Baukunst - Betonschätze – Das Versagen der österreichischen Raumplanungspolitik
Der Goldene Presslufthammer © Mitja Kobal / Greenpeace

Betonschätze – Das Versagen der österreichischen Raumplanungspolitik

24.09.2025
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Stuart Rupert

Der Goldene Presslufthammer: Ein Negativpreis als Katalysator für überfällige Debatten

Die kürzlich von Greenpeace verliehenen „Goldenen Presslufthämmer“ für Österreichs neun größte Betonwüsten markieren einen bemerkenswerten Moment in der berufspolitischen Landschaft der Baubranche. Was auf den ersten Blick wie eine medienwirksame Umweltaktion erscheint, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als schonungslose Offenlegung systemischer Versäumnisse in der österreichischen Planungs- und Baupolitik. Mit über 400 Nominierungen und 22.400 abgegebenen Stimmen hat die Zivilgesellschaft ein deutliches Signal gesetzt: Die Geduld mit der fortschreitenden Versiegelung ist erschöpft.

Daniel Fügenschuh, Präsident der Bundeskammer der Ziviltechnikerinnen und Ziviltechniker, bringt es auf den Punkt: „Österreich ist fertig bebaut.“ Diese Aussage aus dem Mund des obersten Standesvertreters markiert einen bemerkenswerten Paradigmenwechsel. Jahrzehntelang war die Kammer primär damit beschäftigt, die wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten und für ausreichende Bauaufträge zu sorgen. Nun positioniert sich die Standesvertretung als Vorreiterin einer Bauwende, die mehr Verzicht als Wachstum bedeutet.

Die Kammern im Spannungsfeld zwischen Tradition und Transformation

Die Unterstützung der Greenpeace-Aktion durch die Bundeskammer offenbart das Dilemma, in dem sich Architektinnen und Ingenieure befinden. Einerseits sind sie wirtschaftlich vom Bauen abhängig, andererseits tragen sie als Planende eine besondere Verantwortung für die räumliche Entwicklung. Diese Ambivalenz spiegelt sich in der Kammerarbeit wider: Während auf Bundesebene progressive Positionen zur Flächenversiegelung vertreten werden, kämpfen die Länderkammern oft noch um jeden Quadratmeter Bauland für ihre Mitglieder.

Die Diskrepanz zwischen dem politischen Anspruch und der beruflichen Realität zeigt sich exemplarisch am Gewinner des burgenländischen „Betonschatzes“: Das EKO Oberwart steht seit Jahren leer, die 2.200 Quadratmeter Parkfläche bleiben dennoch vollversiegelt. Hier versagen nicht nur Eigentümerinnen und Kommunalpolitiker, sondern auch die berufsständischen Kontrollmechanismen. Wo waren die mahnenden Stimmen aus den Kammern, als diese Flächen ursprünglich geplant und versiegelt wurden?

Honorarordnung und Haftungsfragen als Bremsklotz der Bauwende

Ein zentrales berufspolitisches Problem liegt in der Struktur der Honorarordnungen. Solange Architektenhonorare primär an Baukosten gekoppelt sind, fehlt der ökonomische Anreiz für flächensparende Lösungen. Die aktuelle HOAI-Diskussion in Deutschland und ähnliche Debatten in Österreich müssen diese Fehlanreize dringend adressieren. Eine Honorierung, die Entsiegelungsmaßnahmen und Bestandsumnutzungen gleichwertig zu Neubauten vergütet, wäre ein wichtiger Schritt.

Gleichzeitig blockieren Haftungsfragen innovative Ansätze: Planerinnen und Planer, die unversiegelte Flächen vorschlagen, tragen ein höheres Risiko. Ein Schlagloch auf einem geschotterten Parkplatz, eine rutschige Stelle auf wassergebundener Wegedecke – sofort stellt sich die Haftungsfrage. Die Versicherungswirtschaft und die Kammern müssen hier gemeinsam Lösungen entwickeln, die mutiges, nachhaltiges Planen nicht mit unverhältnismäßigen Risiken belasten.

