht grün anlaufen wie Bronze, nicht vergrauen wie Holz. Dies ist Architektur, die sich selbst präserviert, die keine Patina zulässt, keine Altersgerechte Vergänglichkeit. Das ist ambivalent: einerseits Geständnis zur Dauerhaftigkeit, andererseits Weigerung, mit der Zeit zu altern.

Die Frage einer nachhaltigen Ästhetik stellt sich hier anders als in den üblichen Debatten. Es geht nicht nur um Material-Effizienz oder CO2-Bilanzen. Es geht um die Frage, ob eine Architektur, die sich selbst wie ein Kunstobjekt konserviert, wirklich mit der Geschichte des Ortes im Dialog steht, die, wie jede Geschichte, markiert ist durch Verfall, Verlust und Transformation. Das Fenix-Warehouse sollte seine Brandnarben zeigen, nicht nur seine neuen Spiegelflächen.

Fazit: Gelungene Form und offene Fragen

Die Fenix Museum ist ein Erfolg als Architektur-Spektakel. MAD Architects haben eine neue Ikone für Rotterdam geschaffen, die bereits Besucher in großer Zahl anzieht. Die Kuratorenarbeit unter Anne Kremers verspricht eine nuanciertere Auseinandersetzung mit Migration als nur ästhetische Oberfläche. Ma Yansongs Vision eines emotionalen, auf Natur abgestimmten Raumes hat sich baulich manifestiert.

Doch die kritische Frage bleibt: Ist diese emotionale Erfahrung, die der Tornado vermittelt, dem Thema eigentlich angemessen? Oder wird hier ein zeitgenössisches, prekäres Phänomen wie Migration in eine formale Eleganz übersetzt, die eher beruhigt als verstört, die eher bewundert als befragt? Diese Spannung ist nicht Fehler des Entwurfs, sondern seine wahrscheinlich tiefste Qualität: dass es sich des Problems bewusst bleibt, auch wenn die Lösung glänzend ausfällt.

Das Fenix Museum ist gelungene Architektur in zeitgenössischen Sinn: es ist widerspruchsvoll, bewusst, technisch virtuos, und es hinterlässt mehr Fragen als Antworten. Das ist sein Wert.