Baukunst - Smiljan Radić Clarke erhält den Pritzker-Preis 2026
Smiljan Radić Clarke, photo courtesy of The Pritzker Architecture Prize

Smiljan Radić Clarke erhält den Pritzker-Preis 2026

07.05.2026
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Stuart Stadler

baukunst.art  |  Inspiration / Internationales | Mai 2026

Der Architekt der ersten Prinzipien. Smiljan Radić erhält den Pritzker-Preis 2026

Der chilenische Architekt wird für ein Werk ausgezeichnet, das Fragilität zur Methode macht. Eine Werkbetrachtung von Santiago de Chile bis London.

Wer ist Smiljan Radić Clarke?

Am 12. März 2026 hat die Hyatt Foundation den 55. Pritzker-Preis vergeben. Er geht an Smiljan Radić Clarke aus Santiago de Chile. Damit ist Radić nach Alejandro Aravena (2016) der zweite Chilene, der diese international höchste Auszeichnung der Profession erhält, und der fünfte lateinamerikanische Architekt insgesamt.

Radić, geboren 1965 in Santiago, ist Sohn einer Einwandererfamilie. Die Großeltern väterlicherseits stammen aus Brač in Kroatien, die Familie der Mutter aus dem Vereinigten Königreich. Obwohl er beruflich nur den väterlichen Namen Radić führt, hat er die Stiftung gebeten, bei der Bekanntgabe auch den Mädchennamen seiner Mutter Clarke zu nennen. Eine kleine, bewusste Geste, die zu seiner Arbeitsweise passt: Herkunft als ein nicht abgeschlossenes Verhältnis von Linien und Schichten, nicht als feste Identität. Radić selbst formuliert es so: Manchmal müsse man seine Wurzeln selbst herstellen, das gebe einem Freiheit.

Sein Büro Smiljan Radić Clarke besteht seit 1995 in Santiago. Es bleibt bis heute klein. 2017 gründete er im eigenen Atelier die Fundación de Arquitectura Frágil, eine Stiftung, die experimentelle Architektur jenseits disziplinärer Grenzen unterstützt. Eine engste, durchgängige Konstante seiner Arbeit ist die Zusammenarbeit mit der Bildhauerin Marcela Correa, seiner Frau.

Wie kam Smiljan Radić zur Architektur?

Der Weg in die Disziplin war bei Radić kein epiphanischer. Den ersten Versuch der abschließenden Architekturprüfung an der Pontificia Universidad Católica de Chile bestand er nicht. Er verlängerte daraufhin seine Ausbildung und ging an das Istituto Universitario di Architettura di Venezia, das IUAV, um dort Geschichte und Ästhetik zu studieren. Das ist mehr als eine biografische Fußnote. Wer Radić heute mit seinen schweren Granitblöcken, seinen Membranen und seinen quasi-archäologischen Bauformen sieht, erkennt darin eine durch Venedig gefilterte Antike: nicht klassizistisch, sondern fragmentarisch, im Sinne von Carlo Scarpas Umgang mit Ruine, Schicht und Material.

Erste Begegnung mit Architektur als Disziplin hatte Radić als Vierzehnjähriger, als ein Zeichenlehrer ihm aufgab, ein Gebäude zu entwerfen. Aus dieser frühen Aufgabe sei kein Berufungserlebnis geworden, betont er, sondern eine lange Annäherung über Zweifel und Versuche. Diese Skepsis gegenüber dem dramatischen Beruf-Mythos bleibt seinem Werk eingeschrieben.

Welche Bauten prägen das Werk von Smiljan Radić?

Sein Werk umspannt fast vier Jahrzehnte und reicht von kleinen, fast informellen Bauten bis zu kulturellen Großprojekten. Es ist ein Werk ohne Signatur, ohne wiedererkennbare Form. Wiedererkennbar ist nur die Haltung.

Was zeichnet die Architektursprache von Smiljan Radić aus?

