
baukunst.art / Inspiration? / Mai 2026
Stuart Stadler Architekt, Herausgeber baukunst.art
Krieg in der Lagune
Die 61. Internationale Kunstausstellung der Biennale di Venezia eröffnet am 9. Mai 2026 als institutionell beschädigte Veranstaltung: ohne Jury, ohne Eröffnungsfeier und ohne die traditionelle Vergabe der Goldenen Löwen zu Beginn. Damit hat eine Krise, die im März 2026 mit der Wiederzulassung Russlands begann, ihren vorläufigen Tiefpunkt erreicht. Die Vorgänge sind kein Streit mehr um eine einzelne Pavillon-Genehmigung. Sie sind das Lehrstück, was passiert, wenn eine Kunstinstitution sich anmaßt, internationale Politik zu machen, und wenn die internationale Politik sich anmaßt, über Kunst zu urteilen.
Die Eskalation lässt sich präzise datieren. Im März meldete Russland nach vier Jahren Pause seinen Pavillon zur Biennale an, kuratiert durch Anastasija Kornejewa, Tochter eines russischen Rüstungsmanagers im Rang eines Geheimdienstgenerals und Geschäftspartnerin der Tochter von Außenminister Sergej Lawrow. Im April kündigten EU-Kulturkommissar Glenn Micallef und EU-Vizepräsidentin Henna Virkkunen an, der Fondazione Biennale Subventionen in Höhe von zwei Millionen Euro zu streichen, sollte Russland teilnehmen. Mitte April beschloss die Jury unter Vorsitz der brasilianischen Kunsthistorikerin Solange Farkas, sowohl Russland als auch Israel von der Preisvergabe auszuschließen, gestützt auf die Anklagen gegen Putin und Netanjahu vor dem Internationalen Strafgerichtshof. Die italienische Regierung entsandte daraufhin Inspektoren. Vergangene Woche trat die Jury geschlossen zurück, zum ersten Mal seit der Gründung der Biennale 1895. Die Eröffnungsfeier wurde abgesagt, die Goldenen Löwen werden Ende November als „Leoni dei Visitatori“ durch Publikumsabstimmung vergeben.
Wie konnte aus einer Pavillon-Genehmigung ein kontinentaler Konflikt werden?
Der zentrale Fehler liegt bei Pietrangelo Buttafuoco, dem von der Regierung Meloni im März 2024 eingesetzten Biennale-Präsidenten. Buttafuoco hat den Russland-Pavillon mit dem Argument einer „kulturellen Waffenruhe“ verteidigt. Italiens Kulturminister Alessandro Giuli hat ihm vergangene Woche in „La Repubblica“ vorgeworfen, eine „Vereinte Nationen der Kunst“ konstruieren zu wollen und einer „pazifistischen Fantasie“ erlegen zu sein. Bemerkenswert ist die Quelle dieser Kritik: Giuli und Buttafuoco kommen aus demselben politischen Lager. Eine Ablösung wird inzwischen offen diskutiert.
Der Vorwurf Giulis trifft, ungeachtet seiner parteipolitischen Motive, einen sachlichen Punkt. Eine Kunstinstitution kann sich nicht gleichzeitig als unabhängige Plattform und als außenpolitischer Akteur positionieren. Buttafuocos Berufung auf das Statuto der Fondazione Biennale, das Eingriffe in nationale Pavillon-Anmeldungen formal ausschließt, ist juristisch korrekt und politisch unbeholfen. Wer Russland 2026 zur Beteiligung einlädt, weiß, dass die kuratorisch Verantwortlichen Verbindungen in den Sicherheitsapparat haben. Wer das nicht weiß, sollte ein anderes Amt führen.
Was bedeutet es, wenn eine Jury Außenpolitik betreibt?