EU-Richtlinien und nationale Trägheit

Die Europäische Union hat mit der Bodenstrategie 2030 und dem Ziel der Netto-Null-Versiegelung bis 2050 klare Vorgaben gemacht. Die nationale Umsetzung in Österreich lässt jedoch zu wünschen übrig. Der im Regierungsprogramm angekündigte „Zielpfad zur Reduktion des Bodenverbrauchs“ existiert nach wie vor nicht. Diese Untätigkeit der Politik setzt die Planenden unter Druck: Sie müssen zwischen kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen ihrer Auftraggeberinnen und langfristigen gesellschaftlichen Zielen navigieren.

Die Berufsverbände könnten hier eine aktivere Rolle spielen. Statt auf politische Vorgaben zu warten, sollten sie selbstverpflichtende Standards entwickeln. Ein „Kodex gegen Flächenfraß“, unterzeichnet von allen großen Planungsbüros, würde ein starkes Signal setzen und den politischen Handlungsdruck erhöhen.

Normung und Bauordnung als versteckte Versiegelungstreiber

Ein oft übersehener Aspekt sind die technischen Normen und Bauordnungen, die Versiegelung quasi vorschreiben. Stellplatzverordnungen, die pro Wohneinheit mehrere Parkplätze fordern, Feuerwehrzufahrten in überdimensionierten Breiten, Sicherheitsabstände, die jede verdichtete Bauweise verhindern – die Liste der gut gemeinten, aber kontraproduktiven Regelungen ist lang.

Die technischen Ausschüsse, in denen diese Normen entstehen, sind oft von konservativen Kräften dominiert. Junge Architektinnen und Ingenieure, die für nachhaltige Lösungen kämpfen, finden dort kaum Gehör. Die Kammern müssen ihre Entsendungspolitik in diese Gremien überdenken und progressive Stimmen stärken.

Die vergessene Macht der Gestaltungsbeiräte

Gestaltungsbeiräte könnten ein wichtiges Instrument gegen Flächenversiegelung sein – wenn sie entsprechend mandatiert wären. Derzeit konzentrieren sich die meisten Beiräte auf ästhetische Fragen und vernachlässigen ökologische Aspekte. Eine Reform der Beiratsstrukturen, die Klimaanpassung und Flächeneffizienz zu zentralen Bewertungskriterien macht, wäre dringend geboten.

Die Zusammensetzung dieser Gremien spiegelt oft noch die alte Garde wider: etablierte Architektinnen und Architekten, die ihre Reputation mit großzügigen Projekten aufgebaut haben. Eine Quote für Landschaftsplanerinnen, Ökologen und junge Planende könnte frischen Wind in diese verkrusteten Strukturen bringen.

Der schmale Grat zwischen Aktivismus und Professionalität

Die Greenpeace-Aktion stellt die Planenden vor eine grundsätzliche Frage: Wie politisch darf, wie politisch muss die Profession sein? Die traditionelle Vorstellung der unpolitischen Expertin oder des neutralen Experten ist angesichts der Klimakrise nicht mehr haltbar. Gleichzeitig riskieren Büros, die sich zu deutlich positionieren, den Verlust konservativer Auftraggeberinnen und Auftraggeber.

Die Standesvertretungen müssen ihren Mitgliedern den Rücken stärken. Ein klares Bekenntnis zur Bauwende, verbunden mit konkreter Unterstützung für Büros, die diesen Weg gehen, wäre ein wichtiges Signal. Förderungen für Umschulungen vom Neubau zur Bestandssanierung, Weiterbildungen in Entsiegelungstechniken oder die Einrichtung von Beratungsstellen für nachhaltige Planung wären konkrete Maßnahmen.

Ausblick: Von der Empörung zur systematischen Reform

Die „Goldenen Presslufthämmer“ haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Die mediale Aufmerksamkeit war enorm, die politischen Reaktionen folgten prompt. Doch ohne strukturelle Reformen wird sich wenig ändern. Die Berufsverbände müssen diese Dynamik nutzen und konkrete Forderungen formulieren: eine reformierte Honorarordnung, angepasste Haftungsregelungen, progressive Normen und eine aktivere Rolle in der Stadtentwicklung.

Die täglich neu versiegelten zehn Hektar – eine Fläche größer als alle Fußballplätze der Bundesligavereine zusammen – sind nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein berufspolitisches Armutszeugnis. Sie dokumentieren das Versagen einer ganzen Branche, die trotz besseren Wissens weiter baut, als gäbe es kein Morgen. Der „Goldene Presslufthammer“ ist daher mehr als ein Schmähpreis – er ist ein Weckruf an eine Profession, die sich neu erfinden muss.