
Das Bundesforschungszentrum für klimaneutrales Bauen: Vom gescheiterten Großprojekt zur dezentralen Hoffnung
Als der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages am 17. November 2023 beschloss, dem Bauforschungszentrum LAB (Living Art of Building) fast 70 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, schien ein Traum Wirklichkeit zu werden. Professor Manfred Curbach von der TU Dresden, der Vater des Carbonbetons und frisch gekürte Träger des Nobel Sustainability Academic Award 2025, hatte diese Idee gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen jahrelang verfolgt. Ursprünglich als Großforschungszentrum im BMBF-Wettbewerb für den Strukturwandel in der Lausitz konzipiert, unterlag das Projekt 2022 knapp dem Deutschen Zentrum für Astrophysik.
Doch Curbach und sein Team gaben nicht auf. Die Beharrlichkeit zahlte sich aus: Ende 2023 bewilligte der Bund 68,6 Millionen Euro, die Landkreise Bautzen und Görlitz sagten bis zu 450 Millionen Euro aus Strukturwandelmitteln zu. Die Vision von 1.250 Forscherinnen und Forschern in weltweit einmaligen Laboreinrichtungen schien greifbar. Dann kam der Koalitionsbruch, politische Unsicherheit und ein langer Diskussionsprozess zwischen Bund und Ländern.
Vom LAB zum BFZ: Transformation eines Konzepts
Am 24. November 2025 unterzeichneten Vertreter des Bundesbauministeriums sowie der Länder Sachsen, Thüringen und Baden-Württemberg ein Eckpunktepapier, das die Konturen des neuen Bundesforschungszentrums für klimaneutrales und ressourceneffizientes Bauen (BFZ) festlegt. Der Vereinssitz wird Bautzen, dazu kommen Standorte in Weimar und voraussichtlich Stuttgart. Der Bund investiert 52,5 Millionen Euro für den Zeitraum 2026 bis 2028. Pro Standort können jährlich bis zu fünf Millionen Euro eingesetzt werden.
Die Ernüchterung ist greifbar: Das ursprüngliche Großforschungszentrum mit seinen ambitionierten Plänen ist einem dezentralen Forschungsnetzwerk gewichen. Sachsen investiert zusätzlich bis zu 100 Millionen Euro in unterstützende Forschungsinfrastruktur, doch die Summe relativiert sich, wenn man bedenkt, dass darin auch bereits zugesagte Mittel für das Forschungsgebäude in Görlitz enthalten sind. Staatsministerin Regina Kraushaar sprach dennoch von einem ‚guten Ergebnis nach einem langen und intensiven Diskussionsprozess‘. Diplomatischer lässt sich die Geschichte kaum zusammenfassen.
Warum die Bauforschung so dringend notwendig ist
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Bis zu 40 Prozent aller CO₂-Emissionen in Deutschland entstehen durch die Herstellung von Baustoffen wie Zement, Stahl und Glas sowie die Heizung und Kühlung von Gebäuden. Der Gebäudesektor ist dabei der einzige Bereich, der seine Klimavorgaben regelmäßig verfehlt. Neubauten verursachen bereits die Hälfte ihrer gesamten Treibhausgasemissionen vor der ersten Nutzung. Bauabfall macht fast 60 Prozent des jährlichen Abfallvolumens in Deutschland aus.
Deutschland hat sich verpflichtet, bis 2045 Treibhausgasneutralität zu erreichen. Die Projektionsdaten des Umweltbundesamtes von 2025 zeigen: Mit den aktuellen Maßnahmen erreicht Deutschland bis 2040 nur eine Minderung um 80 Prozent statt der geforderten 88 Prozent. Besonders im Gebäudesektor klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Genau hier setzt das BFZ an: neue Werkstoffe, ressourceneffiziente Bauverfahren, CO₂-arme Baustoffe und kreislauforientierte Bauweisen sollen erforscht und schnell in die Praxis überführt werden.
Carbonbeton als Blaupause für die Bauwende
Was möglich ist, zeigt die Erfolgsgeschichte des Carbonbetons, die ebenfalls an der TU Dresden begann. Professor Curbach und sein Team entwickelten einen Verbundwerkstoff, der Stahlbeton in vielen Anwendungen ersetzen kann. Carbonbeton ermöglicht bis zu 80 Prozent weniger Materialverbrauch und reduziert den CO₂-Ausstoß bei der Herstellung um etwa 50 Prozent. Das Innovationshaus CUBE auf dem Campus der TU Dresden demonstriert eindrucksvoll, wie zukunftsfähiges Bauen aussehen kann. Die Bauwerke halten nicht 80, sondern bis zu 200 Jahre, weil die Kohlenstofffaserbewehrung nicht rostet.
Das BMBF förderte den Verband C³ (Carbon Concrete Composite) mit über 43 Millionen Euro. Mehr als 150 Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden arbeiten daran, das Material marktfähig zu machen. Diese Forschungs- und Transferlandschaft ist ein Vorbild für das, was das BFZ erreichen soll: die systematische Überführung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Baupraxis.
Der kritische Blick: Reicht das aus?
Bei aller Freude über das, was erreicht wurde, bleibt die Frage, ob das beschlossene Konstrukt den Herausforderungen gerecht wird. Das dezentrale Netzwerk nutzt vorhandene Forschungsstrukturen, etwa das Exzellenzcluster CARE an der TU Dresden oder die MFPA Weimar. Ob diese Struktur jedoch die nötige Schlagkraft entwickelt, um den Paradigmenwechsel im Bauwesen voranzutreiben, muss sich erst zeigen.
Ab Anfang 2026 sollen pilotartige Forschungsprojekte starten. Bundesbauministerin Verena Hubertz betonte, das Zentrum solle nicht nur Forschungslücken schließen, sondern auch Motor sein für den Transfer von frischen Ideen, mutigen Ansätzen und schnellen Innovationen in die Baupraxis. Die Bauwirtschaft, mittelständisch geprägt und oft innovationsskeptisch, wartet dringend auf praxistaugliche Lösungen. Die Zeit drängt: Ohne grundlegende Veränderungen in der Art, wie gebaut wird, sind die Klimaziele nicht zu erreichen. Das BFZ ist ein Anfang, nicht mehr und nicht weniger.

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