Baukunst - Zumthors LACMA: 724 Millionen Dollar, weniger Wand
Exterior view southeast toward Wilshire Boulevard with Tony Smith's Smoke (1967) in foreground, David Geffen Galleries at LACMA, art © Tony Smith Estate/Artists Rights Society (ARS), New York, photo© Iwan Baan

Zumthors LACMA: 724 Millionen Dollar, weniger Wand

30.04.2026
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Stuart Rupert

baukunst.art  /  Meinung / Mai 2026

Das neue LACMA: Ein Bau ohne Details

Stuart Stadler, Architekt, Herausgeber baukunst.art

Das David Geffen Galleries Building am Los Angeles County Museum of Art (LACMA) ist im April 2026 eröffnet worden. Es kostet 724 Millionen US-Dollar, ersetzt vier Bauten von William Pereira aus den Jahren 1965 bis 1986 und überspannt mit 220 Metern Länge den Wilshire Boulevard. Den Namen Peter Zumthor trägt es zu Recht. Den Rang eines Meisterwerks löst es nicht ein.

Diese Differenz lässt sich auf eine knappe Formel bringen: Zumthor als Architekt war die richtige Wahl. Das gebaute Resultat ist nicht mehr sein Werk im vollen Sinne. Das hat der Architekt selbst formuliert, im Oktober 2023 im Gespräch mit der New York Times: „There are no Zumthor details any more.“ Diese Eigendiagnose ist die genaueste Kritik, die zum Bau bisher vorliegt. Sie kommt vom Verfasser.

Was bleibt von Zumthor in Los Angeles?

Wer Zumthors Werk kennt, kennt die Therme Vals von 1996, das Kolumba Museum in Köln von 2007 und die Bruder-Klaus-Kapelle in Wachendorf von 2007. Alle drei Bauten verbinden Materialwahrheit, präzise Lichtführung und das Vertrauen, dass weniger das Mehr ist. Sie sind Meisterwerke, weil sie Detail und Ganzes gleich ernst nehmen. Das Bauteilfugenmaß ist dort keine Nebensache, es ist Inhalt.

Im LACMA-Bau fehlt diese Korrespondenz. Der Beton schwebt knapp neun Meter über dem Wilshire Boulevard, die Spannweiten erreichen 24 Meter, die Tragwerksleistung von Skidmore, Owings and Merrill (SOM) als Architect of Record ist technisch herausragend, mit über 100 sequenzierten Betonagen und einer Vorspannung, die Zumthors amorphen Grundriss überhaupt erst ermöglicht. Im Inneren begegnet sich Rohbeton mit großzügigem Tageslicht. Antiken, Skulpturen, Keramiken und Textilien profitieren davon. Malerei verträgt diese Atmosphäre schlecht. Die Architekturkritik des Art Newspaper hat das im April 2026 mit vier von fünf Sternen protokolliert: Holz, Stein, Glas und Ton kommen zur Geltung, Ölmalerei mit feiner Bildsprache verliert.

Was kosten 110.000 sq ft Ausstellung tatsächlich?

Die nüchterne Rechnung ergibt einen Preis, der die Diskussion verschiebt. Das Gebäude umfasst 32.300 Quadratmeter Bruttogrundfläche. Davon entfallen rund 10.220 Quadratmeter auf Ausstellungsfläche, das entspricht den 110.000 sq ft, die die Bauherrschaft kommuniziert. Bei Baukosten von 724 Millionen US-Dollar ergibt sich ein Preis von rund 70.800 US-Dollar je Quadratmeter Galerie. Diese Kennzahl wird in keiner Pressemitteilung der Bauherrschaft ausgewiesen. Sie ergibt sich aus der Division.

Zum Vergleich die ersetzten Pereira-Bauten: 393.000 sq ft Bruttogrundfläche, davon 120.000 sq ft Galerien. Der Neubau verkleinert die Ausstellungsfläche also um rund zehn Prozent, bei einem Investitionsvolumen, das die seinerzeitigen Baukosten um ein Vielfaches überschreitet. LACMA-Direktor Michael Govan argumentiert, dass die Differenz durch ausgelagerte Depots und externe Verwaltungsflächen ausgeglichen werde. Das Argument trägt buchhalterisch. Es trägt nicht für die Frage, wie viel Wandfläche zur Verfügung steht, um zweidimensionale Bestände zu zeigen. Diese Wandfläche ist der eigentliche Verlierer des Projekts. Die Reduktion der hängbaren Linearmeter fällt nach Beobachtung mehrerer Kritikerinnen und Kritiker stärker aus, als es der Flächenrückgang nahelegt, weil Zumthors offene, kurvige Raumkonfiguration fortlaufende Wandzüge ohnehin selten zulässt.