Die Jury Farkas ist mit ihrem Ausschluss-Beschluss in dasselbe Loch gefallen, nur aus der entgegengesetzten Richtung. Sie hat die Künstlerinnen und Künstler in Sippenhaft für ihre Regierungschefs genommen. Im Fall Israels trifft das den jüdisch-rumänischen Künstler Belu-Simion Fainaru, dessen von Paul Celan inspirierte Installation „Rose of Nothingness“ kein einziges Argument für Netanjahu vorträgt. Die Logik wird umso fragwürdiger, weil eine analoge Anwendung auf die USA, deren Präsident Krieg gegen Iran führt, unterblieb. Die Jury hat damit jene Glaubwürdigkeit beschädigt, die sie für ihre Preisvergabe gebraucht hätte. Ihr Rücktritt war konsequent. Die Lösung, die Goldenen Löwen durch Publikumsvotum zu vergeben, ist allerdings keine Lösung, sondern eine Kapitulation. Wer die Bewertung zeitgenössischer Kunst dem Publikum überlässt, schafft die Idee einer Fachjury ab. Das mag publikumstauglich sein. Mit der Funktion der Biennale als Bewertungsinstitution hat es nichts zu tun.
Wo bleiben die anderen Pavillons?
Während Russland und Israel die Schlagzeilen besetzen, geht unter, dass die übrigen Pavillons das Problem strukturell spiegeln. Südafrikas Kulturminister Gayton McKenzie hat den eigenen Beitrag im Januar 2026 mit der Begründung gestoppt, ein nationaler Pavillon dürfe „nicht dazu genutzt werden, spaltende globale Konflikte zu verstärken, die nicht Südafrikas eigene Geschichte in den Mittelpunkt stellen“. Das ist die einzige institutionell erwachsene Reaktion in diesem ganzen Vorgang. Iran nimmt nicht teil. Die USA werden vom bislang weitgehend unbekannten Bildhauer Alma Allen vertreten, kuratiert von der ehemaligen Hundefutter-Vertreterin Jenni Parido aus Tampa, eingesetzt durch Trumps Vertrauten Dan Scavino. Die ursprünglich vorgesehene Künstlerin Barbara Chase-Riboud hatte mit den Worten „Now is not the moment!“ abgesagt, weil die neuen Richtlinien des US-Außenministeriums verlangen, dass Pavillon-Beiträge „amerikanische Werte fördern“ und „den Exzeptionalismus der USA präsentieren“. Österreich lässt Florentina Holzinger im Pavillon „Seaworld Venice“ Urintanks installieren, gefördert mit 600.000 Euro Steuermitteln des Bundes. Wer die Liste durchgeht, erkennt: Es ist nicht die Biennale, die in der Krise steckt. Es sind die Staaten, die sie beschicken.
Was lernt die Architekturbiennale 2027 aus diesem Vorgang?
Die 19. Internationale Architekturausstellung wird 2027 unter neuen Vorzeichen eröffnen. Eine Lehre lässt sich jetzt ziehen: Wer kuratorische Verantwortung mit politischer Diplomatie verwechselt, beschädigt beide. Die Biennale braucht einen Präsidenten, der den Unterschied zwischen einer Pavillon-Genehmigung und einem außenpolitischen Statement kennt. Sie braucht eine Jury, die ihre Bewertungsfunktion wahrnimmt, statt sich an politischen Sippenhaft-Begründungen zu beteiligen. Sie braucht Pavillons, die Kunst zeigen, nicht nationale Selbstinszenierung.
Die 61. Kunstausstellung wird stattfinden. Sie wird Besucher haben, sie wird Berichte produzieren, sie wird in der Kunstgeschichte verzeichnet bleiben. Sie wird aber auch das Datum markieren, an dem eine Institution ihre Funktion verloren hat, weil keiner der Beteiligten bereit war, seine eigene Rolle ernst zu nehmen. Der Präsident wollte Diplomat sein, die Jury wollte Gericht sein, die Politik wollte Kuratorin sein. Am Ende bleibt, was übrig bleibt, wenn alle ihre Posten verlassen: ein Theater ohne Stück. „In Minor Keys“, das Motto der Biennale, hat ungewollt eine zweite Bedeutung gewonnen.

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