
baukunst.art |  REGIONALES | Ruhr | April 2026
Gottesdienst ohne Gott: Wie die Manifesta 16 Ruhr die Kirchen des Ruhrgebiets besetzt
Am 25. März hat die Manifesta 16 Ruhr die vollständige Teilnehmendenliste bekanntgegeben. Der Parcours durch zwölf ehemalige Nachkriegskirchen in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen rückt ein oft vergessenes Kapitel der Ruhrgebietsmoderne ins Zentrum.
Die Manifesta 16 Ruhr ist die 16. Ausgabe der europäischen Wanderbiennale für zeitgenössische Kunst und findet vom 21. Juni bis 4. Oktober 2026 in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen statt. Am 25. März 2026 hat das Team der Biennale in der St. Josef Kirche in Gelsenkirchen-Ückendorf die vollständige Liste der Teilnehmenden bekanntgegeben: 106 Künstlerinnen, Künstler und Kollektive aus 30 Ländern, darunter 64 neue Auftragsarbeiten, die eigens für zwölf ausgewählte Nachkriegskirchen im Ruhrgebiet entwickelt werden.
Das Motto „This is not a Church“ formuliert dabei weniger eine künstlerische Pose als eine bauliche Ausgangsfrage. Unter der Leitung des katalanischen Architekten und Stadtplaners Josep Bohigas und der Manifesta-Direktorin Hedwig Fijen hat ein siebenköpfiges Kuratorinnen- und Kuratorenteam nach zweijähriger Recherche und dem Besuch von rund 200 Kirchen zwölf Veranstaltungsorte festgelegt, die gemeinsam den Parcours der Biennale bilden.
Die Auswahl trifft einen Nerv der bundesdeutschen Baukultur. Nach Einschätzung der International Foundation Manifesta (IFM) werden in den kommenden zehn Jahren rund die Hälfte aller Kirchengebäude in Deutschland ihre sakrale Nutzung verlieren. Für ein Ruhrgebiet, dessen Nachkriegsmoderne bislang vor allem über Zechen, Hochöfen und Siedlungen erzählt wird, verschiebt die Manifesta 16 den Fokus auf ein bisher eher marginal behandeltes Kapitel: den protestantischen und katholischen Kirchenbau zwischen 1950 und 1975.
Welche Kirchen werden bespielt und wer hat sie entworfen?
Die zwölf Veranstaltungsorte verteilen sich auf vier Städte und decken ein bemerkenswert breites architektonisches Spektrum ab. In Duisburg bildet die katholische Kulturkirche Liebfrauen (1958 bis 1971, Entwurf Toni Hermanns) den Ankerpunkt, eine der bedeutendsten Kirchen der Nachkriegsmoderne in der Rhein-Ruhr-Region mit einer zweigeschossigen, kubischen Struktur und einer Faltwand aus glasfaserverstärktem Plexiglas im Innenraum. In Essen stehen St. Marien in Frohnhausen (1961 bis 1963, Hans Schilling), die Markuskirche, Heilig Geist, Heilig Kreuz und St. Gertrud auf dem Programm.
Gelsenkirchen bringt mit St. Josef (1894 bis 1896, Lambert von Fisenne, Sakristei 1912 von Josef Franke), St. Bonifatius (1963, Ernst von Rudloff), St. Anna Schalke-Nord (1970, Paul Günther) und der kristallin geformten Thomaskirche in Erle eine Mischung aus neogotischen und dezidiert modernen Bauten ein. Bochum schließlich vertritt mit Gethsemane (einer protestantischen Notkirche der Nachkriegszeit), Christ-König (ursprünglich für das Franziskanerkloster errichtet), St. Ludgerus in Langendreer mit seiner markanten dreieckigen Grundform und St. Anna die Bandbreite zwischen Notbau, Ordenskirche und skulpturaler Moderne.
Dass die meisten dieser Bauten unter Denkmalschutz nach dem Denkmalschutzgesetz Nordrhein-Westfalen (DSchG NRW) stehen oder als erhaltenswerte Bausubstanz eingestuft sind, ist planungsrechtlich keine Nebensache. Jede temporäre Umnutzung als Ausstellungsort muss sich mit § 9 DSchG NRW auseinandersetzen, der für Veränderungen eine Erlaubnis der Unteren Denkmalbehörde verlangt. Auch baurechtlich sind die Konstellationen anspruchsvoll: Die Biennale bewegt sich in der Schnittmenge aus § 48 BauO NRW (Versammlungsstätten) und der Sonderbauverordnung (SBauVO NRW), ohne die zwölf Häuser dauerhaft in Versammlungsstätten umzuwidmen. Für 100 Tage Publikumsverkehr sind Flucht- und Rettungswege, Brandschutznachweise und Einbauten nach Versammlungsstättenrecht so zu konzipieren, dass sie reversibel bleiben.
Was sagt die Teilnehmendenliste über den Standort Ruhrgebiet?
Die Zusammensetzung der 106 Teilnehmenden ist aus regionaler Sicht aufschlussreich. 25 Prozent der Beteiligten kommen aus Deutschland, 21 Prozent aus der Türkei und 9 Prozent aus Polen. Diese Gewichtung, so die Manifesta, spiegele die Einwanderungsgeschichte des Reviers und spanne einen Bogen von Gastarbeitergenerationen bis zu jüngeren deutsch-türkischen Positionen. Prominente Namen wie Katharina Fritsch, Alicja Kwade, Luc Tuymans, Wilhelm Sasnal, Nil Yalter, Mirosław Bałka, Judith Hopf und Pedro Cabrita Reis stehen neben Kollektiven wie SUPERFLEX, Bureau Baubotanik oder Constructlab. Gerade die Präsenz architektonisch argumentierender Gruppen wie Bureau Baubotanik und Constructlab lässt erwarten, dass ein Teil der Interventionen dezidiert baulich und räumlich gedacht ist.