Wer trägt die Verantwortung für den Detailverlust?

Zumthors Aussage von 2023 verweist auf einen geläufigen Mechanismus: value engineering. Bauteile, Materialien und Detaillösungen werden im Bauprozess wegen Kosten- oder Zeitdruck reduziert oder ersetzt. Was am Ende auf der Baustelle steht, hat mit dem Stand der frühen Werkplanung oft wenig gemein. Im Fall LACMA scheint dieser Prozess weit gegangen zu sein. Bauherrin und Architect of Record tragen die Verantwortung für die Ausführungstiefe. Der Entwurfsarchitekt trägt die Verantwortung für die Idee, die er gezeichnet hat. Wenn der Entwurfsarchitekt selbst feststellt, dass seine Details verschwunden sind, ist die Frage nach dem Resultat beantwortet.

Der Bau wird trotzdem überwiegend als Erfolg eingeordnet werden. Die Fachpresse hat freundlich reagiert, Common Edge spricht von einem global cultural landmark. Diese Lesart ist nicht falsch. Sie ist unvollständig.

Was lässt sich aus dem Fall ableiten?

Der LACMA-Bau ist ein Lehrstück. Er zeigt, wie selbst eine architekturhistorisch zwingende Beauftragung an der Realität amerikanischer Bauprozesse, an Kostenkontrolle, an Bauherrenmacht und an der schieren Größe des Programms scheitern kann, ohne im technischen Sinne zu scheitern. Das Gebäude steht. Es funktioniert. Es zeigt Kunst. Es ist nur kein Zumthor mehr.

Für die deutschsprachige Diskussion lohnt der Befund. Wer den Architekten der Therme Vals nach Kalifornien beruft und auf eine Übersetzung seines Idioms in eine 33.000 Quadratmeter messende Maschine setzt, hat keine Sprachfrage unterschätzt, sondern eine Kategoriendifferenz. Zumthors Werk ist auf das Maß abgestimmt, in dem es entstanden ist. Skaliert man es um den Faktor zehn, bleibt die Geste, nicht die Substanz. Die David Geffen Galleries belegen das in voller Größe.

Die Gegenrechnung gehört dazu. Govan und sein Haus haben einen ikonischen Bau bekommen, der den Standort neu sichtbar macht. Die Plaza schafft, mit Einschränkungen, einen öffentlichen Raum am Wilshire Boulevard, der vorher nicht existierte. Die Antiken werden im Tageslicht gezeigt, das ihnen zusteht. Der Verzicht auf eine zentrale Achse und ein hierarchisches Atrium öffnet die Sammlung für eine nicht-chronologische Lesart, die das kuratorische Konzept „Four Oceans“ trägt. Diese Punkte sind zu nennen, weil eine Kritik, die das nicht sieht, nicht trägt.

Bilanz nach 40 Berufsjahren: Beauftragung richtig, Bauherrenführung professionell, Tragwerksleistung exzellent, Architekt am Detail vorbeigeführt. Ein Meisterwerk ist anders erkennbar.

Weiterführend

David Geffen Galleries, offizielle Projektseite des LACMA: lacma.org/geffen-galleries

SOM als Architect of Record, Projektdokumentation mit Tragwerksdaten: som.com/projects/los-angeles-county-museum-of-art-lacma-david-geffen-galleries

The Art Newspaper, ausführliche Kritik von April 2026, vier Sterne: theartnewspaper.com/2026/04/23/big-review-lacma-david-geffen-galleries

The Architect’s Newspaper, gesammelte Stimmen aus der Architekturszene Los Angeles vor der Eröffnung: archpaper.com/2026/04/architects-critics-educators-early-takes-lacma

Zumthors Aussage „There are no Zumthor details any more“ stammt aus einem Interview mit der New York Times vom Oktober 2023, im Kontext der Berichterstattung zum Baufortschritt.