Baukunst - Charlotte Perriand in Krefeld: Wenn französische Moderne auf Mies van der Rohe trifft
Charlotte Perriand © VG Bild-Kunst, Bonn, 2025 Photo- Dirk Rose

Charlotte Perriand in Krefeld: Wenn französische Moderne auf Mies van der Rohe trifft

14.12.2025
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Claudia Grimm

Krefelder Retrospektive verbindet französische Gestalterin mit deutschem Bauhaus-Erbe

Es gibt Ausstellungen, die funktionieren trotz ihrer Räume. Und es gibt solche, die erst durch ihre Räume zu dem werden, was sie sein können. Die Retrospektive Charlotte Perriand. L’Art d’habiter / Die Kunst des Wohnens in den Kunstmuseen Krefeld gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Wenn die Entwürfe einer französischen Gestalterin, die das moderne Wohnen neu definierte, in den Villen eines deutschen Architekten gezeigt werden, der ebenfalls das moderne Wohnen neu definierte, dann ist das mehr als kuratorischer Zufall. Es ist ein Dialog über Jahrzehnte hinweg.

Zwei Visionen, ein Anliegen

Charlotte Perriand (1903 bis 1999) und Ludwig Mies van der Rohe (1886 bis 1969) kannten sich vermutlich, bewegten sich in denselben Kreisen der europäischen Avantgarde. Beide arbeiteten in den späten zwanziger Jahren an der Frage, wie zeitgemäßes Wohnen aussehen könnte. Während Mies 1927 bis 1930 für die Krefelder Seidenfabrikanten Hermann Lange und Josef Esters zwei benachbarte Villen entwarf, entwickelte Perriand im Atelier von Le Corbusier jene Stahlrohrmöbel, die heute zu den Ikonen des 20. Jahrhunderts zählen. Die Chaise Longue Basculante, der Fauteuil Grand Confort, das Bücherregal Mexique: Entwürfe, die den Menschen ins Zentrum stellten, nicht die Form.

Dass diese Möbel nun in den Räumen von Haus Lange und Haus Esters stehen, erschließt eine Dimension, die keine noch so aufwendige Museumspräsentation erreichen könnte. Museumsdirektorin Katia Baudin, die die Ausstellung gemeinsam mit Waleria Dorogova kuratiert hat, spricht von einem Contrepoint zum Bauhaus. Das ist bescheiden formuliert. Es ist vielmehr eine Begegnung auf Augenhöhe zweier Protagonistinnen und Protagonisten der Moderne, die unterschiedliche Wege gingen, aber dasselbe Ziel verfolgten: Gestaltung als Mittel zur Verbesserung des Alltags.

Der Ort macht den Unterschied

Haus Lange und Haus Esters sind keine neutralen White Cubes. Die von Mies van der Rohe mit seiner Partnerin Lilly Reich bis ins Detail gestalteten Backsteinvillen verkörpern selbst eine Haltung zum Wohnen. Die fließenden Raumübergänge, die bodentiefen Fenster, die im Haus Lange sogar komplett in den Keller versenkt werden können, die durchkomponierten Sichtachsen vom Eingang bis in den Garten: All das macht diese Häuser seit 1955 beziehungsweise 1981 zu anspruchsvollen, aber auch zu inspirierenden Orten für zeitgenössische Kunst.

Die Ausstellung nutzt diese Qualität konsequent. Im Kaiser Wilhelm Museum am Joseph Beuys Platz entfaltet sich die chronologische Werkschau über zwei Etagen. Höhepunkt ist die maßstabsgetreue Rekonstruktion des Salon d’Automne von 1929, jener Rauminstallation, die Perriand gemeinsam mit Le Corbusier und Pierre Jeanneret für die Pariser Herbstausstellung schuf. Der Möbelhersteller Cassina, der die Entwürfe bis heute produziert, hat diese Rekonstruktion ermöglicht. Besucherinnen und Besucher können hier tatsächlich auf den Möbeln Platz nehmen, was mehr über Perriands Gestaltungsphilosophie vermittelt als jeder erklärende Wandtext.