Wer Radićs Werke nebeneinander stellt, sucht vergeblich nach einer Signatur. Das ist beabsichtigt. Radić sagt von sich selbst, er sei kein Schöpfer neuer Formen. Was er stattdessen verfolgt, ist eine Methode: jedes Projekt als singuläre Untersuchung, ausgehend von ersten Prinzipien. Programm, Nutzung, anthropologisches Wissen über den Ort gehen vor. Der Ort selbst wird nicht nur physisch verstanden, sondern als kulturelle und biografische Schicht.

Daraus ergibt sich eine bemerkenswerte Bandbreite: vom Bushäuschen und vom Atelier bis zu Theaterbauten und Museumserweiterungen. Eine Hierarchie der Bauaufgaben spielt im Werk keine Rolle. Was bleibt, ist die Sorgfalt im Umgang mit Material, Konstruktion und Atmosphäre. Sein Werk wirkt oft schlicht oder elementar, ist aber präzise konstruiert. Die scheinbare Lässigkeit verbirgt eine genaue ingenieurtechnische Auseinandersetzung.

Radić selbst beschreibt seine Praxis als Arbeit in der Spannung zwischen großen, schweren, dauerhaften Formen, die Jahrhunderte unter der Sonne stehen, und kleinen, fragilen Konstruktionen, flüchtig wie das Leben einer Fliege. In diesem Zwischenraum versucht er, Erfahrungen mit emotionaler Präsenz zu schaffen, die zum Innehalten einladen, in einer Welt, die so oft mit Gleichgültigkeit an einem vorbeizieht.

Welche Rolle spielt das Material in seinem Werk?

Beton, Stein, Holz, Glas. Die Materialien sind nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist, wie sie zueinander in Beziehung gesetzt werden, um Gewicht, Licht, Klang und Geschlossenheit zu formen.

Wiederkehrend sind die Findlinge: tonnenschwere Granitblöcke, oft an einem benachbarten Ort gewonnen, eingelagert in oder neben das Bauwerk. Diese Steine zitieren keine Antike. Sie sind Antike. Sie sind älter als jedes Bauwerk, das auf ihnen aufliegt, und ihre Anwesenheit verändert die Wahrnehmung des Neuen. Das Haus wird dann nicht mehr nur Behausung, sondern Episode in einer geologischen Zeit.

Dem gegenüber stehen die Membranen: Fiberglasschalen, semitransparente Folien, lichtdurchlässige Hüllen. Sie sind das Gegenteil der Findlinge, kurz lebige Stoffe, die das Licht filtern, statt zu speichern. In dieser Spannung zwischen Stein und Membran liegt die formale Präzision von Radićs Werk. Es ist eine Architektur, die ihre Tragstruktur nicht versteckt, sie aber auch nicht zur Skulptur überhöht.

Wie begründet die Jury die Auszeichnung 2026?

Die Jury, vorsitzgeführt vom 2016er Preisträger Alejandro Aravena, formuliert die Begründung als ausdrückliche Abkehr vom Heldenbild der Disziplin. Radićs Werk verorte sich an der Schnittstelle von Unsicherheit, Materialexperiment und kultureller Erinnerung und bevorzuge Fragilität gegenüber jedem unbegründeten Anspruch auf Gewissheit. Seine Bauten erschienen temporär, instabil oder bewusst unfertig, fast am Rand des Verschwindens, böten aber gerade darin einen strukturierten, optimistischen und still freudvollen Schutzraum, der Verletzlichkeit als Bedingung gelebter Erfahrung annimmt.

Die Begründung beginnt mit einem Satz, der die Tonart des Pritzker 2026 setzt: Architektur, weil sie eine Kunst ist, die den Kern der menschlichen Existenz berührt. Die Jury hebt hervor, dass Radićs Bauten nicht für die Menschen sprächen, sondern es ihnen erlaubten, durch sie ihre eigene Stimme zu finden. Eine bewusste Distanzierung von der Geste der Stararchitektur.

Aravena selbst lobt Radić für seine radikale Originalität und die Tatsache, dass dieser unter unverzeihlichen Umständen arbeite, vom Rand der Welt aus, mit einer Praxis von wenigen Mitarbeitenden. Aravenas Formulierung, Radić mache das Nichtoffensichtliche offensichtlich, beschreibt eine Kernqualität dieser Arbeit: die Aufmerksamkeit für das Übersehene.

