Baukunst - Das Mainberg-Dilemma: Zur prekären Lage privater Denkmaleigentümer in Bayern
Schonungen? © Baukunst.art

Das Mainberg-Dilemma: Zur prekären Lage privater Denkmaleigentümer in Bayern

20.09.2025
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Claudia Grimm

Kann sich Bayern seine Denkmäler noch leisten? Ein Beispiel aus Schonungen

Zwischen Rettungsversuch und Resignation

Majestätisch thront Schloss Mainberg über dem Main. Doch der märchenhafte Eindruck täuscht. Die 800 Jahre alte Anlage, einst Geburtsort des Jet-Set-Fotografen Gunter Sachs, verkörpert exemplarisch das Dilemma der bayerischen Denkmalpolitik. Seit April 2025 steht das Schloss für drei Millionen Euro zum Verkauf – ein verzweifelter Versuch, das bauhistorische Juwel vor dem endgültigen Verfall zu bewahren.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. 32 Millionen Euro jährlich stellt der bayerische Entschädigungsfonds für Denkmäler bereit, finanziert je zur Hälfte von Freistaat und Kommunen. Eine Summe, die angesichts von rund 115.000 Baudenkmälern im Freistaat wie ein Tropfen auf den heißen Stein wirkt. Pro Denkmal stehen rechnerisch gerade einmal 280 Euro zur Verfügung – nicht einmal genug für eine fachgerechte Begutachtung.

Schloss Mainberg: Paradigma einer verfehlten Strategie

Der Fall Schonungen illustriert die Misere eindrücklich. Nach langem Kampf hat der Freistaat gerade 700.000 Euro zugesagt, um das Schloss in Privatbesitz wenigstens vorm gröbsten Verfall zu bewahren. Eine Notmaßnahme, mehr nicht. Bürgermeister Stefan Rottmann bringt die Problematik auf den Punkt: „Da sich zudem der Berg insgesamt bewegt, ist das Schloss in Gefahr“. Die geologischen Herausforderungen verschärfen eine ohnehin prekäre Situation.

Die historistisch-spätromantische Innenausstattung des Schlosses, zwischen 1915 und 1920 von Franz Rank für den Industriellen Ernst Sachs geschaffen, gilt als einzigartiges Gesamtkunstwerk dieser Epoche in Bayern. 28 Zimmer, ein Rittersaal mit Orgel, kunstvolle Fresken – all das droht verloren zu gehen. Die aktuelle Eigentümerin Renate Ludwig kann die Erhaltungskosten nicht stemmen. Ihre Preisvorstellung von ursprünglich fünf Millionen Euro musste sie bereits auf drei Millionen reduzieren.

Strukturelle Defizite der bayerischen Denkmalförderung

Die Probleme sind systemisch. Zur Festlegung der Art sowie Höhe der Zuwendung erfolgt in jedem Einzelfall eine auf die individuellen finanziellen Verhältnisse des jeweiligen Eigentümers abgestimmte Zumutbarkeitsprüfung. Dieses bürokratische Verfahren verzögert dringend notwendige Rettungsmaßnahmen oft um Jahre. Währenddessen schreitet der Verfall unaufhaltsam voran.

Die Förderstrukturen selbst sind ein Flickenteppich aus Bundes-, Landes- und kommunalen Programmen, ergänzt durch private Stiftungen. Bis einschließlich 2024 wurden zwölf Denkmalschutz-Sonderprogramme mit einem Gesamtvolumen von rund 547 Millionen Euro umgesetzt – bundesweit wohlgemerkt, nicht nur für Bayern. Die Konkurrenz um diese Mittel ist entsprechend hart.

Regionale Besonderheiten verschärfen die Krise

Unterfranken steht vor besonderen Herausforderungen. Die Region verfügt über eine außergewöhnlich hohe Denkmalsdichte, von mittelalterlichen Stadtkernen bis zu barocken Residenzen. Gleichzeitig fehlen oft die wirtschaftsstarken Investorinnen und Investoren, die in prosperierenden Metropolregionen Denkmäler als Prestigeobjekte erwerben.

Die lokalen Bauordnungen und denkmalpflegerischen Auflagen schaffen zusätzliche Hürden. Gefördert werden die reinen denkmalpflegerischen Mehraufwendungen, heißt es in den Förderrichtlinien. Doch diese Mehrkosten können schnell astronomische Höhen erreichen, besonders wenn historische Handwerkstechniken und Materialien zum Einsatz kommen müssen.

Innovative Ansätze und Modellprojekte

Hoffnung machen vereinzelte Erfolgsgeschichten. Das Forschungsprojekt „GreenHeritage 360°“ etwa erprobt in Augsburg klimafreundliche Revitalisierungsstrategien für denkmalgeschützte Infrastrukturbauten. Solche Ansätze könnten Blaupausen für die Zukunft liefern.

Auch die Idee regionaler Netzwerke gewinnt an Bedeutung. Fördervereine, Bürgerinitiativen und lokale Unternehmen schließen sich zusammen, um „ihre“ Denkmäler zu retten. Der Förderverein Schloss Mainberg kämpft seit Jahren für den Erhalt der Anlage – bislang mit überschaubarem Erfolg.

Zeit für einen Paradigmenwechsel

Der Historiker Thomas Horling kritisiert die bayerische Fokussierung auf Feudal- und Monarchiegeschichte. Andernorts werde das Leben früherer Industriebarone längst touristisch präsentiert, argumentiert er. Die Geschichte der Industriellenfamilien Sattler und Sachs auf Schloss Mainberg böte enormes touristisches Potenzial – wenn man es denn zu nutzen wüsste.

Die Forderung nach einer Übernahme problematischer Denkmäler in Staatsbesitz wird lauter. Eine Möglichkeit wäre es, Schloss Mainberg in das Eigentum des Freistaats zu überführen, schlägt die grüne Landtagsabgeordnete Rosi Steinberger vor. Ein runder Tisch mit allen Beteiligten könnte Perspektiven entwickeln.

Fazit: Handeln, bevor es zu spät ist

Bayern steht an einem Scheideweg. Entweder gelingt es, die Denkmalförderung grundlegend zu reformieren und finanziell deutlich besser auszustatten, oder der Freistaat wird einen erheblichen Teil seines baukulturellen Erbes verlieren. Über 1 Milliarde Euro aus dem Entschädigungsfonds konnten bisher landesweit für Denkmalsanierungen zur Verfügung gestellt werden, mit einem geschätzten Sanierungsvolumen von vier Milliarden Euro. Diese Zahlen zeigen: Denkmalschutz ist auch ein Wirtschaftsfaktor.

Der Fall Schloss Mainberg mahnt zum Handeln. 30 Jahre früher hätte die Rettung günstiger sein können, wie das Denkmalnetz Bayern anmerkt. Jetzt braucht es mutige Entscheidungen – und vor allem: ausreichende Mittel. Sonst wird aus dem „fränkischen Neuschwanstein“ bald eine malerische Ruine. Ein Schicksal, das viele weitere bayerische Denkmäler teilen könnten.