Baukunst - Die Reparatur als Triumph: Wie Brüssel und Gent Europas Architekturpreis 2026 gewinnen
Aerial view of the Oulu city in the region of North Ostrobothnia in Finland

Die Reparatur als Triumph: Wie Brüssel und Gent Europas Architekturpreis 2026 gewinnen

30.04.2026
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Redaktion.baukunst.art

baukunst.art  /  Unterwegs  / Mai 2026

Charleroi statt Spektakel

EUmies Awards 2026 in Oulu: Reparatur, Reaktivierung und ein Signal an die deutsche Bauwende

Die EUmies Awards 2026 zeichnen mit dem Charleroi Palais des Expositions ein Gebäude aus, das nicht abgerissen, sondern repariert, geöffnet und neu interpretiert wurde. Der mit 60.000 Euro dotierte Hauptpreis des Europäischen Union Preises für zeitgenössische Architektur, vergeben von der Europäischen Kommission und der Fundació Mies van der Rohe, ging am 16. April 2026 an das Brüsseler Büro AgwA und architecten jan de vylder inge vinck aus Gent. Der Emerging Architecture Prize über 30.000 Euro wurde Vidic Grohar Arhitekti aus Ljubljana für ihre temporären Spielstätten des Slowenischen Nationaltheaters zugesprochen.

Verkündet wurden die beiden Sieger im Aalto-Siilo in Oulu, einem 1931 von Alvar und Aino Aalto entworfenen Industriebauwerk in der finnischen Europäischen Kulturhauptstadt 2026. Schauplatz und Botschaft fielen dabei in eins: Eine Auszeichnung, die das Bauen im Bestand zum Leitmotiv erhebt, wird in einer ehemaligen Zellulose-Lagerhalle verliehen, die selbst nur durch sorgfältige Umnutzung dem Verfall entgangen ist. Die Jury unter Vorsitz des chilenischen Architekten Smiljan Radić Clarke beschreibt diesen Befund als Architektur, die mit dem Bestehenden arbeitet und Beschränkungen in Chancen verwandelt.

Aus 410 Nominierungen aus 40 Ländern und 143 Regionen, eingereicht von unabhängigen Expertinnen und Experten sowie nationalen Architektenverbänden, hatte die siebenköpfige Jury zunächst eine Shortlist von 40 Werken und sieben Finalisten gebildet. Vier dieser sieben Finalisten waren Umbauten, kein einziger ein klassischer Solitär-Neubau auf der grünen Wiese. Fünf der sechs Mitglieder neben dem Vorsitz, Carl Bäckstrand, Chris Briffa, Zaiga Gaile, Tina Gregorič, Nikolaus Hirsch und Rosa Rull Bertrán, kommen aus Büros, die seit Jahren Bestandsarbeit als Kerndisziplin verstehen. Die Auswahl ist also keine Überraschung, sondern eine Verdichtung.

Was bedeutet die Auszeichnung für die deutsche Umbaukultur?

Für den deutschsprachigen Architekturdiskurs ist der Befund von Oulu mehr als ein belgisch-slowenisches Doppel. Er knüpft direkt an die EUmies-Auszeichnung von 2024 an, als der Studierendenpavillon der TU Braunschweig von Gustav Düsing und Max Hacke den Hauptpreis erhielt, ein Gebäude, das nach dem Prinzip Design for Disassembly konzipiert ist und sich vollständig demontieren lässt. 2024 wurde damit das zerlegbare Neue gefeiert, 2026 das wiederverwendete Alte. Beide Preisträger formulieren denselben Satz mit verschiedenen Werkzeugen: Architektur muss aufhören, sich an Verbrauch und Spektakel zu messen.

Genau dieser Punkt ist für die deutsche Debatte heikel. Die Förderkulisse des Bundes belohnt seit Jahrzehnten den energetisch optimierten Neubau, während der Bestand mit komplizierten Auflagen aus Gebäudeenergiegesetz (GEG), Denkmalschutzgesetzen der Länder und nicht zuletzt aus den Landesbauordnungen belegt wird. Die Bundesarchitektenkammer (BAK) hat in ihrem Positionspapier zur Bauwende 2024 mehrfach gefordert, die graue Energie des Bestands in der Ökobilanz und im Förderrecht systematisch anzuerkennen, etwa über die DIN EN 15978 zur Bewertung der Umweltqualität von Gebäuden. Charleroi liefert nun einen sichtbaren Beleg, dass diese Haltung nicht nur ethisch, sondern ästhetisch tragfähig ist.

Das ausgezeichnete Umbauprojekt im belgischen Wallonien arbeitet mit knappem Budget, schlägt die Äußenwände des ursprünglich geschlossenen Messezentrums auf, schafft überdachte, klimatisch differenzierte Außenräume und ergibt im Rechnen mit dem Bestand eine faktische Nullenergie-Bilanz. Das ist keine Sanierung im konventionellen Sinn, sondern eine Reparatur, die das Bauwerk als lebendes Artefakt begreift. Genau dieser Begriff wirkt anschlussfähig für eine Generation deutscher Planerinnen und Planer, die Bestand nicht als Altlast, sondern als Ressource verstehen will.

Wie passt das Charleroi-Modell zur deutschen Baurechtsreform?