Synthese der Künste in historischen Wohnräumen

In Haus Lange widmet sich die Präsentation Perriands Leitmotiv der Synthèse des Arts, der Verbindung von Architektur, Design und bildender Kunst. Ihre prägenden Aufenthalte in Japan, Indochina und Brasilien werden hier ebenso beleuchtet wie die Zusammenarbeit mit Künstlerpersönlichkeiten wie Fernand Léger und Isamu Noguchi. Die ehemaligen Wohnräume der Familie Lange, das Damenzimmer, der Essbereich, die repräsentative Halle, werden dabei zu Kulissen, die Perriands Möbel in einen authentischen Kontext setzen. Ein Nuage-Regal mit Aluminiumelementen trennt hier den Essbereich vom Wohnraum, ein Petit bureau en forme libre verwandelt das Damenzimmer in ein elegantes Homeoffice.

Besonders berührend ist ein Einzelstück aus dem Centre Pompidou: der Tisch Forme libre six pans von 1938, den Perriand für ihre Dachgeschosswohnung im Montparnasse anfertigen ließ. Asymmetrisch, aus wiederverwertetem Nadelholz der Weltausstellung 1937, platzsparend für sechs Personen: Dieser Tisch hat, wie Katia Baudin betont, Manifest-Charakter. Er verabschiedet sich von den Dogmen der frühen Moderne, vom Primat des Stahls und der industriellen Fertigung, und weist voraus auf jene Nachhaltigkeit, die heute wieder im Zentrum architektonischer Debatten steht.

Aktualität einer Gestaltungshaltung

Charlotte Perriand stellte zeitlebens den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Ihre Minimalbehausungen der Zwischenkriegszeit, ihre modularen Aufbewahrungssysteme der Nachkriegsjahre, ihr Gesamtkunstwerk Les Arcs in den französischen Alpen, an dem sie über zwanzig Jahre arbeitete: Immer ging es um die Frage, wie Gestaltung den Alltag verbessern kann. Diese Haltung verbindet sie mit Mies van der Rohe, der in Krefeld ebenfalls keine reinen Kunstobjekte schuf, sondern Häuser, in denen Menschen leben sollten.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 15. März 2026 und wandert anschließend nach Salzburg und Barcelona. Für Krefeld ist sie mehr als eine prestigeträchtige Schau. Sie ist ein Statement dafür, dass die Stadt am Niederrhein mit ihrem Mies van der Rohe-Erbe, den Villen und den erhaltenen Verseidag-Fabrikgebäuden, zu den bedeutenden Orten der europäischen Architekturmoderne gehört. Dass diese Bedeutung nun durch den Dialog mit einer französischen Gestalterin unterstrichen wird, ist eine kluge kuratorische Entscheidung. Charlotte Perriand hätte sie vermutlich gefallen.


BESUCHERINFORMATIONEN

Ausstellung: Charlotte Perriand. L’Art d’habiter / Die Kunst des Wohnens

Laufzeit: 2. November 2025 bis 15. März 2026

Ausstellungsorte:

Kaiser Wilhelm Museum Joseph-Beuys-Platz 1 47798 Krefeld

Haus Lange und Haus Esters Wilhelmshofallee 91–97 47800 Krefeld

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 11:00 bis 17:00 Uhr Montags geschlossen Geschlossen am 24., 25. und 31. Dezember

Kontakt: Telefon: +49 2151 975580 E-Mail: servicekunstmuseen@krefeld.de Web: www.kunstmuseenkrefeld.de

Besondere Angebote:

  • Museums-App mit Media-Guide, Quiz und Spiel
  • Virtual-Reality-Anwendung zum “Refuge Tonneau”
  • WohnLab im Studio 2: Interaktives Design-Labor
  • Führungen und Workshops (4 Euro zzgl. Eintritt)

Katalog: Charlotte Perriand. The Art of Living Hrsg. Katia Baudin, Waleria Dorogova 256 Seiten, 200 Farbabbildungen Museumsausgabe: 44 Euro (erscheint Februar 2026)