
Rekordetat 2026: Zwischen Euphorie und Ernüchterung – Was der Bundeshaushalt für die Architekturbranche bedeutet
Mit 7,6 Milliarden Euro plant das Bundesbauministerium für 2026 einen Rekordetat. Die Zahlen klingen beeindruckend: 4 Milliarden für die soziale Wohnraumförderung, 1 Milliarde für die Städtebauförderung. Doch was bedeutet dieser Geldregen tatsächlich für die Architekturschaffenden in Deutschland? Ein genauer Blick offenbart sowohl Chancen als auch strukturelle Herausforderungen, die der Berufsstand meistern muss.
Die Bundesarchitektenkammer (BAK) zeigt sich grundsätzlich erfreut über die Mittelaufstockung. “Endlich wird die Bedeutung des Bauens für die Gesellschaft auch finanziell anerkannt”, kommentiert deren Präsidentin Barbara Ettinger-Brinckmann. Gleichzeitig mahnt sie jedoch: “Geld allein baut keine Wohnungen. Wir brauchen endlich eine echte Entbürokratisierung und schnellere Genehmigungsverfahren.”
Soziale Wohnraumförderung: Fluch oder Segen für Planungsbüros?
Die schrittweise Erhöhung der sozialen Wohnraumförderung auf 5,5 Milliarden Euro bis 2029 klingt nach einem Füllhorn für Architektinnen und Architekten. Die Realität sieht differenzierter aus. Viele kleinere und mittlere Büros berichten von einem Dilemma: Die Honorare im sozialen Wohnungsbau sind durch strenge Kostenrahmen oft so knapp kalkuliert, dass sich qualitätsvolle Architektur kaum rechnet.
“Wir bewegen uns in einem Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Verantwortung und wirtschaftlicher Realität”, erklärt ein Kölner Architekt, der namentlich nicht genannt werden möchte. Die Landesarchitektenkammer Nordrhein-Westfalen fordert daher eine Anpassung der Honorarstruktur: “Wenn wir bezahlbaren und gleichzeitig lebenswerten Wohnraum schaffen sollen, müssen auch die Planenden angemessen vergütet werden.”
Das Sondervermögen: Neue Töpfe, alte Probleme?
Die Verlagerung verschiedener Programme in das neue “Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität” wirft Fragen auf. Programme wie “Klimafreundlicher Neubau” (1,1 Milliarden Euro) und “Gewerbe zu Wohnen” (360 Millionen Euro) sollen gebündelt werden. Kritiker befürchten eine weitere Verkomplizierung der ohnehin schon unübersichtlichen Förderlandschaft.
Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) warnt vor einem “Förderdschungel”, der insbesondere kleinere Büros überfordert. “Wir brauchen keine neuen Töpfe, sondern klare, unbürokratische Zugänge zu Fördermitteln”, betont BDA-Präsident Stephan Schütz. Die geplante Zusammenführung zu zwei Themenbereichen “Neubau” und “Sanierung” sei ein Schritt in die richtige Richtung, komme aber zu spät.
Städtebauförderung: Endlich Planungssicherheit?
Die angekündigte Verdopplung der Städtebauförderung bis 2029 auf 1,58 Milliarden Euro sorgt für verhaltenen Optimismus. Stadtplanerinnen und Stadtplaner sehen darin eine Chance für nachhaltige Quartiersentwicklung. Allerdings weist die Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung (SRL) auf ein strukturelles Problem hin: “Die Mittel kommen oft nicht dort an, wo sie am dringendsten gebraucht werden – in strukturschwachen Regionen fehlt es an Planungskapazitäten.”
Die Architektenkammer Berlin sieht in der erhöhten Städtebauförderung eine Chance für partizipative Planungsprozesse. “Endlich können wir Bürgerbeteiligung nicht nur predigen, sondern auch finanzieren”, so Kammerpräsident Theresa Keilhacker. Gleichzeitig mahnt sie: “Wir müssen aufpassen, dass die Mittel nicht nur in Leuchtturmprojekte fließen, sondern auch in die Breite wirken.”
Jung kauft Alt: Bestandssanierung als Zukunftsmarkt?
Mit 350 Millionen Euro für das Programm “Jung kauft Alt” setzt der Bund ein wichtiges Signal für die Bestandssanierung. Die Architektenschaft begrüßt diese Schwerpunktsetzung grundsätzlich. “Bauen im Bestand ist die Königsdisziplin nachhaltigen Bauens”, betont ein Vertreter der Architektenkammer Baden-Württemberg.
Allerdings zeigt die Praxis auch hier Hürden: Die energetischen Anforderungen und denkmalschutzrechtlichen Vorgaben schaffen oft einen Zielkonflikt, der kreative Lösungen erfordert. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) fordert daher flexiblere Regelungen: “Wir brauchen einen ganzheitlichen Ansatz, der auch graue Energie berücksichtigt.”
Normung und Digitalisierung: Die vergessenen Baustellen?
Auffällig ist, was in der Haushaltsplanung fehlt: konkrete Mittel für die Digitalisierung der Baubranche und die Vereinfachung des Normenwesens. Die Architektenkammer Sachsen kritisiert diese Leerstelle scharf: “Während Milliarden in Beton fließen, fehlen Investitionen in die digitale Infrastruktur der Planenden.”
Die Bundesingenieurkammer ergänzt: “Ohne eine grundlegende Reform des Normenwesens verpuffen viele der gut gemeinten Förderungen in bürokratischen Prozessen.” Die Forderung nach einem “Normen-TÜV”, der regelmäßig die Sinnhaftigkeit bestehender Regelungen überprüft, wird lauter.
Fachkräftemangel: Das ungelöste Grundproblem
Alle Fördermilliarden nutzen wenig, wenn die Fachkräfte fehlen. Die Bundesarchitektenkammer warnt vor einem “dramatischen Engpass” in den kommenden Jahren. “Wir verlieren jährlich mehr Architektinnen und Architekten durch Ruhestand, als neue nachkommen”, so die ernüchternde Bilanz.
Die geplante Gründung des Bundesforschungszentrums für klimaneutrales und ressourceneffizientes Bauen mit 15 Millionen Euro Startkapital wird zwar begrüßt, löst aber das Nachwuchsproblem nicht. “Wir brauchen attraktivere Studienbedingungen und vor allem bessere Berufsperspektiven für junge Kolleginnen und Kollegen”, fordert die Bundesassistentenkonferenz der Architekturfakultäten.
Fazit: Mehr Mut zur echten Bauwende
Der Rekordetat 2026 ist zweifellos ein positives Signal für die Baubranche. Die Architektenschaft steht jedoch vor der Herausforderung, aus den bereitgestellten Mitteln auch tatsächlich qualitätsvolle, nachhaltige Architektur zu entwickeln. Dafür braucht es mehr als Geld: eine grundlegende Reform der Rahmenbedingungen, von der HOAI über das Vergaberecht bis zur Normung.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Politik bereit ist, neben finanziellen auch strukturelle Reformen anzugehen. Die Architektenkammern und Berufsverbände sind gefordert, ihre Stimme im parlamentarischen Verfahren deutlich zu erheben. Denn eines ist klar: Ohne die Planenden wird die proklamierte Bauwende nicht gelingen – egal wie viele Milliarden im Haushalt stehen.

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