Der Jury gehörten neben Aravena unter anderem Anne Lacaton, Kazuyo Sejima, der frühere US-Verfassungsrichter Stephen Breyer, Deborah Berke, Dekanin der Yale School of Architecture, Barry Bergdoll, Hashim Sarkis und Manuela Lucá-Dazio an.

Was bedeutet die Auszeichnung für die Architektur in Lateinamerika?

Mit Radić wird zum zweiten Mal ein chilenischer Architekt geehrt. Aravenas Pritzker-Preis 2016 war vor zehn Jahren ein Signal, das laut Radić eine geteilte Vorstellung darüber geschaffen habe, dass Architektur in Chile von anderen Breiten aus mitgesprochen werden könne. Mit dem 2026er Preis verstärkt sich dieses Signal, und es verschiebt sich zugleich.

Aravena steht für sozial engagiertes, partizipatives Bauen, oft im Kontext von Wohnungsnot. Radić steht für eine andere, weniger interventionistische Position: nicht Lösung, sondern Erfahrung; nicht Aufklärung, sondern Aufmerksamkeit. Beide ergänzen einander. Sie zeigen, dass das, was als chilenische Architektur international wahrgenommen wird, kein einheitlicher Stil ist, sondern eine Konstellation. Eine Konstellation, die zunehmend für eine Architektur steht, die ohne den Druck der Form auskommt.

Für die Architektur im DACH-Raum ist diese Verschiebung relevant. Sie weist auf eine Praxis, die mit kleinem Büro, lokalem Material und ortsspezifischer Sorgfalt arbeitet. Eine Praxis, die sich nicht über Bildwirkung, sondern über die Erfahrung der Räume vermittelt. Wer in Deutschland, Österreich oder der Schweiz an die Frage denkt, wie kleine und freischaffende Büros arbeiten könnten, ohne sich der Logik großer Markenarchitektur zu unterwerfen, findet bei Radić ein Argument für die eigene Position.

Wann findet die Preisverleihung 2026 statt?

Die Bekanntgabe des Preisträgers wurde dieses Jahr leicht verzögert, nachdem Anfang 2026 veröffentlichte Dokumente eine langjährige Korrespondenz zwischen Tom Pritzker, dem Patron der namensgebenden Familie, und Jeffrey Epstein nachgewiesen haben. Pritzker trat als Executive Chairman der Hyatt Hotels Corporation zurück und zog sich aus operativen Belangen rund um den Preis zurück. Die Stiftung betont die Unabhängigkeit der Jury.

Smiljan Radić selbst hat den Preis angenommen. Auf eine Nachfrage erklärte er, die Zusammensetzung der Jury garantiere die Integrität der Auszeichnung. Seine eigene Obsession sei seit über drei Jahrzehnten die Architektur. Er glaube weiter daran, dass Architektur ein positiver Akt sei, und dass der Pritzker-Preis trotz der Umstände Teil dieses positiven Aktes bleibe.

Die Verleihung mit Übergabe der Bronzemedaille und des Preisgeldes von 100.000 US-Dollar findet traditionell im Mai statt. Den Ort gibt die Stiftung üblicherweise wenige Wochen vor der Zeremonie bekannt.

Welche weiteren Auszeichnungen hat Smiljan Radić erhalten?

Vor dem Pritzker-Preis sind Radićs Arbeiten unter anderem mit folgenden Auszeichnungen geehrt worden:

  • Best Architect Under 35, Colegio de Arquitectos de Chile, 2001

  • Oris Award, Kroatien, 2015

  • Arnold W. Brunner Memorial Prize, American Academy of Arts and Letters, 2018

  • Grand Prize, Pan-American Architecture Biennial of Quito, 2022

  • Honorary Member, American Institute of Architects (seit 2009)

  • Honorary Fellow, Croatian Academy of Sciences and Arts (seit 2020)

Aktuelle Projekte führen Radić nach Albanien, Spanien, in die Schweiz und nach Großbritannien. Das Werk wächst weiter, in derselben leisen Tonart, in der es 1995 begonnen hat.