
Mailands olympische Sorgenkind Baustelle
Die Milano Santa Giulia Ice Hockey Arena steht exemplarisch für die Widersprüche italienischer Großprojekte: ambitionierte Architektur trifft auf chronische Verzögerungen
Wenige Wochen vor Beginn der Olympischen Winterspiele 2026 gleicht der Stadtteil Santa Giulia im Südosten Mailands einer Großbaustelle. Während in der übrigen Stadt Plakate mit dem Slogan „Milano, arrivano i giochi!“ für das sportliche Großereignis werben, arbeiten auf dem Gelände der künftig größten Indoor Arena Italiens hunderte Bauarbeiter im Akkord. Die Eishockey Arena, entworfen vom renommierten Büro David Chipperfield Architects in Zusammenarbeit mit Arup, sollte eigentlich längst fertiggestellt sein. Stattdessen fehlen noch Sitze in den Tribünen, die Kabinen sind provisorisch, und selbst die Zufahrtswege für Fußgängerinnen und Radfahrer sind weder geplant noch gebaut.
David Chipperfields Vision trifft auf italienische Realität
Das architektonische Konzept der Arena ist durchaus bemerkenswert. Der britische Pritzker Preisträger David Chipperfield und sein Berliner Büro haben einen Entwurf vorgelegt, der sich bewusst auf die historische Baukultur Mailands bezieht. Die elliptische Grundform zitiert das ehemalige römische Amphitheater der Stadt und übersetzt diesen Archetyp in eine zeitgenössische Formensprache. Drei ineinander verschachtelte Ringe aus schimmerndem Aluminium umhüllen das Gebäude, verbunden durch transparente Glasstreifen. Tagsüber reflektieren die metallischen Oberflächen das Licht, nachts verwandeln LED Streifen die Fassade in eine leuchtende Skulptur.
Die Arena erhebt sich auf einem mineralischen Podium, das nahezu das gesamte Grundstück einnimmt. Eine großzügige Freitreppe verbindet das Gebäude mit dem umliegenden Platz, der mit über 10.000 Quadratmetern auch für Freiluftveranstaltungen genutzt werden soll. Das Konzept folgt dem Nachhaltigkeitsanspruch der Olympischen Agenda 2020: Photovoltaik Paneele auf dem Dach sollen einen Großteil des Energiebedarfs decken, modulare Bauteile ermöglichen künftige Umbauten oder sogar den Rückbau einzelner Elemente.
Das Prestigeprojekt gerät ins Schleudern
Doch zwischen architektonischer Vision und baulicher Realität klafft eine beträchtliche Lücke. Ursprünglich für 22.000 Zuschauerinnen und Zuschauer geplant, wurde die Kapazität auf 16.000 reduziert. Die für Dezember 2025 angekündigte Fertigstellung verschob sich mehrfach. Als Anfang Januar 2026 die ersten Testspiele im Rahmen der italienischen Meisterschaft stattfanden, präsentierte sich die Arena als Provisorium: Gerüste versperrten Sichtachsen, Baufahrzeuge rollten um das Eisfeld, und ein Loch im Eis erzwang die Unterbrechung eines Spiels.
Die Verantwortlichen üben sich dennoch in demonstrativer Gelassenheit. „Alles wird sich zum Guten wenden“, versicherte Mailands Bürgermeister Giuseppe Sala bei einem Pressetermin. Christophe Dubi, Exekutivdirektor der Olympischen Spiele, bemühte einen kulinarischen Vergleich: Es sei wie bei einem Abendessen für Freunde um 20 Uhr, man stehe eben um 19.58 Uhr noch am Herd. Der Internationale Eishockeyverband IIHF zeigte sich nach den Tests zufrieden mit der Eisqualität, auch wenn die Spielfläche kleiner ausfällt als in der nordamerikanischen NHL üblich, was bei den erwarteten NHL Stars für Irritationen sorgen dürfte.
Kostenexplosion und Korruptionsermittlungen
Die Bauverzögerungen sind nur ein Symptom tieferliegender Probleme. Die Gesamtkosten aller Bauvorhaben für Milano Cortina 2026 haben sich laut Berichten auf über fünf Milliarden Euro summiert und damit alle ursprünglichen Prognosen gesprengt. Die Stadt Mailand musste zusätzliche 51 Millionen Euro bereitstellen, um das Projekt des privaten Bauinvestors CTS Eventim rechtzeitig abzuschließen. Einen alternativen Austragungsort gibt es nicht, wie Andrea Francisi, der operative Leiter der Spiele, einräumte: „Es gibt keinen Plan B.“
Parallel zu den Bauarbeiten laufen Korruptionsermittlungen gegen die Fondazione Milano Cortina 2026. Im Mai 2024 durchsuchte die Finanzpolizei die Büros der Stiftung, im Juli 2025 leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen mutmaßlicher Korruption beim olympischen Dorf ein. Das von der Regierung Meloni erlassene „Olympia Rettungsdekret“, das die Stiftung als private Einrichtung einstufte und damit vor bestimmten Ermittlungen schützen sollte, liegt inzwischen beim Verfassungsgericht. Die Frage, ob die Fondazione als öffentlich rechtliche oder private Institution zu behandeln ist, hat erhebliche strafrechtliche Konsequenzen.
