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Stein und Eitelkeit: Was Trumps Triumphbogen über Amerika erzählt
Ein Triumphbogen ist kein neutrales Bauwerk. Er ist eine Aussage über Macht, Kontinuität und den Anspruch eines Auftraggebers, Geschichte zu formen. Die Trump-Administration hat am 10. April 2026 offizielle Entwürfe für einen 76 Meter hohen Triumphbogen in Washington D.C. vorgelegt, entworfen vom Büro Harrison Design mit Sitz in der US-Hauptstadt. Das Bauwerk soll im Memorial Circle stehen, auf dem Ufer des Potomac gegenüber dem Lincoln Memorial und in direkter Sichtachse zum Arlington National Cemetery. Die Commission of Fine Arts (CFA) befasst sich am 16. April 2026 mit dem Vorhaben.
Die Entwurfszeichnungen zeigen eine weiße Torstruktur mit vergoldeter Engelsfigur an der Spitze, vier goldenen Löwen an der Basis und den Inschriften „One Nation Under God“ sowie „Liberty and Justice for All“. Die Höhe von 250 Fuß (rund 76 Meter) ist symbolisch gewählt: Sie verweist auf das Semiquincentennial, das 250-jährige Bestehen der Vereinigten Staaten, das im Sommer 2026 gefeiert wird. Das Bauwerk würde den Pariser Arc de Triomphe um mehr als 25 Meter übertreffen und auch den Triumphbogen in Pjöngjang (60 Meter) deutlich hinter sich lassen. Nach den vorliegenden Planunterlagen sollen Treppen und Aufzüge zu einer Aussichtsplattform führen. Für das Projekt sind laut Haushaltsdokumenten des National Endowment for the Humanities 15 Millionen Dollar aus öffentlichen Mitteln vorgesehen (2 Millionen als Direktmittel, 13 Millionen als Matching-Fonds), weitere private Beiträge sind geplant.
Was verrät ein Triumphbogen über das politische Selbstverständnis seines Auftraggebers?
Die Bauform des Triumphbogens hat eine klare Genealogie. Der Titusbogen in Rom (81 n. Chr.), der Arc de Triomphe in Paris (1836), das Brandenburger Tor in Berlin: Alle wurden errichtet, um militärische Siege zu feiern, imperiale Gesten festzuschreiben oder Staatsideologien im Stadtraum zu verankern. Kein demokratisches Staatswesen der Gegenwart baut mehr Triumphbögen, weil die Form selbst eine Botschaft trägt, die sich mit den Grundlagen liberaler politischer Kultur schlecht verträgt.
Der Entwurf von Harrison Design greift tief in die Bilderwelt des amerikanischen Eklektizismus und verbindet klassizistische Torarchitektur mit barocker Statuarik und nationalsymbolischer Ikonografie. Das Ergebnis ist ästhetisch weit entfernt von der zurückhaltenden Noblesse des Lincoln Memorial oder der abstrakten Strenge des Vietnam Veterans Memorial. Es ist, in der Terminologie der Architekturkritik, Herrschaftsarchitektur: Baukunst nicht als öffentlicher Raum, sondern als Machtdemonstration.
Dass Trump auf die Frage, wen das Bauwerk ehren solle, mit dem Wort „Mich“ antwortete, ist insofern keine Überraschung, sondern die offene Artikulation dessen, was die Formsprache bereits nahelegt. Ein Triumphbogen, der Höhenrekorde anstrebt, vergoldete Statuen trägt und in einer für den Stadtverkehr relevanten Achse platziert wird, ist kein Mahnmal. Er ist ein Monument des Egos.
Die Parallelen zur europäischen Geschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sind unübersehbar. Autoritäre Regime haben stets versucht, durch monumentale Architektur politische Legitimität herzustellen. Albert Speers nie realisierter Triumphbogen für das nationalsozialistische Berlin hätte 120 Meter gemessen. Mussolinis römische Stadtplanungen waren auf Sichtachsen und Monumentalbauten ausgerichtet. Das ergibt eine unbequeme ikonografische Nachbarschaft für ein Bauwerk, das sich als Feier amerikanischer Freiheit versteht.
Welche Konsequenzen hat die Instrumentalisierung staatlicher Gutachtergremien für die Baukultur?
Baukultur braucht unabhängige Institutionen. Die Commission of Fine Arts ist eine solche: Sie prüft seit 1910 Bauvorhaben im Bundesgebiet der US-Hauptstadt auf architektonische und ästhetische Qualität. Ihre Unabhängigkeit setzt voraus, dass ihre Mitglieder ohne politische Rücksicht urteilen können.
Im Oktober 2025 entließ Trump sechs der sieben amtierenden CFA-Mitglieder und ersetzte sie durch eigene Kandidatinnen und Kandidaten. Zum Zeitpunkt der Vorlage der Triumphbogenpläne setzt sich die Kommission ausschließlich aus Trump-Ernannten zusammen. Die Frage, ob die CFA den Entwurf unabhängig beurteilen kann, ist damit rhetorischer Natur.
Das ist kein rein amerikanisches Problem. In Deutschland kennt man ähnliche Strukturen: Gestaltungsbeiräte und Baukommissionen sind auf kommunaler Ebene oft politisch zusammengesetzt, und ihre Empfehlungen werden nicht immer als bindend betrachtet. Der Unterschied liegt im Grad der institutionellen Demontage. Dass ein Regierungschef kurz vor dem Einreichen eigener Baupläne die zuständige Prüfbehörde personell kontrollierbar macht, ist in demokratischen Systemen ohne Präzedenz.
Die National Capital Planning Commission (NCPC), die Bundesbehörde für Stadtplanung im Hauptstadtgebiet, soll ebenfalls befasst werden. Eine Gruppe von Vietnamveteranen und ein Historiker haben Klage eingereicht, um den Bau zu verhindern: Das Bauwerk würde die historischen Sichtachsen zwischen Lincoln Memorial und Arlington National Cemetery irreversibel zerstören. Ein Bundesrichter hatte im März 2026 bereits eine Umbaumaßnahme am Weißen Haus vorläufig gestoppt, weil keine gesetzliche Grundlage vorlag.
Für die internationale Architekturkritik stellt der Arc de Trump eine Zuspitzung einer Frage dar, die sich auch in Europa stellt: Wer entscheidet, welche Architektur im öffentlichen Raum steht? Welche Formen trägt die Demokratie, und welche trägt sie nicht? Die Antwort entscheidet sich nicht am Reißbrett, sondern in den Institutionen, die über das Reißbrett befinden.
Ein Triumphbogen, der mit öffentlichen Mitteln gebaut wird, auf öffentlichem Grund steht und die Sichtachsen eines nationalen Gedenkorts verändert, ist eine öffentliche Angelegenheit. Dass er ohne parlamentarische Ermächtigung und mit einer ad hoc restrukturierten Genehmigungsbehörde vorangetrieben wird, sagt mehr über den Zustand demokratischer Baukultur in den Vereinigten Staaten aus als jede Fassade aus Kalkstein und Gold.

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