
baukunst.art | Meinung & Kritik | Mai 2026
Architekturpreis im Zwielicht. Die Pritzker-Familie und ihr Glaubwürdigkeitsverlust
Smiljan Radić erhält den Pritzker 2026. Doch die Affäre um Tom Pritzker entzieht der Auszeichnung eine Glaubwürdigkeit, die sie ohnehin nur noch geliehen hatte.
Wer ist der Pritzker-Preisträger 2026?
Smiljan Radić Clarke aus Santiago de Chile ist der 55. Träger des Pritzker-Preises. Geboren 1965 als Sohn kroatischer und englischer Eltern, studierte er an der Pontificia Universidad Católica de Chile und vertiefte seine Ausbildung in Geschichte und Ästhetik am Istituto Universitario di Architettura di Venezia. Sein Büro betreibt er seit 1995 in Santiago, eng verbunden mit der Bildhauerin Marcela Correa, seiner Frau und langjährigen Kollaborateurin.
International bekannt wurde Radić durch das Serpentine Gallery Pavilion 2014 in London, eine donutförmige Schale aus papierdünnem Fiberglas. Sein Werk umfasst Wohnhäuser, das Weingut VIK in Millahue, das Teatro Regional del BiobÃo in Concepción (2018), den Erweiterungsbau des Museo Chileno de Arte Precolombino in Santiago und eine Reihe temporärer Pavillons. Wiederkehrende Motive seines Werks sind tonnenschwere Granitfindlinge als tragende Elemente, fragile Membranen, Räume zwischen Ruine und Avantgarde-Artefakt.
Die Jury, vorsitzgeführt vom 2016er Preisträger Alejandro Aravena, lobt Radić für eine Architektur an der Schnittstelle von Materialexperiment, Unsicherheit und kultureller Erinnerung. Seine Bauten wirkten oft instabil, fast unfertig, und böten gerade darin einen leise freudvollen Schutzraum. Es ist eine Würdigung, die wenig mit den großen Gesten der Starchitect-Ära zu tun hat. Sie reiht sich in eine Linie ein, die mit Diébédo Francis Kéré (2022) begann und über Liu Jiakun (2025) bis zu Radić führt.
Warum war die Bekanntgabe des Pritzker-Preises 2026 verzögert?
Die Bekanntgabe, traditionell in der ersten Märzwoche, kam erst am 12. März. Auslöser war kein Streit um den Preisträger, sondern ein Skandal um den Mann, dessen Familie den Preis trägt: Thomas J. Pritzker.
Am 30. Januar 2026 veröffentlichte das US-Justizministerium eine neue Tranche der sogenannten Epstein-Files. Der Name Tom Pritzker taucht darin tausendfach auf. Er ist Sohn von Jay Pritzker, dem Stifter des Architekturpreises, Präsident der Hyatt Foundation, Vizepräsident der Pritzker Foundation und war bis Mitte Februar Executive Chairman der Hyatt Hotels Corporation.
Die Dokumente belegen, dass Pritzker und Jeffrey Epstein bis weit nach dessen Verurteilung 2008 wegen Sexualstraftaten an einer Minderjährigen in regelmäßigem Austausch standen. Sie verabredeten Treffen, sprachen über juristische Beratung, korrespondierten über gesellschaftliche Anlässe. Eine besonders kompromittierende E-Mail aus dem Jahr 2003 dokumentiert eine Einladung von Ghislaine Maxwell zu einem Abendessen in New York mit fünf Models als „Servierpersonal“. Pritzker antwortete laut den Files mit dem Vorschlag, die Rollen von Models und Gästen zu tauschen.
Noch direkter wird der Bezug zum Architekturpreis: Eine E-Mail vom September 2018 zeigt Epstein selbst dabei, wie er einen ehemaligen französischen Kulturminister kontaktiert, um eine Location für die Pritzker-Verleihung 2019 in Paris zu suchen. Epstein wurde mehrfach zu Pritzker-Zeremonien eingeladen, mindestens seit 2012, dem Jahr, in dem Wang Shu in Peking ausgezeichnet wurde.
Pritzker selbst spricht von „terrible judgement“. Er trat am 16. Februar 2026 als Executive Chairman von Hyatt zurück und zog sich aus operativen Belangen rund um den Preis zurück. Er bleibt jedoch Director und Vizepräsident der Pritzker Foundation, Director, Chairman und Präsident der Hyatt Foundation. Strukturell ändert sich also wenig.
Was bedeutet der Skandal für die Glaubwürdigkeit des Preises?
Die Stiftung verteidigt die Unabhängigkeit der Jury. Das ist sachlich vermutlich zutreffend. Niemand wirft Aravena, Anne Lacaton, Kazuyo Sejima, Deborah Berke, Barry Bergdoll oder den anderen Jurymitgliedern vor, sich von Pritzker beeinflussen zu lassen. Auch die Wahl von Smiljan Radić selbst ist über jeden Zweifel erhaben.
Die Frage, die der Skandal aufwirft, ist eine andere. Sie lautet nicht, ob die Jury kompromittiert ist, sondern ob ein Preis, der den Namen einer Familie trägt, vom moralischen Profil dieser Familie zu trennen ist. Edwin Heathcote hat im Dezeen am 5. März eine Antwort gegeben, die in der Architekturpresse weitgehend geteilt wird, auch wenn nicht alle sie aussprechen wollen: Der Pritzker bedeutet heute deutlich weniger als noch vor 25 Jahren.
