
Baukultur zwischen Bestand und Aufbruch
Am 26. November 2025 versammelt sich die architektonische Fachwelt in der Hyparschale Magdeburg zur Preisverleihung des elften Architekturpreises des Landes Sachsen-Anhalt. Der Veranstaltungsort ist dabei mehr als eine symbolische Kulisse: Die 1969 von Ulrich Müther errichtete Schalenkonstruktion, nach über zwei Jahrzehnten Leerstand erst im Juni 2024 wiedereröffnet, verkörpert jene Transformation des Bestands, die auch das diesjährige Wettbewerbsfeld prägt. Von 38 Einreichungen aus 22 Orten zwischen Altmark und Burgenlandkreis wählte die Jury unter Vorsitz von Prof. Carsten Wiewiorra elf Projekte in die engere Wahl.
Bestand als Strategie
Die Auswahl der Jury verdeutlicht einen bemerkenswerten Trend: Baukultur in Sachsen-Anhalt zeigt sich stark im Bestand verankert. Zahlreiche Projekte widmen sich der Transformation historischer Gebäude, darunter Industriebauten, Kirchen und Fachwerkhäuser. Diese Orientierung am Bestand entspricht nicht nur den ökologischen Erfordernissen der Gegenwart, sondern reagiert auch auf die spezifischen demografischen Herausforderungen des Landes.
Sachsen-Anhalt hat seit 1990 etwa 22 Prozent seiner Bevölkerung verloren. Die Bevölkerungszahl sank von 2,9 auf derzeit rund 2,2 Millionen Menschen. Prognosen gehen davon aus, dass im Jahr 2030 weniger als zwei Millionen Einwohnerinnen und Einwohner im Land leben werden. Diese demografische Entwicklung schlägt sich unmittelbar in der Bauaufgabe nieder: Nicht der Neubau auf der grünen Wiese, sondern die intelligente Weiternutzung bestehender Strukturen prägt die architektonische Realität.
Vielfalt der Bauaufgaben
Das Wettbewerbsfeld spiegelt die gesamte Bandbreite architektonischer Aufgaben wider: von Kultur- und Bildungsbauten über neue, sanierte oder erweiterte Wohnhäuser bis hin zu Freianlagen. Ergänzt wird das Spektrum durch Freiraum- und Landschaftsarchitektur, die städtische Räume öffnet und Lebensqualität schafft. Diese Diversität zeigt, dass baukulturelle Qualität nicht an bestimmte Bauaufgaben gebunden ist.
Bemerkenswert erscheint dabei die geografische Streuung der Einreichungen. Dass Projekte aus 22 verschiedenen Orten eingereicht wurden, belegt eine lebendige Baukultur auch abseits der Oberzentren Magdeburg, Halle und Dessau-Roßlau. Gerade in den ländlich geprägten Regionen des Landes entstehen offenbar Projekte, die den Anforderungen an gestalterische Innovation und nachhaltige Beiträge zur Landesentwicklung genügen.
Jury und Verfahren
Die Jury tagte am 13. Oktober 2025 im Forum Gestaltung in Magdeburg. Unter dem Vorsitz von Prof. Carsten Wiewiorra, Architekt und Innenarchitekt aus Berlin, bestimmte das Gremium aus den elf Projekten der engeren Wahl den Preisträger sowie fünf Auszeichnungen. Wer den Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2025 gewonnen hat, bleibt bis zur feierlichen Bekanntgabe am 26. November allerdings geheim.
Das Ministerium für Infrastruktur und Digitales unter der Schirmherrschaft von Ministerin Dr. Lydia Hüskens und die Architektenkammer Sachsen-Anhalt hatten den Preis am 10. Juli 2025 gemeinsam ausgelobt. Insgesamt stehen 15.000 Euro Preisgeld zur Verfügung. Eine Besonderheit des Verfahrens: Auch die Öffentlichkeit konnte sich beteiligen. Bürgerinnen und Bürger waren bis zum 14. November 2025 aufgerufen, aus der engeren Wahl ihren Favoriten für den Publikumspreis zu bestimmen.
Hyparschale als Bühne und Botschaft
Die Wahl der Hyparschale als Veranstaltungsort für die Preisverleihung erscheint programmatisch. Die von Ulrich Müther konstruierte Betonschale gehört zu den rund 50 noch erhaltenen Schalenbauten des Bauingenieurs, der die Architekturmoderne in der DDR maßgeblich prägte. Das Dach aus vier hyperbolischen Paraboloiden überspannt stützenfrei eine Fläche von 48 mal 48 Metern.
Nach fast 20 Jahren Leerstand und fortschreitendem Verfall entschloss sich die Landeshauptstadt Magdeburg 2017 zur Sanierung. Das Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner (gmp) entwickelte ein Konzept, das den Erhalt der räumlichen Wirkung des Schalendachs mit einer zeitgemäßen Nutzung verbindet. Mit Hilfe von Carbonbeton-Technologie wurde die Tragfähigkeit des nur sieben Zentimeter dünnen Daches nicht nur wiederhergestellt, sondern sogar erhöht. Die Gesamtkosten der Sanierung beliefen sich auf rund 17 Millionen Euro, davon fünf Millionen aus dem Bundesprogramm Nationale Projekte des Städtebaus.
Kritische Bestandsaufnahme
Seit 1995 werden der Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt alle drei Jahre vergeben, stets im Zusammenwirken von Landesministerium und Architektenkammer. Die Auszeichnungen würdigen hervorragende Architektur- und Landschaftsarchitekturleistungen ebenso wie das besondere Engagement der Bauherrinnen und Bauherren. Diese doppelte Würdigung erscheint wesentlich: Qualitätsvolle Architektur entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern bedarf engagierter Auftraggeberinnen und Auftraggeber.
Ob der Preis allerdings die baukulturellen Herausforderungen Sachsen-Anhalts angemessen adressiert, darf hinterfragt werden. Der Fokus auf Einzelprojekte, so gelungen sie im Einzelfall sein mögen, verstellt bisweilen den Blick auf strukturelle Probleme: den Fachkräftemangel im Planungsbereich, die schwierigen Rahmenbedingungen für Planerinnen und Planer in ländlichen Regionen, die angespannte Lage vieler Kommunen als öffentliche Auftraggeber. Architekturpreise können Leuchttürme setzen. Die Mühen der Ebene bewältigen sie nicht.
Ausblick auf die Preisverleihung
Die Preisverleihung am 26. November 2025 in der Hyparschale wird zeigen, welche Projekte die Jury überzeugen konnten. Alle eingereichten Arbeiten werden in einer Dokumentation veröffentlicht und anschließend in einer Wanderausstellung präsentiert. So entsteht ein aktuelles Bild davon, wie Architektur und Stadtplanung das Land Sachsen-Anhalt prägen und weiterentwickeln.
Die Landesinitiative Architektur und Baukultur in Sachsen-Anhalt, in deren Rahmen das Verfahren gefördert wird, verfolgt das Ziel, baukulturelle Qualität dauerhaft zu etablieren. Dass der elfte Architekturpreis in einem Gebäude verliehen wird, das selbst zum Symbol für die Rettung gefährdeter Nachkriegsmoderne geworden ist, verleiht diesem Anspruch Glaubwürdigkeit. Denn Baukultur zeigt sich nicht nur im Entwerfen, sondern auch im Bewahren.

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