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Kategorie: MEINUNG & KRITIK
Krieg baut keine Wohnungen: Warum der Irankonflikt Wohnungsmangel verschärft
Die Bauwirtschaft ist ein Seismograph der Geopolitik: Kaum ein anderer Wirtschaftszweig reagiert so sensibel auf Energiepreise, Lieferkettenunterbrechungen und Zinsentwicklungen wie das Baugewerbe. Seit dem 28. Februar 2026, dem Beginn des Irankriegs mit israelischen und amerikanischen Angriffen auf Teheran, erlebt Österreich genau diese Kombination in einer Intensität, die an die Schockwellen des Ukrainekriegs von 2022 erinnert. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem die österreichische Bauwirtschaft gerade erst begonnen hatte, sich aus einer langen Rezessionsphase herauszuarbeiten.
Die Österreichische Nationalbank (OeNB) hat ihre Wachstumsprognose für 2026 bereits auf 0,5 Prozent zurückgenommen. Gouverneur Martin Kocher brachte es auf den Punkt: ‚Alles hängt davon ab, wie lange dieser Krieg dauert.‘ Raiffeisen Research ist noch pessimistischer und rechnet im Szenario einer länger gesperrten Straße von Hormus mit nur 0,3 Prozent Wachstum. Nach zwei Jahren Rezession haette 2026 ein Jahr des Aufbruchs werden sollen. Stattdessen: der nächste geopolitische Schock.
Was kostet der Krieg die österreichische Baustelle?
Die unmittelbaren Auswirkungen auf die Bauwirtschaft sind handfest und mehrfach. Erstens: Energie. Rund 41 Prozent des Energieverbrauchs im Baugewerbe entfallen auf Diesel, den Treibstoff von Bagger, Kran, Lastwagen und Betonmischer. Der Brent-Ölpreis sprang nach Kriegsbeginn zeitweise auf über 120 US-Dollar, europäischer Diesel verteuerte sich um mehr als 20 Prozent. Für ein mittelgroßes Bauprojekt bedeutet das konkret: Die Kalkulationsgrundlage, auf der der Generalunternehmer noch im Jänner unterschrieben hat, ist im März bereits nicht mehr gültig.
Zweitens: Baustoffe. Zement liegt bereits 60 Prozent über dem Preisniveau von 2021 und bewegte sich zuletzt kaum mehr. Flachglas, eines der energieintensivsten Baumaterialien, hatte sich 2025 bereits um 20 Prozent verteuert. Steigende Gas- und Stromkosten durch den Irankonflikt könnten nun die nächste Preisstufe zünden. Gleichzeitig führt die Gefährdung der Schifffahrtsrouten im Persischen Golf zu Verzögerungen bei Materiallieferungen und erhöhten Frachtkosten weltweit. Wer als Architekt oder Architektin heute ein Bauprojekt kalkuliert und es 2028 fertigstellen will, muss laut Prognosen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung mit 10 bis 13 Prozent höheren Gesamtkosten rechnen, und zwar im Basisszenario.
Drittens: Finanzierung. Die Bauzinsen, die Anfang 2026 noch bei rund 3,6 Prozent lagen, sind inzwischen auf über 4 Prozent gestiegen. Bei einem typischen Projektdarlehen von 350.000 Euro bedeutet ein Anstieg von nur 0,2 Prozentpunkten eine Mehrbelastung von rund 700 Euro pro Jahr. Banken fordern gleichzeitig höhere Eigenkapitalquoten, weil sie das geopolitische Risiko einpreisen. Gerade kleinere Bautraeger geraten dadurch in Bedrängnis. Projektfinanzierungen werden restriktiver vergeben, Transaktionen werden verschoben oder ganz abgesagt.
Sind Chancen im Wiederaufbau realistisch?
