Baukunst - Wels schreibt Geschichte: Österreichs größtes Entsiegelungsprojekt als pragmatischer Paradigmenwechsel
"Gartenlust in Schloss Bernau © Depositphotos_476029162_S

Wels schreibt Geschichte: Österreichs größtes Entsiegelungsprojekt als pragmatischer Paradigmenwechsel

25.08.2025
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Chet Becker

Wenn Betonwüsten zu Parklandschaften werden

Es braucht schon etwas Fantasie, wenn Andreas Rabl durch die düsteren Messehallen führt und von Seerosen spricht. Der FPÖ-Bürgermeister von Wels deutet auf grauen Beton, wo bald Wasser glitzern soll, zeigt auf Palettenstapel, wo künftig Kinder spielen werden. Die mit Graffiti bemalten Wände, der allgegenwärtige Geruch von Motoröl und die kilometerlangen Parkplatzflächen – all das wird in wenigen Monaten Geschichte sein. Ab 28. April beginnt der Abriss von 13 Messehallen, und damit startet ein Projekt, das in seiner Dimension einzigartig in Österreich ist: 40.000 Quadratmeter versiegelte Fläche werden zu einem zehn Hektar großen Stadtpark.

Die oberösterreichische Statutarstadt mit ihren 63.000 Einwohnerinnen und Einwohnern wagt, was andere Kommunen seit Jahren diskutieren, aber selten umsetzen: radikale Entsiegelung im großen Stil. Während bundesweit täglich etwa elf Hektar Boden neu versiegelt werden und die Debatte über Flächenfraß meist folgenlos bleibt, macht Wels ernst. Der Bundesrechnungshof bezeichnet das Vorhaben bereits als „Vorbild für andere Städte“ und würdigt es als „wichtige Maßnahme zur Anpassung an den Klimawandel“.

Pragmatismus statt Ideologie: Eine ungewöhnliche Allianz

Was das Welser Projekt besonders macht, ist nicht nur seine schiere Größe, sondern auch die politische Konstellation dahinter. Ein freiheitlicher Bürgermeister, der sich ungern als Klimaschützer bezeichnen lässt, setzt gemeinsam mit SPÖ-Stadtrat Stefan Ganzert und einem breiten politischen Konsens ein Jahrhundertprojekt um. „Uns ging es primär um Lebensqualität“, betont Rabl fast trotzig, als müsse er sich gegen den Verdacht wehren, heimlich doch ein Grüner zu sein. Diese pragmatische Herangehensweise, die Klimaschutz als willkommenen Nebeneffekt behandelt statt als ideologisches Hauptmotiv, könnte paradoxerweise der Schlüssel zum Erfolg sein.

Die Finanzierung zeigt ähnlichen Pragmatismus: Von den 65 Millionen Euro Gesamtkosten entfallen 20 Millionen auf die Parkerweiterung, 34 Millionen auf den Messehallenbau und 13,7 Millionen auf die Landesgartenschau 2027. Die Stadt greift tief in ihre Rücklagen – etwa die Hälfte der Ersparnisse fließt in das Projekt. Kritische Stimmen merken an, dass diese Rücklagen aus dem Verkauf der Sparkassen-Anteile nach der FPÖ-Machtübernahme stammen. Doch selbst der grüne Umwelt-Landesrat Stefan Kaineder zeigt sich begeistert und stellt die maximale Landesförderung von 80.000 Euro zur Verfügung – ein symbolischer, aber wichtiger überparteilicher Schulterschluss.

Mikroklima und Makroplanung: Die technischen Dimensionen

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 500 neue Bäume aus 40 verschiedenen, klimaresilienten Arten werden gepflanzt. Die Auswahl erfolgte nach strengen Kriterien: Klimabeständigkeit, ökologischer Wert und gestalterische Aspekte mussten in Einklang gebracht werden. Die sogenannten „Zukunftsbäume“ – Arten, die mit höheren Temperaturen und längeren Trockenperioden zurechtkommen – dominieren die Pflanzliste. Gleichzeitig bleiben alle Bestandsbäume erhalten, ein wichtiges Signal an Naturschützerinnen und Naturschützer.

Die hydrologischen Effekte sind beachtlich: Wo heute Regenwasser ungenutzt in die Kanalisation rauscht, werden künftig 40.000 Quadratmeter Boden das Wasser aufnehmen, speichern und langsam wieder abgeben. Dies reduziert nicht nur die Hochwassergefahr bei Starkregenereignissen, sondern schafft auch ein ausgeglicheneres Mikroklima. Messungen in vergleichbaren Projekten zeigen Temperaturreduktionen von bis zu vier Grad Celsius an Hitzetagen – für eine Stadt im oberösterreichischen Zentralraum keine Kleinigkeit.