Nachhaltigkeit nur auf dem Papier
Die Olympischen Winterspiele von Mailand und Cortina sollten ein Vorzeigebeispiel für nachhaltige Großveranstaltungen werden. Die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA und italienische Umweltverbände zeichnen ein anderes Bild. Die vorgesehene strategische Umweltverträglichkeitsprüfung für alle olympiabezogenen Bauprojekte wurde ausgesetzt, Genehmigungsverfahren beschleunigt. Die nationalen Umweltverbände verließen den Gesprächstisch mit der Stiftung bereits 2023.
Besonders kritisch betrachten Expertinnen und Experten die neue Bobbahn in Cortina. Mit Kosten von mindestens 80 Millionen Euro, Tendenz steigend, entstand hier ein Prestigeprojekt des Infrastrukturministers Matteo Salvini, obwohl die nahegelegene Bahn in Innsbruck Igls eine kostengünstigere und ökologisch sinnvollere Alternative geboten hätte. Die Erfahrung vergangener Winterspiele in den Alpen, zuletzt Turin 2006, hat gezeigt, dass solche Anlagen nach wenigen Nutzungstagen zu Ruinen verkommen.
Die „Olimpiadi diffuse“ als logistische Herausforderung
Die italienischen Medien sprechen von „Olimpiadi diffuse“, den verstreuten Olympischen Spielen. Über 22.000 Quadratkilometer erstrecken sich die Austragungsorte von Mailand über Cortina bis ins Veltlin. Weder in der Provinz Belluno noch in der Region um Bormio und Livigno sind die geplanten Straßenbauten fertiggestellt. Die Pünktlichkeit der Busse des Staatskonzerns Trenitalia wird ebenso zum Prüfstein wie die Erreichbarkeit der vier über die Stadt verteilten Mailänder Hallen.
Immerhin: Einiges war schon da. Der Arco della Pace, der Friedensbogen am Stadtpark Sempione, wartet seit 180 Jahren darauf, dass ihm das olympische Feuer aufgesetzt wird. Das San Siro für die Eröffnungsfeier steht seit Jahrzehnten. Die Ankündigung, dass Mariah Carey zur Eröffnung auftritt, hat die Stadtpresse elektrisiert. Und der 29 Meter hohe Weihnachtsbaum auf dem Domplatz trug in diesem Jahr bereits Olympiaschmuck, bevor er nachhaltig in einer Gefängnistischlerei zu Möbeln verarbeitet werden soll. Es wäre bezeichnend, wenn der Christbaum zum Esstisch würde, noch bevor die Eishockey Arena fertig ist.
Lehren für künftige Großprojekte
Milano Cortina 2026 wirft grundsätzliche Fragen auf, die weit über Italien hinausreichen. Wie lassen sich ambitionierte Architekturentwürfe mit realistischen Zeitplänen vereinbaren? Welche Rolle sollten private Investoren bei öffentlichen Großprojekten spielen? Und wie ernst ist das Nachhaltigkeitsversprechen olympischer Veranstaltungen zu nehmen?
David Chipperfields Entwurf für die Santa Giulia Arena ist architektonisch überzeugend. Die Verbindung aus historischem Bezug und zeitgenössischer Materialität, aus urbanem Platzraum und multifunktionaler Halle könnte tatsächlich ein bleibendes Vermächtnis für die Stadt werden, wie es der Architekt selbst formulierte. Doch die Entstehungsgeschichte des Baus illustriert einmal mehr die Kluft zwischen Planungsanspruch und Baustellenrealität. Dass in Italien selbst Pritzker Preisträger gegen chronische Verzögerungen, bürokratische Hürden und undurchsichtige Finanzierungsstrukturen kämpfen müssen, sollte Bauherrinnen und Bauherren in ganz Europa zu denken geben.
Am 6. Februar 2026 soll die Eröffnungsfeier im San Siro stattfinden. Einen Tag zuvor treffen in der Santa Giulia Arena die Eishockey Nationalteams Italiens und Frankreichs aufeinander. Ob dann tatsächlich alles fertig sein wird? Die Mailänderinnen und Mailänder haben dafür ein Wort: vediamo. Schauen wir mal.

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