Diese Argumentation lässt sich historisch belegen. Schon der erste Preisträger, Philip Johnson, war eine prekäre Wahl: Sympathisant des Nationalsozialismus, Teilnehmer am Reichsparteitag in Nürnberg, Gründer einer pro-faschistischen Bewegung in den USA in den dreißiger Jahren. Richard Meier, Preisträger 1984, wurde nach #MeToo wegen seines Umgangs mit Mitarbeiterinnen aus dem eigenen Büro distanziert. 1991 zeichnete die Jury Robert Venturi aus, ohne seine Geschäfts- und Lebenspartnerin Denise Scott Brown zu erwähnen, die untrennbar mit seiner Theorie und Praxis verbunden war. Erst Zaha Hadid 2004 brach die rein männliche Liste der Solo-Gewinner auf.
Die Pritzker-Affäre fügt diesem Befund ein neues Kapitel hinzu. Sie zeigt, dass die Frage nach der ethischen Verfasstheit eines Preises nicht nur die Preisträgerinnen und Preisträger betrifft, sondern auch die Institution selbst. Wenn der Stifter über Jahrzehnte mit einem verurteilten Sexualstraftäter Kontakt hält, wenn dieser Sexualstraftäter die Verleihungen sogar als gesellschaftliche Bühne nutzt, dann ist die Aura des Preises beschädigt. Unabhängig davon, wie sauber die Jury arbeitet.
Wie verhält sich Smiljan Radić zur Affäre?
Radić hat den Preis angenommen. Auf eine Frage von CNN sagte er sinngemäß, die Zusammensetzung der Jury garantiere die Integrität des Preises. Sein Vertrauen in das Verfahren sei intakt. Architektur bleibe für ihn ein positiver Akt, und der Pritzker bleibe Teil dieses positiven Aktes, trotz der Umstände.
Diese Haltung ist verständlich. Niemand kann von einem Preisträger verlangen, sich aus der Affäre des Stifters herauszuhalten, indem er den Preis ablehnt. Radić hat über drei Jahrzehnte am eigenen Werk gearbeitet, oft unter erschwerten Bedingungen mit kleinem Team. Die Anerkennung ist verdient.
Bemerkenswerter ist eine andere Geste. Radić bat die Stiftung, ihn nicht nur unter dem väterlichen Nachnamen Radić aufzuführen, sondern auch den Mädchennamen seiner Mutter Clarke zu nennen, um die mütterliche Linie zu ehren. In einem Jahr, in dem die Familie des Stifters für Verachtung gegenüber Frauen in den Schlagzeilen steht, ist das eine leise, bewusste Verschiebung. Sie passt zu seinem Werk: keine großen Gesten, sondern kleine, präzise Korrekturen.
Was bedeutet das für die Architekturwelt im DACH-Raum?
Für Architektinnen und Architekten im deutschsprachigen Raum stellt die Affäre weniger eine Sensation als eine Bestätigung dar. Wer in den letzten Jahren auf den Pritzker geschaut hat, sah ohnehin schon einen Preis, der seine kanonische Funktion zunehmend verloren hatte. Die Preisträger der jüngeren Vergangenheit von Kéré bis Liu Jiakun und Radić verweisen auf eine Architekturpraxis, die sich mit lokalen Materialien, kollektiven Verfahren und Demut gegenüber dem Ort beschäftigt.
Diese inhaltliche Verschiebung ist begrüßenswert. Sie kollidiert aber mit der institutionellen Verfasstheit des Preises, die nun offen sichtbar geworden ist. Eine Auszeichnung, die im Namen einer Familie vergeben wird, deren Patron sich über Jahre mit Epstein traf, kann den moralischen Anspruch nicht mehr glaubwürdig formulieren, den ihr Stifter Jay Pritzker einst formulierte: ein größeres Bewusstsein für die gebaute Umwelt zu schaffen.
Für die Diskussion um Architektur als Disziplin ist das nicht bedauerlich, sondern hilfreich. Der Bedeutungsverlust des Pritzker zwingt die Profession, sich nicht länger nur an einer einzigen, inszenatorisch starken Auszeichnung zu orientieren. Der Aga Khan Award for Architecture, der EU Mies Award, die Royal Gold Medal des RIBA, der DAM-Preis: All diese Auszeichnungen haben Profile, die einer öffentlichen Auseinandersetzung über Architektur näher sind, als es der Pritzker derzeit ist. Die Bayerische Architektenkammer und der BDA tun gut daran, diesen Kanon zu pflegen, statt sich an einer beschädigten Marke zu orientieren.
Wie sollte ein zeitgemäßer Architekturpreis aussehen?
Ein zeitgemäßer Preis braucht drei Dinge: institutionelle Distanz vom Stifter, eine inhaltliche Orientierung jenseits der Bildwirkung und ein transparentes Verfahren. Der Pritzker erfüllt nur das letzte dieser drei Kriterien.
Die Wahl von Smiljan Radić zeigt, dass die Jury die zweite Anforderung ernst nimmt. Eine Architektur, die laut Begründung nicht im Namen der Menschen sprechen will, sondern es ihnen erlauben soll, ihre eigene Stimme zu finden, steht ausdrücklich gegen die Logik der Starchitect-Bühne. Aber gerade dieser leise, sorgfältige Anspruch verträgt sich nicht mit einem Preis, dessen Stifter über Jahre der Bühne eines verurteilten Sexualstraftäters nahestand.
Das ist die unbequeme Pointe des Pritzker 2026: Er ehrt eine Architektur, die genau jene Eigenschaften kultiviert, die der Preis selbst verloren hat. Fragilität, Demut, Sorgfalt, Empathie. Das ist nicht die Schuld von Smiljan Radić. Es ist die Last, die er nun mitträgt.

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