Zwischen Märchenwald und Skaterpark: Sozialräumliche Vielfalt

Der neue Volksgarten wird mehr als eine grüne Lunge. Die Planungen sehen eine kleinteilige Zonierung vor, die unterschiedlichste Nutzergruppen ansprechen soll: Ein Märchenwald für Kinder hier, Chill-out-Zonen für Jugendliche dort. Am Traunufer entstehen Gastronomiebetriebe, ein Amphitheater soll kulturelle Veranstaltungen ermöglichen. Diese Vielfalt ist kein Zufall, sondern Ergebnis intensiver Bürgerbeteiligung und sozialräumlicher Analyse.

Besonders die Integration der Jugendlichen war den Planerinnen und Planern wichtig. Zu oft werden Parks primär für Familien mit Kleinkindern oder Seniorinnen und Senioren gestaltet, während Teenager sich unerwünschte Nischen suchen müssen. In Wels sollen sie von Anfang an mitgedacht werden – mit eigenen Bereichen, die Rückzug ermöglichen, ohne Konflikte zu provozieren.

Die Landesgartenschau als Katalysator

2027 wird der neue Park zur Bühne der oberösterreichischen Landesgartenschau. Was manche als geschickten Schachzug zur Förderakquise sehen, hat durchaus tiefere Bedeutung. Gartenschauen haben in Österreich Tradition als Stadtentwicklungsinstrumente. Sie zwingen zu Termintreue, mobilisieren zusätzliche Ressourcen und schaffen öffentliche Aufmerksamkeit. Für Wels bedeutet die Gartenschau eine Deadline, die keine Verzögerungen duldet – ein nicht zu unterschätzender Projektbeschleuniger.

Kritische Stimmen und offene Fragen

Nicht alle sind begeistert. Die Verlagerung der Messefunktionen in eine neue, moderne Halle im Westen des Geländes sei nur eine Verschiebung der Versiegelung, monieren Kritikerinnen und Kritiker. Die Verkehrsströme, die der neue Park anziehen wird, könnten die Wohnviertel belasten. Und ob die projektierten Besucherzahlen für die Gastronomie am Traunufer realistisch sind, muss sich erst zeigen.

Auch die Finanzierung wirft Fragen auf. Die Verwendung der städtischen Rücklagen für ein einzelnes Großprojekt sei riskant, warnen Finanzexpertinnen und -experten. Was, wenn unvorhergesehene Kostensteigerungen auftreten? Die Baubranche kennt genug Beispiele für explodierende Budgets. Rabl gibt sich zuversichtlich, verweist auf bereits abgeschlossene Ausschreibungen und fixe Verträge. Die Zeit wird zeigen, ob sein Optimismus gerechtfertigt ist.

Ein Modell mit Signalwirkung?

Das Welser Projekt könnte zum Präzedenzfall werden. Nicht weil es perfekt ist, sondern weil es zeigt, dass Entsiegelung im großen Stil machbar ist – politisch, finanziell und technisch. Die Kombination aus pragmatischer Motivation, breitem politischem Konsens und kluger Verknüpfung mit anderen Stadtentwicklungszielen könnte zur Blaupause für andere Kommunen werden.

Besonders interessant ist die Kommunikationsstrategie: Statt Klimaschutz als moralischen Imperativ zu predigen, argumentiert Rabl mit Lebensqualität, Standortattraktivität und wirtschaftlichen Vorteilen. Diese Botschaft verfängt auch bei jenen, die Klimapolitik skeptisch gegenüberstehen. Es ist eine Lektion in politischer Kommunikation: Manchmal erreicht man mehr, wenn man ideologische Grabenkämpfe umgeht und auf gemeinsame Interessen setzt.

Ausblick: Wels 2030

Wenn 2026 die ersten Welserinnen und Welser durch ihren neuen Park spazieren, wird das mehr sein als ein lokales Ereignis. Es wird ein Signal an andere Städte sein, dass radikale Transformation möglich ist. Die 40.000 Quadratmeter entsiegelte Fläche mögen im Verhältnis zur täglich neu versiegelten Fläche in Österreich klein erscheinen. Doch Symbole haben ihre eigene Kraft. Und manchmal braucht es einen freiheitlichen Bürgermeister, der sich weigert, als Klimaschützer bezeichnet zu werden, um das größte Entsiegelungsprojekt des Landes umzusetzen. Diese Ironie der Geschichte könnte Wels‘ größter Beitrag zur Debatte sein: Dass Umweltschutz keine Frage der politischen Couleur sein muss, sondern eine der praktischen Vernunft.

Der neue Volksgarten wird nicht alle urbanen Probleme von Wels lösen. Er wird die Stadt nicht zur grünen Utopie machen. Aber er wird zeigen, dass Veränderung möglich ist, wenn der politische Wille da ist. Und das, in Zeiten von Politikverdrossenheit und Klimafatalismus, ist vielleicht die wichtigste Botschaft von allen.