Es waere unkritisch, nur die Schatten zu zeichnen. Eine Studie des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) gemeinsam mit dem Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) unter Direktor Gabriel Felbermayr skizziert auch ein Langfristszenario: Im Falle eines politischen Umbruchs im Iran und der Aufhebung der Sanktionen koennte das österreichische BIP langfristig um 0,5 Prozent zulegen. Österreich ist, so wiiw-Experte Mahdi Ghodsi, ‚traditionell stark im Anlagen- und Maschinenbau, in der Bauwirtschaft, bei Verkehrsinfrastruktur oder in der Wasseraufbereitung und Umwelttechnik‘, Bereiche mit enormem Aufholbedarf im Iran.
Das ist richtig. Und es ist zugleich ein Trugschluss, der österreichischen Planungsbüros heute kurzfristig wenig nutzt. Erstens: Die Exporte Österreichs in den Iran sanken von 276 Millionen Euro im Jahr 2016 auf nur noch 118 Millionen Euro im Jahr 2024. Die wirtschaftlichen Verbindungen sind bereits vor dem Krieg auf ein Minimum geschrumpft. Zweitens: Wiederaufbau im postkonfliktären Iran, wenn er denn kommt, ist ein mittelfristiges Szenario, das unter enormer politischer Unsicherheit steht. Drittens: Die österreichische Bauwirtschaft kaempft gerade damit, genug Fachkraefte fuer heimische Projekte zu haben. Laut Schätzungen fehlen der europäischen Baubranche aktuell fast 400.000 qualifizierte Arbeitskraefte. Exportprojekte im Krisengebiet setzen andere Voraussetzungen voraus, als sie heute gegeben sind.
Was bedeutet das für Planungsbüros in Österreich?
Die eigentliche Lektion des Irankriegs für die österreichische Architektur- und Planungsbranche ist keine iranische, sondern eine hiesige: Geopolitische Risiken sind längst Bestandteil der Projektkalkulation geworden. Das war nach dem Ukrainekrieg 2022 so, und es gilt 2026 erneut. Wer heute ein Projekt über HOAI-konforme Honorarermittlung oder die österreichische Honorarordnung Architekten (HOA) abwickelt und bei der Kostenschätzung nach ÖNORM B 1801-1 fünf Prozent Unvorhergesehenes einplant, muss sich fragen, ob diese Reserve in einem Energiepreisschock von 20 Prozent auf Diesel noch ausreicht.
Die Antwort ist unbequem: Nein. Die Branche braucht neue Konventionen fuer geopolitische Risikoaufschläge in Vertraegen, ähnlich dem, was in der Bauwirtschaft nach dem Ukraineschock diskutiert, aber kaum umgesetzt wurde. Gleichzeitig bietet die Situation eine paradoxe Chance: Der österreichische Staat plant, wie in Deutschland mit dem Sondervermögen von 500 Milliarden Euro, massive Infrastrukturinvestitionen. Staatliche Nachfrage wird einen Markt befeuern, dem qualifizierte Fachkräfte fehlen. Wer heute gut aufgestellt ist, hat Arbeit auf Jahre hinaus. Wer auf den privaten Wohnungsbau gesetzt hat, schaut in die Röhre.
Felbermayr sprach von ‚moralischer Klarheit und wirtschaftlicher Vorsorge‘, die sich nicht ausschliessen. Das gilt auch für die Baubranche. Die moralische Klarheit besteht darin, einen Krieg als das zu benennen, was er ist: als humanitaere Katastrophe mit realen wirtschaftlichen Konsequenzen. Die wirtschaftliche Vorsorge besteht darin, Projekte heute so zu kalkulieren, dass sie morgen noch gebaut werden koennen. Unsicherheit, das haben alle Krisen seit 2020 gezeigt, ist kein temporärer Zustand mehr. Sie ist die neue Normalität. Und die Bauwirtschaft muss sich darauf einstellen, mit Vertraegen, Honorarordnungen und Planungsinstrumenten, die dieser Realität entsprechen.

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