Die kuratorische Struktur folgt einem Tandem-Modell, das Hedwig Fijen anlässlich des 30. Jubiläums der Manifesta seit der ersten Ausgabe 1996 in Rotterdam eingeführt hat. Drei generationsübergreifende Paare teilen sich die Städte: Anda Rottenberg mit Krzysztof Kościuczuk in Bochum, René Block mit Leonie Herweg in Essen und Henry Meyric Hughes mit Michael Kurtz in Duisburg. Gürsoy Doğtaş verantwortet das öffentliche Programm, Josep Bohigas die städtebauliche Rahmung. Flankiert wird das Programm von „Manifesta 16+“, bei dem 16 regionale Initiativen und Projekte aus Dortmund, Herne, Mülheim an der Ruhr, Marl, Bottrop, Oberhausen sowie den vier Kernstädten eingebunden sind.
Getragen wird die Biennale vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, vom Regionalverband Ruhr (RVR) und von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Förderpartner sind die RAG-Stiftung, die E.ON Stiftung, die Kunststiftung NRW, die Brost-Stiftung, die Stiftung Mercator und die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Die offizielle Eröffnung findet am 20. Juni 2026 auf dem Gelände der UNESCO-Welterbestätte Zeche Zollverein in Essen statt, der Besuch der Ausstellungen ist während der gesamten Laufzeit ticketfrei. Nach der Manifesta 4, die 2002 in Frankfurt am Main gastierte, ist dies erst die zweite deutsche Ausgabe der Biennale.
Architektonisch interessant ist, was nach dem 4. Oktober 2026 bleibt. Die Manifesta versteht sich ausdrücklich nicht als Blockbuster-Ausstellung, sondern als Inkubator. In Gelsenkirchen-Ückendorf hat das Projekt mit der Öffnung von St. Josef bereits vor Biennale-Beginn ein Nachbarschaftsprogramm etabliert, St. Bonifatius wurde über Urbane Künste Ruhr schon länger als Kulturort erprobt, die Kulturkirche Liebfrauen in Duisburg fungiert seit Jahren als Bürgerprojekt. Die Frage, die in allen zwölf Häusern mitläuft, ist damit weniger kuratorisch als baukulturell: Welche Nutzungsmodelle tragen eine denkmalgeschützte Nachkriegskirche dauerhaft, wenn die Sakramentalnutzung entfällt?
Für die Baukultur in Nordrhein-Westfalen liegt genau hier der eigentliche Testfall. Die gängigen Umnutzungstypologien, Kolumbarium, Kulturzentrum, Wohnen im Kirchenschiff, sind seit zwei Jahrzehnten durchdekliniert, doch eine belastbare Systematik für die Nachnutzung protestantischer Notkirchen oder kleiner katholischer Stadtteilkirchen existiert kaum. Dass die Manifesta 16 Ruhr zwölf unterschiedliche Typologien parallel bespielt, erlaubt erstmals einen vergleichenden Blick unter realen Nutzungsbedingungen. Für die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, die beteiligten Kommunen und die Landeskirchen dürfte sich die eigentliche Diskussion daher erst am 5. Oktober 2026 beginnen, dem Tag nach der Finissage.
Hinzu kommt ein Aspekt, der in der öffentlichen Debatte um Kirchenumnutzungen selten auftaucht: die energetische Ertüchtigung. Alle zwölf Häuser unterliegen dem Gebäudeenergiegesetz (GEG) in der seit dem 1. Januar 2024 geltenden Fassung, und ihre oft einschaligen Wandkonstruktionen, großflächigen Betonglasfenster und ungedämmten Dachschalen stellen Planerinnen und Planer vor erhebliche Abwägungsfragen mit dem Denkmalrecht. Die Manifesta liefert für diese Fragen keine Antworten, aber sie schafft für 100 Tage eine öffentliche Sichtbarkeit der Bauaufgabe, die über den Kreis der Fachleute hinausreicht und damit politische Relevanz erzeugt. Mehr kann eine Kunstbiennale für die gebaute Umwelt kaum leisten.
 LESERSERVICE | baukunst.art
Manifesta 16 Ruhr: Besuch, Programm und Hintergrund
Die wichtigsten Eckdaten für den Besuch, das architektonische Rahmenprogramm und weiterführende Informationen für Planerinnen und Planer.
Besuch und Öffnungszeiten
Laufzeit 21. Juni bis 4. Oktober 2026 (100 Tage)
Eröffnung 20. Juni 2026, Zeche Zollverein Essen, UNESCO-Welterbestätte
Standorte Zwölf ehemalige Kirchen in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen
Öffnungszeiten Dienstag bis Donnerstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr, Freitag und Samstag 11 bis 19 Uhr, Montag geschlossen (Ausnahme 22. Juni: 11 bis 18 Uhr)
Eintritt Kostenfrei an allen zwölf Standorten, ebenso das vollständige Bildungs- und Vermittlungsangebot
Veranstalter Manifesta 16 Ruhr gGmbH, Regionalverband Ruhr (RVR), Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW
Information http://manifesta16.org (Newsletter, Parcours-Karte, Hintergrundtexte zu Bauten und Teilnehmenden)

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