Der Zeitpunkt der Verleihung trifft auf eine bewegte deutsche Baurechtslandschaft. Mit dem 2024 in mehreren Ländern eingeführten Gebäudetyp E nach § 86 Absatz 2 Musterbauordnung (MBO) und seinen landesspezifischen Umsetzungen, etwa in Artikel 84 BayBO, sollen Vereinbarungen zwischen fachkundigen Bauherren und Planenden erleichtert werden, die von technischen Regelwerken kontrolliert abweichen. Parallel diskutieren die Architektenkammern unter dem Stichwort Umbauordnung eine eigenständige Genehmigungssystematik für das Bauen im Bestand, die nicht den Neubau-Logiken der LBOs folgt, sondern eigene Maßstäbe für Brandschutz, Statik und Schallschutz im umgewidmeten Bauwerk anlegt.

Das Charleroi-Projekt zeigt exemplarisch, was eine solche Umbauordnung ermöglichen könnte. Eine Halle aus den 1950er Jahren, die nach heutigem GEG-Standard kaum genehmigungsfähig wäre, wird nicht in einen energetischen Vollausbau gezwungen, sondern in ein hybrides Raumsystem aus geschlossenen, halboffenen und völlig offenen Bereichen überführt. Das setzt eine Genehmigungspraxis voraus, die zwischen Innenraumklima und Außenraumklima differenziert, was deutsche Bauordnungen bislang nur in Sonderbauten zulassen. Die HOAI in der Fassung 2021 sieht in den Leistungsphasen 1 bis 3 zwar bereits eine Bestandsaufnahme vor (§ 34 HOAI mit Anlage 10), die kostenseitig nach DIN 276 zu strukturieren ist, doch das honorartechnische Risiko unbekannter Bestandseigenschaften liegt nach wie vor weitgehend beim Planungsbüro.

Das EUmies-Signal aus Oulu sollte deshalb in Berlin und in den Länderministerien gelesen werden, nicht nur in den Architekturredaktionen. Wenn die Europäische Kommission das Charleroi-Projekt im Rahmen des Programms Creative Europe als Verkörperung der Werte des Neuen Europäischen Bauhauses und des Europäischen Green Deal präsentiert, ist das eine politische Setzung. Sie verbindet die Kültur-Agenda mit der ökologischen Bauwende und entzieht dem Argument, Bestandsarbeit sei eine Nische für engagierte Einzelbüros, die Grundlage.

Das slowenische Pendant verdient an dieser Stelle eine eigene Erwähnung. Vidic Grohar Arhitekti haben das Nationaltheater Drama für die Dauer der Sanierung des Stammhauses in einen aufgegebenen Industriekomplex am Stadtrand Ljubljanas verlegt und dort mit minimalen, reversiblen Eingriffen Spielstätten, Foyers und Werkstätten geschaffen. Was als Provisorium gedacht war, wirkt nun wie ein Manifest. Die Jury würdigt ausdrücklich, dass aus einer temporären Bedingung eine bleibende architektonische Aussage geworden ist. Für deutsche und österreichische Kommunen, die mit Interimsspielstätten für ihre Stadttheater ringen, etwa in Hannover, München oder Linz, wäre dieses Modell ein lehrreiches Argument gegen die reflexhafte Containerarchitektur der üblichen Auslagerungslösungen.

Für die DACH-Region bleibt eine Beobachtung hinzuzufügen, die in der internationalen Berichterstattung untergeht. Die deutschen Beiträge der Edition 2026, vorgeschlagen vom Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) und vom Deutschen Architekturmuseum (DAM), kamen nicht in die Endrunde der sieben Finalisten. Österreich und die Schweiz schafften es ebenfalls nicht auf die Shortlist. Das ist kein Zufall, sondern ein Hinweis. Wo in Belgien, Slowenien, Spanien und Frankreich Umbau längst zur selbstverständlichen Disziplin geworden ist, bleibt der DACH-Raum auch 2026 geprägt von einer Förderkulisse, die Neubau und Effizienzhaus-Standard über alles stellt. Die Preisverleihung am 11. und 12. Mai 2026 im Mies-van-der-Rohe-Pavillon in Barcelona, eingebettet in das Programm der Welthauptstadt der Architektur, wäre ein guter Anlass, diese Schieflage zu adressieren.

WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN FÜR LESERINNEN UND LESER

Offizielle Quellen, Projektdokumentation und Hintergrundmaterial für die vertiefte Recherche.

EUmies Awards 2026, offizielle Sieger-Seite https://eumiesawards.com/architecture-emerging/the-winners/
Charleroi Palais des Expositions, Projektseite mit Plänen und Bauteam https://eumiesawards.com/heritageobject/charleroi-palais-des-expositions/
EUmies Awards, Hauptseite und Archiv (6.509 Projekte seit 1988) https://eumiesawards.com/
Oulu 2026, Europäische Kulturhauptstadt https://www.oulu2026.eu/
EUmies Awards Days, 11. und 12. Mai 2026 in Barcelona https://eumiesawards.com/architecture-emerging/eumies-awards-days-2026/
AgwA, Architekturbüro Brüssel https://agwa.be/
architecten jan de vylder inge vinck, Gent https://architectenjandevylderingevinck.be/
Vidic Grohar Arhitekti, Ljubljana, Emerging-Preisträger https://vidicgrohar.com/

Hinweis: Die offizielle Preisverleihung der EUmies Awards 2026 findet am 11. und 12. Mai 2026 im Mies-van-der-Rohe-Pavillon und im Palau Victòria Eugènia in Barcelona statt, im Rahmen des Programms Barcelona World Capital of Architecture 2026.